Jennifer Fischer (38) aus Affoltern ZH über ihre Horrorferien «Ich musste in Albanien um Essen betteln!»

Als es keine Sozialhilfe mehr gibt, wird aus der Reise ein dreimonatiger Albtraum.

  • Publiziert: 28.10.2012, Aktualisiert: 29.10.2012
  • Von Roland Gamp

Nur knapp erhellt der Schein der Taschenlampe die Wohnung von Familie Fischer. Tochter Shereen (3) tappt auf Mutter Jennifer (38) und Schwester Ayla (14) zu. «Ich will eine Ovi», sagt sie. Niemand reagiert. Die Mutter streicht der Kleinen übers Haar. «Wir haben keinen Strom, kein warmes Wasser, kein Essen», sagt sie. «Wie soll ich das Shereen erklären?»

Sie kann es nicht. Genauso wenig kann sie sich erklären, wieso sie in ihrer Wohnung in Affoltern am Albis ZH im Dunkeln sitzt.

«Vor drei Monaten waren wir eine glückliche Familie, die in die Ferien wollte», so Fischer. Mitte Juli ver­reisen die drei nach Albanien. Mit dem schwarzen VW Touareg der Schwester.

Es sind sorglose Tage. Sekundarschülerin Ayla: «Wir waren oft am Meer, haben zusammen gegessen und geplaudert – es war megatoll!» Dann beginnen die Probleme: «Seit Februar bin ich arbeitslos, beziehe So­zialhilfe», erklärt Jennifer Fischer, die früher bei einer Autovermietung angestellt war.

Kein Geld für die Rückreise

Das Geld ist knapp, für die Rückreise mit dem Auto hat sie 700 Franken berechnet. «Doch das Konto war leer. Der Sozialdienst teilte mir auf Anfrage mit, dass ich eine Quittung für Möbel nicht vorgezeigt hätte. Deshalb seien die Sozialgelder gestrichen. Meine Familie konnte ich nicht um Geld fragen. Die haben selber nicht viel.»

Nach langem Hin und Her wird das Geld am 10. August überwiesen. Doch mittlerweile hat Jennifer Fischer gesundheitliche Probleme, ihr Knie ist plötzlich massiv geschwollen. Sie kann nicht mehr Auto fahren! «Ich musste in Albanien operiert werden, blieb eine Woche im Spital.» Als sie die Rechnung zahlen will, fehlen wieder die Zahlungen der Gemeinde: «Als Sozialhilfebezüger darf ich nur vier Wochen Ferien machen. Doch mit den ganzen Verzögerungen waren wir nun bereits länger in Albanien.»

Es vergehen nochmals zehn Tage, dann rea­giert die Behörde und überweist Geld für die Operation und die Reise. Mit dem Auto möchten die Fischers endlich auf die Fähre nach Italien.

Aber bei der Grenze werden sie gestoppt. Durch die Verzögerungen ist der Pass von Tochter Shereen abgelaufen. «Wir mussten zurück auf die Schweizer Botschaft, um einen Notpass zu organisieren», so die Mutter.

Nun fehlt wieder Geld: für Benzin, Essen oder eine Unterkunft. «Wir lebten praktisch auf der Strasse», sagt Ayla. Die Familie schläft im Auto unter dünnen Decken. «Wir sind zusammengerutscht, um in den kalten Nächten nicht zu frieren.»

«Leute schenkten uns Äpfel und Brot»

Die Mutter fragt auf Raststätten nach Kleingeld und Essen. «Ich musste betteln. Manche Leute schenkten uns Äpfel und Brot. Andere haben gelacht: ‹Ihr Schweizer seid doch reich, oder nicht?› Das war so beschämend für mich.»

Mühsam bringt Fischer die rund hundert Franken für den Ersatzpass zusammen.

Für die Rückreise aber will der Sozialdienst weiterhin nichts berappen. In einem E-Mail an die Mutter heisst es: «Da Sie mit dem Auto unterwegs sind, sollte die Heimreise nun kein Problem sein.» Fischer kontert: «Haben die nicht gewusst, dass auch Benzin etwas kostet?»

Die Mutter gibt nicht auf. «Das konnte ich ja auch nicht. Ich selber hielt es einigermassen aus. Aber meine Kinder? Shereen war irgendwann nur noch kaputt und müde. Für Ayla war es noch schlimmer, weil sie alles bewusst miterleben musste.» Angst macht ihr vor allem, dass die Tochter die Schule verpasst.

