Schweinegrippe Herr Doktor, ich will die Spritze!

  • Publiziert: 09.11.2009, Aktualisiert: 13.01.2012
  • Von Roman Neumann

ZÜRICH – Man hats versprochen: Morgen ist die ganze Schweiz mit Impfstoff ausgerüstet. Ich will mich aber sofort impfen lassen, man weiss ja nie. Die Odyssee eines Verzweifelten.

«Sind Sie ein Risikopatient?» So fragt man mich als erstes in einer Arztpraxis in Glarus. Nein, muss ich zugeben, alt bin ich nicht, ein Kind ebenso wenig und schwanger aufgrund geschlechtlicher Spezifikationen auch nicht. Aber Angst, die habe ich! Die Medien sind daran schuld.

«Rufen Sie in zwei Wochen noch mal an», so versucht mich die Sekretärin zu beruhigen. Sie schafft es nicht. Heute bin ich Schweizer Durchschnitt, habe keine Ahnung von Krankheiten, aber ganz sicher packt mich die Schweinegrippe noch diese Woche am Wickel, ganz gewiss. Und darum muss die Impfung sein. Heute noch.

Ich versuche es in anderen Arztpraxen, durch die gesamte Inner- und Nordwestschweiz. In vier Praxen klingen die geduldigen Stimmen der Arztsekretärinnen genau gleich: «Wir haben noch keinen Impfstoff.» So einfach ist das. Abfertigen. Später anrufen, Ende nächste Woche, am Freitag vielleicht, «aber versuchen Sie es doch lieber etwas später». Meine gestammelten «Aber, aber…» erweichen die stresserprobten Dämpferinnen des Impf-Ansturms nicht.

Wo ist er denn, der Impfstoff? Der Zeltner da, am Fernsehen, der hats versprochen! Der sei halt noch nicht angekommen, der Impfstoff. Die Postfächer sind leer, keine heiligen Grale warten, gefüllt mit klingenden Namen wie Focetria und Pandemrix.

Ominöse Listen...

Im Thurgau empfängt mich die warme Stimme einer mütterlichen Empfangsdame, die sich rührend um mein Anliegen kümmert. Auch wenn sie schnauft, dass «Dutzende!» sich heute Morgen schon bemüht hätten, ans Hypochonder-Valium fürs Volk zu gelangen.

Sie bietet mir immerhin verschwörerisch an, mich auf eine ominöse «Liste» zu setzen. Man böte mich dann auf, «bald», sagt sie, «zur Sammel-Impfung». Ich bin in den erlauchten Kreis der «Bald-zu-Impfenden» vorgedrungen, einem Illuminaten gleich flüstere ich in den Hörer, um die letzten Bedenken wegzuschaffen: «Ich gehöre aber nicht zu einer Risikogruppe?!» Das wischt die Dame gekonnt weg: «Wir schauen dann einfach, wenn der Impfstoff da ist.»

... unsichere Assistenten

In Stans ist man hingegen unwirsch: «Keine Ahnung.» Und was soll ich bis dahin tun? Abwarten und Däumchen drehen? Auf den Tamiflu-Schwarzmarkt? Die Schuld wird, wie so oft, höheren Mächten zugeschoben. «Wir können ja auch nichts machen», sagt die Sekretärin. Immerhin, mir wird die Impfung für die saisonale Grippe angeboten. Was ich wiederum verächtlich ablehne. Wenn der Kuchen lockt, gibt man sich nicht mit Krümeln ab.

In Basel schliesslich erweicht meine weinerliche Stimme schliesslich einen aufgeweckten Praxis-Assistenten. Auch bei ihm gibts die Impfung erst ab Dezember. Aber ich müsse mir überhaupt keine Sorgen machen, man habe schon einige Schweinegrippe-Patienten gehabt. «War alles ganz schnell vorüber», sagt er brüderlich. Jetzt hat er mich eingelullt, weiss wie er mich anzupacken hat. «Wissen Sie», sagt er vertraulich, «wissen Sie, jetzt haben wir den Vorteil, um zu schauen, ob die Impfung überhaupt nützt!»

play Impf, impf, Hurra! (Keystone)

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