Ärzte, Pfleger und Ingenieure gesucht Hier stehen Schweizer Schlange für einen Job in Deutschland

  • Publiziert: 21.04.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Gabriela Battaglia

Deutschland buhlt um Schweizer Arbeitslose. Berufe wie Arzt, Pflegefachfrau oder Ingenieur sind gefragt.

Gestern Morgen vor dem Saalbau in Aarau: Arbeitslose aus den Kantonen Zürich, Aargau und Basel-Stadt warten in einer langen Schlange auf Einlass. «Ich habe nicht allzu grosse Erwartungen», sagt Michael Rutishauser (54). Der kaufmännische Angestellte ist seit 14 Monaten ohne Job. «Ich habe kaum Hoffnung, dass ich hier eine Arbeit finde. Der Zweck der Veranstaltung ist mir nicht klar.»

5000 Arbeitslose sind schriftlich zum Informationstag eingeladen worden. Dem ersten dieser Art. Insbesondere Ärzte, Pflegefachleute, Ingenieure und Wirtschaftsprüfer sind erwünscht. Die Teilnahme ist freiwillig. Das RAV zahlt eine Wegentschädigung.

Der Infotag steht unter dem Thema: «Beruflich mobil in Europa – leben und arbeiten in Deutschland». Die Initiative kommt von der Deutschen Bundesagentur für Arbeit. Mitorganisatoren sind die Arbeitsämter von Zürich, Aargau und Basel-Stadt. Das Bundesamt für Wirtschaft (seco) unterstützt den Anlass.

Worum geht es? Die Deutschen wollen Schweizer Arbeitslose holen. «Wir zeigen auf, dass es Alternativen gibt», sagt Gerald Schomann (45) von der Leitung der Auslandsvermittlung der Deutschen Bundesagentur für Arbeit. «Es stimmt nicht, dass wir Fachkräfte abwerben wollen.»

Zum ersten Vortrag sind 131 Arbeitslose gekommen. Auffällig: die meisten von ihnen mit älterem Jahrgang. Berufsleute, die wegen ihres Alters geringe Chancen auf einen neuen Job haben. Wie Harry Simmen (58). «Jetzt habe ich offiziell bestätigt bekommen, dass das Lohnniveau in Deutschland deutlich tiefer liegt. Die Bedingungen werden hier etwas beschönigt», sagt der Bankangestellte, der ab dem 1. Mai stempeln geht.

Auch Irena Cavelti (54) macht sich keine Illusionen. «Ich war erstaunt, als ich die Einladung bekam», sagt die frühere Leiterin einer psycho-sozialen Beratungsstelle. «Ich dachte, was soll denn ich in Deutschland? Wieso kommen jetzt die Deutschen in die Schweiz, um Fachkräfte abzuwerben?», sagt Cavelti, die seit dem 1. April erwerbslos ist. «Dann habe ich mich entschlossen, doch zu kommen. Ich will mich über die Möglichkeiten in Europa informieren.»

Auch arbeitslose Deutsche sind nach Aarau gekommen. Gunther Seidel (50) aus Dresden lebt seit Juli 2005 in der Schweiz. Seit fünf Wochen ist der Haustechniker ohne Job. Seidel sagt, was alle in Aarau zu wissen glauben: «Vom Lohn in Deutschland kann man nicht wirklich leben. Alle, die das wollen, sind nicht mehr in Deutschland.»

Tatsächlich. Keiner der arbeitslosen Schweizer will wirklich nach Deutschland auswandern. «Ich bin nicht bereit, alles aufzugeben», sagt Brigitte Aeschbach (43). Die Bankangestellte ist innerhalb eines Jahres zweimal arbeitslos geworden. Auch ihre Kollegin Martina Schöchli (50) kann sich höchstens einen Job als Grenzgängerin vorstellen: «Das müsste ich aber zuerst noch genau abklären. Deutschland hat ja viel mehr Arbeitslose als wir.»

Konkrete Jobangebote hat Martin Lichtentaler (57) erwartet: «Ich bin etwas enttäuscht. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch.» Der kaufmännische Angestellte ist seit letztem November ohne Job. In Aarau hat er jetzt einen deutschen Bewerbungsbogen ausgefüllt.

«ID packen, abmelden und zack!»

Von Gabriel Brönnimann

Als (falscher) arbeitsloser Psychiatrie-Fachpfleger bekommt der BLICK-Reporter gleich vier Jobs in Berlin angeboten.

In der Einladung, die das RAV an 5000 Arbeitslose Aargauer, Zürcher und Basler verschickte, steht: «Ihre Chance ... Sie suchen die neue berufliche Herausforderung. Wir suchen qualifizierte Mitarbeitende in der Bundesrepublik Deutschland. Das passt.»

Wie gut das passt, wollte BLICK testen. Gesucht seien «Fachkräfte» – egal ob Pfleger, Ingenieure oder Steuerberater. Als falscher arbeitsloser Dipl. Pflegefachmann HF Psychiatrie rechne ich mir an der Veranstaltung in Aarau beste Job-Chancen aus. Zumal das RAV im Begleitbrief «konkrete Stellenangebote» verspricht.

10.30 Uhr. Im vollen Saal 2 des Kongresshauses spricht Uta Witte von EURES (European Employment Services) über «Leben und Arbeiten in Deutschland». Ich erfahre alles, was ich für meine Zukunft im grossen Kanton wissen muss. Arbeits- und Ferienzeiten. Sozial- und Versicherungssysteme. Steuern (ein Raunen geht durch den Saal). Schulen, Wohnung – einfach alles!

Jetzt erwartet mich im zweiten Stock ein Heer von Beratern. Ich frage Stefan Zingg vom Bundesamt für Migration, was ich denn tun müsse, um in Deutschland zu arbeiten. Zingg: «Personenfreizügigkeit! ID packen, abmelden und zack!»

Auf zack sind die Berater der Bundesagentur für Arbeit. Nach zwei Gesprächen finden sie vier offene Stellen als Psychiatriepfleger in Berlin – und dazu einen EURES-Berater vor Ort, der mir im Falle einer Bewerbung helfen würde! Fragen beantworten sie ehrlich: «Die Lohn- und Arbeitsbedingungen sind schlechter als in der Schweiz.»

Dennoch: Würde ich in Deutschland arbeiten wollen – und wäre ich Psychiatriepfleger – die Veranstaltung hätte viel gebracht.

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