Schweinegrippe Hohe Impfrate könnte Tausende retten

  • Publiziert: 12.11.2009, Aktualisiert: 02.01.2012
  • Von Michael Scharenberg
play Das Bild täuscht: Trotz der Schlange vor dem Impfzentrum Zürich wollen sich die allermeisten Schweizer nicht impfen lassen. (Keystone)

ZÜRICH – Wird es wegen der Schweinegrippe Tote in der Schweiz geben? Experten erwarten das. Die Frage ist: Wie viele? Auf die Impfrate kommts an.

Die Zahlen sehen bedrohlich aus. An der Schweinegrippe sollen in der Schweiz in dieser Wintersaison Tausende von Menschen sterben. Bei einer Bevölkerung von 7,7, Millionen wären das im Ganzen 7700. In den Kantonen sähe das so aus: 1300 in Zürich zum Beispiel, knapp 1000 in Bern, 470 in St. Gallen und immerhin noch 70 im bevölkerungsarmen Jura. So war es in den Medien zu lesen.

Diese Zahlen kann jeder selbst hochrechnen, der in den Schweizer Pandemieplan des Bundesamts für Gesundheit schaut. Dieser beschreibt das Vorgehen des Bundes bei einer Grippewelle wie jetzt. Bei einer Rate von 100 Toten pro 100000 Erkrankte kommt man auf die erwähnten Zahlen. Das macht Angst. Denn die übliche Grippe, die uns jeden Winter belästigt, fordert «nur» 400 bis 1000 Tote pro Jahr.

Diese Zahlen seien allerdings mit Vorsicht zu geniessen, erklärt Prof. Werner Wunderli, Zürcher Virologe und Leiter des Pandemieplans gegenüber Blick.ch. «Sie wurden im letzten Jahr hochgerechnet und sind Annahmen für ein Worst-case-Szenario.»

Auf die Impfrate kommts an

Und: «Die Zahlen gelten für eine ungeimpfte Bevölkerung», so Wunderli. Welchen Effekt erhofft sich der Virologe von der jetzt anlaufenden Impfung? «Das hängt natürlich davon ab, wie viele Menschen wie schnell geimpft werden können», erklärt Wunderli. Lasse sich nur etwa jeder Zehnte impfen, dürfte uns die Schweinegrippe ungehindert überrollen: «Aber bei einer Impfrate von 50 Prozent sollten wir eine erste Bremswirkung feststellen können. Und bei 80 Prozent müssten wir die Ausbreitung der Schweinegrippe stoppen können.»

Bis dahin ist es aber ein weiter Weg. Denn nach den letzten Umfragen wollen weniger als 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung den Arm zum Pieks hinhalten. «Das bedaure ich», sagt Wunderli. Zeigt aber auch Verständnis für den Widerstand gegen die Impfung. Denn die unkoordinierte Information der Bevölkerung sei wenig nützlich gewesen.

«Trotzdem plädiere ich für die Impfung», sagt Wunderli. «Und zwar nicht nur zum Schutz des Einzelnen. Sondern auch für die Gesellschaft.» Die Schweinegrippe sei nun einmal extrem ansteckend. «Wenn erst einmal 20, 30 Prozent der SBB-Angestellten mit Grippe im Bett liegen, haben wir alle ein Problem.»

800 Todesfälle in Europa

Aktuelle Zahlen für die Schweiz sind schwer erhältlich. In Europa, so Wunderli, geht man derzeit von unter 100 Problemfällen pro 100000 Infizierte aus. Hier werden aber Tote und schwere Komplikationen zusammengerechnet. Gefährdet sind, wie in der Schweiz, vor allem die Unter-2-Jährigen und die Über-60-Jährigen. Probleme macht ihnen vor allem die von der Schweinegrippe ausgelöste virale Lungenentzündung. Erwachsene mittleren Alters infizieren sich zwar rasant, kommen aber eher glimpflich davon. Bisher sind in Europa dieses Jahr rund 800 Menschen an der Schweinegrippe gestorben.

Der Chat zum Thema

Am Freitag, 13.11., 11-12 Uhr, beantwortet der Immunologe Beda Stadler (59) auf Blick.ch Ihre Fragen zur Schweinegrippe und zur Impfung. Stadler betont, der Chat sei keine Sprechstunde.
play Bedauert die mangelnde Impfbereitschaft: Virologe Professor Werner Wunderli, Zürich. (SonntagsBlick)