Da kommt ihr die Idee, Druck über die Vormundschaftsbehörde zu machen. «Wenn mir schon keiner hilft, dann wenigstens den Kindern.»

Am 12. Oktober, drei Monate nach der Abreise, schickt die Gemeinde 600 Franken. «Ich wollte einfach nur nach Hause», so Ayla. «Dorthin, wo ich ein Bett habe. Eine Dusche, meine Kolleginnen, meine Schule.»

Zu Hause ohne Strom

Als sie dann aber daheim den Koffer abstellt und Licht machen will, passiert nichts. Ihre Mutter realisiert: «Wegen unserer dreimonatigen Abwesenheit wurden die Rechnungen nicht bezahlt, jetzt sitzen wir ohne Strom da.»

Die Kleinste, Shereen, kommt wieder angetrippelt.

Sie stellt ihr Stofftier neben die Taschenlampe, die Plüschkatze leuchtet im Dunkeln. «Guck da, Licht», sagt sie stolz. Die Mutter hält die Tränen zurück. «Ich bin so oft hingefallen. Nur dank meiner Töchter habe ich noch Kraft, wieder aufzustehen.»

Der Sozialdienst von Affoltern am Albis äusserte sich auf Anfrage von BLICK nicht zum Fall von Familie Fischer.

Beliebteste Kommentare

  • Adrien  Roxx , Berlin , via Facebook
    Wieso fährt man in Urlaub wenn man Arbeitslos ist, kein Geld hat, ein kleines Kind hat usw?
  • Rege  Weissmüller , via Facebook
    bekomme ich auch sozialhilfe damit ich im ausland ferien machen kann? mag das der familie ja gönnen. kommt mir aber doch irgendwie spanisch vor. sorry.

Alle Kommentare (72)

  • Kurt  von Allmen , Lenzburg
    VW Touareg ca. CHF 120000 Sozialhilfe und arbeitslos, ich komme mir nur noch blöd vor, krampfe für meinen Kleinwagen und tägliches Auskommen Tag für Tag.
  •   Jacqueline Castrischer , Flims
    Vor zwei Tagen im Blick: Zigaretten werden teurer, das spült 50 Mio. pro Jahr zusätzlich in die Kasse. Gestern im Blick: AHV in Gefahr und irgendwelche Szenarien, die Renten zu retten. Heute dann, wie mache ich Ferien auf Kosten des Steuerzahlers. Läuft da nicht einiges gewaltig schief? Und immer auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung.
  •   Milena Vasic , biel
    Wenn man den Titel liest denkt man gleich "oh gott, betteln, in Albanien, was für ein schreckliches Land". Dabei ist der Ferienort Albanien eine Nebensache in dieser Geschichte aber wird gleich wieder aufgepusht. Es hätte genau so gut ein beliebtes Ferienziel wie Spanien oder Italien sein können, nur denkt jeder bei Albanien gleich anders.. Traurig aber wahr..
    Und zu der Frau, als ich die Geschichte gelesen habe dachte ich im ersten Augenblick "wie hart". Aber mit einem VW Tuareg in die Ferien? Dass kann ich mir fast nicht leisten, schon klar geht da das ganze Geld fürs Benzin drauff? Und wieso musste es denn Albanien sein, mit einem knappen Portemonnaie würde ich mir ja ein näheres Ferienziel suchen, Italien, Frankreich oder so.. Naja
  • Isenschmid  René
    Sicherlich eine Verkettung unglücklicher Zustände und sicherlich ist die Familie aus dem einen oder anderen Grund finanziell nicht auf Rosen gebettet. Aber ich verstehe nicht, warum man so etwas öffentlich macht. Wenn man nun mal knapp bei Kasse ist, fährt man halt nicht in den Urlaub. Wo ist das Problem? Man kann auch in der Schweiz viel unternehmen. Abgesehen davon ist dieses Auto ein Benzinfresser und die Sache mit dem Sozialamt muss man halt vorher ganz genau planen bevor man sich ins Ausland absetzt. Tut mir Leid, aber solche Dinge passieren nun mal wenn man die eigenen finanziellen Zustände nicht genau einschätzen und eine Auslandsreise trotz knapper Kasse nicht genau plant.
  • Adriano  Russenberger , via Facebook
    3 Monate ferien bezhalt vom sozialamt schön muss es sein arbeitslos zu sein für was arbeite ich noch??
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