Hilferuf von Hausärztin Vera Stucki-Häusler (47) «Die Kosten dürfen nicht alles bestimmen»

ZÜRICH - Die Zürcher Ärztin Vera Stucki-Häusler macht ihre Sorgen öffentlich. In einem offenen Brief an die Zürcher Bevölkerung erklärt sie, warum sie den Beitrag der Ärzte mit eigener Praxis so wichtig für die Gesundheitsversorgung hält.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Mit Pfefferspray und Schlägen Erbitterter Scheidungskrieg um Hund
2 Postkarten für behinderte Denise Facebook-Aufruf berührt die Schweiz
3 «Gut für Menschen ohne Kinder, Humor und Moral» Darum meiden...

Schweiz

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
0 shares
4 Kommentare
Fehler
Melden

Die Hausärzte sind das Rückgrat des Schweizer Gesundheitssystems. Noch. Denn es gibt immer weniger Arztpraxen – vor allem auf dem Land.

Eine, die sich deswegen Sorgen macht, ist die 47-jährige Allgemeinmedizinerin Vera Stucki-Häusler. Nachdem sie mehrere Jahre als Kaderärztin auf einer Notfallstation gearbeitet hatte und auch Assistenzärzte ausgebildet hat, übernahm sie 2015 eine Hausarzt-Praxis in der Stadt Zürich. Ihre Motivation: «Ich finde es fachlich extrem spannend, wenn man als Ärztin Patientinnen und Patienten sorgfältig und langfristig begleiten kann.» So könne man ihnen bei kleinen und grösseren Erkrankungen beistehen.

Nach mehr als einem Jahr ist ihr Fazit ernüchternd: «Ich habe den Assistenzärzten, die ich betreut habe, immer eingebläut, dass das Gespräch mit dem Patienten und die Untersuchung des Körpers ­95 Prozent einer guten Diagnose ausmachen.» Wenn man die Patienten ernst nehmen wolle, müsse man auf sie eingehen können. All das benötige Zeit. Stucki-Häusler: «Nur wird genau das von den bisherigen Tarifen zu wenig oder gar nicht honoriert.»

Kosten für die Praxen sind gestiegen

Auch sonst sieht sie die Praxen finanziell unter Druck. So seien in den 13 Jahren, seit der Tarif letztmals angepasst worden ist, viele Kosten gestiegen oder neue dazugekommen: «E-Health, Digitalisierung der Medizin oder elektronische Krankendossiers sind zwar eine gute Sache, doch damit sind hohe Kosten für IT, Datensicherheit und Support verbunden.» Wer heute eine gut ausgebildete Praxisassistentin finden wolle, müsse für deren Lohn viel mehr budgetieren als noch 2003.

Für Stucki-Häusler ist klar: «Wir finden Investitionen in die Qualität der Behandlung wichtig – aber auch die Krankenkassen müssten das unterstützen.» Diese übten jedoch eher Druck auf den Arzt aus, die Konsultationen und das Aktenstudium möglichst kurz zu halten.

Jetzt macht die Ärztin ihre Sorgen öffentlich. In einem offenen Brief an die Zürcher Bevölkerung erklärt sie, warum sie den Beitrag der Ärzte mit eigener Praxis so wichtig für die Gesundheitsversorgung hält: «Der Hausarzt hält alle Fäden bei einer Behandlung zusammen, sorgt dafür, dass alle Informationen in der Patientenakte verzeichnet sind – das ist ein wichtiger Beitrag zu einer lebenslangen, guten und günstigen Gesundheitsversorgung.»

Viele Hausärzte finden gar keine Nachfolger mehr

Für Stucki-Häusler, die angehende Ärzte in Medizinethik unterrichtet, ist eine allzu starke Ausrichtung des Gesundheitswesen nach wirtschaftlichen Kriterien ethisch fragwürdig: «Es ist ein zu hohes Gut, als dass man einzig die Kosten als alles entscheidenden Faktor ansehen kann.» Patienten müssten wieder im Zentrum stehen. Stucki-Häusler will auch Druck machen für eine Tariferhöhung, weil viele Hausärzte keine Nachfolger mehr finden. «Im Zürcher Dorf, wo meine Eltern leben, praktiziert der Dorfarzt weiter, auch wenn er längst hätte in Pension gehen können», sagt Stucki-Häusler.

Er aber stelle die Verantwortung für seine Patienten über die eigenen Interessen. Ohne ihn gäbe es in diesem Dorf keine günstige und nahe medizinische Grundversorgung mehr. Die Hausärzte sind das Rückgrat des Schweizer Gesundheitssystems. Noch. Denn es gibt immer weniger Arztpraxen – vor allem auf dem Land.

Publiziert am 30.08.2016 | Aktualisiert am 27.09.2016
teilen
teilen
0 shares
4 Kommentare
Fehler
Melden

4 Kommentare
  • Marion  Jost aus Schönenwerd
    30.08.2016
    Die Schaffung von Ambulatorien wäre vielleicht eine Alternative, da können die Leute rein, auch mit was kleinem, Pflaster drauf und tschüss! Das würde die übervollen Wartezimmer der Hausärzte und die Notfallaufnahmen die sich mit Lapalien herumschlagen müssen, sehr entlasten! Was schnell geht, könnte dann ev. auch günstiger werden! Jedoch finde ich sollte ein Hausarzt nicht den Psychiater ersetzen und auch nicht dazu dienen die eigene Einsamkeit besser zu ertragen! Dafür gibt es Vereine etc.
  • Peter  Jodel 30.08.2016
    Die Ärztin hat natürlich recht.
    Wenn ich allerdings die Stimmen der Prämienzahler höre, dann wollen die meisten nichts anderes, als diese "to go"-Medizin. Nach dem Muster: mich schmerzt das Körperteil xy, geben Sie mir rasch eine Pille. Das könnten sie auch in der Apotheke haben.

    Die meisten können sich gar nicht vorstellen, dass eine Diagnose je nachdem eine komplexe Aufgabe sein kann, für die es dann auch keine Tablette gibt.
    So wird es in 20 Jahren nur noch Apotheker und Spitäler geben
    • Willi  Meier aus Saland
      30.08.2016
      Sie haben recht.Hausärzte werden bald eine Rarität sein.Dann findet sich gar niemand mehr,welcher den Patienten zuhört.Das Problem ist auch unsere Dreiklassenversicherung,welche nur noch in der Topspitze einwandfrei ist.Das Geld lässt grüssen.Hausärzte sollen besser honoriert werden.
    • Marion  Jost aus Schönenwerd
      30.08.2016
      Herr Meier; ich glaube Hausärzte verdienen nicht so wenig, sonst hätte mein früherer HA sich keine Villa am Hang leisten können!!! Aber es stimmt schon, die Vergütung ist recht ungerecht, andererseits ist eine Facharztausbildung für den angehenden Spezialisten eine Zeit wo er oder sie finanziell untendurch muss, die Person hat wesentlich mehr Fachwissen in einem Gebiet, da finde ich eine höhere Entlöhnung schon okay. Aber die Tarife dürften sich von beiden Seiten her etwas annähern.