BLICK-Serie «Hayek suchte die Liebe von Menschen»

  • Publiziert: 29.06.2010, Aktualisiert: 19.01.2012

Das alles war Nicolas G. Hayek für Frank A. Meyer: Ratgeber, Mutmacher, Mitkämpfer, Freund.

Als Frank A. Meyer am Montagabend um 18.55 Uhr aus dem BLICK-Newsroom über den Tod von Nicolas G. Hayek († 82) unterrichtet wird, will und kann er die Nachricht aus Biel zunächst nicht kommentieren. Erst am Tag darauf findet der langjährige Freund des grossen Schweizer Entrepreneurs Worte – in einem Gespräch mit dem Deutschschweizer Radio DRS 1. Hier einige Auszüge:

Herr Meyer, Sie sind in Südfrankreich. Dort erfuhren Sie, dass Nicolas G. Hayek gestorben ist. Wann haben Sie ihn zum letzen Mal gesehen, wann haben Sie zuletzt von Ihm gehört?
Vor zehn Tagen. Er rief mich an. Mit seiner typischen Anrede: «Frank. A., wie gehts? Was machen Sie? Wir müssen miteinander reden.» Er hatte diese wunderbare Art, direkt ins Gespräch einzusteigen, sofort zur Sache zu kommen. Wir haben zu jeder Zeit und Unzeit miteinander telefoniert.

Wie war seine Stimmung?
Es war, wie immer, ein begeisterndes Gespräch.

Hat er das öfter gemacht, Sie einfach so angerufen?
Ich habe ihn auch meinerseits häufig angerufen, wenn ich das Gefühl hatte, ich müsste wieder einmal mit Nicolas Hayek reden. Das konnte auch um zehn Uhr abends sein. Oder wenn ich von etwas begeistert war und diese Begeisterung mit ihm teilen wollte.

Nennen Sie uns ein Beispiel.
Zum Beispiel, wenn ich von jemandem auf ihn angesprochen wurde oder sonst über ihn sprach. Das mochte er gern, wenn ich ihn dann zu Hause anrief und ihm sagte, dass ich gerade von ihm rede: Er liebte die Bewunderung, wie er auch seinerseits gern bewunderte. Es gibt ja endlos viele Gründe, Nicolas Hayek zu bewundern. Man kann ihn nur bewundern.

Erinnern Sie sich an eine dieser Episoden genauer?
Ja, einen ganz wunderbaren Austausch hatte ich mit ihm vor nicht allzu langer Zeit aus Avignon – also aus der Provence. Da war ich in einem Swatch-Laden, um die neuen Uhren anzuschauen. Es bediente mich ein junger Verkäufer. Er war von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit. Obwohl die Swatch-Läden alle super geführt sind, freute ich mich über die angenehme Art dieses jungen Manns und dachte: Jetzt rufe ich Nicolas Hayek an!

Und dann riefen Sie ihn an.
Ich habe ihm gesagt, ich bin gerade in einem Swatch-Laden in Avignon. Hier gibt es einen tollen Verkäufer ... Weiter kam ich gar nicht. Er sagte: «Geben Sie ihn mir!» und sprach 10 Minuten auf meinem Handy mit dem Mann. So war er: Er hatte Menschen gern. Und er hatte diesen jungen Verkäufer gern.

Wie hat der Verkäufer reagiert – Sie standen ja neben ihm?
Der war gerührt. Schliesslich telefonierte er mit seinem obersten Chef, den er nur als Legende kannte. Als er mir das Telefon zurückgab, sah ich, dass er Tränen in den Augen hatte.

Ihr Kontakt ging über Jahrzehnte.
Nicolas Hayek war für mich ein wichtiger Berater bei vielen Artikeln, in denen es um Wirtschaftsthemen ging – und er war mehr als nur Berater, wir haben gemeinsam gekämpft.

Gekämpft?
Gegen das, was er ja zum Schluss ganz massiv und öffentlich anprangert hat: Gegen all die windigen Spekulanten, die geldgierigen Fonds-Akteure, die Pharisäer – alles Wörter von ihm –, die Hasardeure und doppelbödigen Akrobaten. Über die frühere UBS-Führung hat er gesagt, viele von denen seien «dumme, kriminelle Menschen». Er nahm wirklich kein Blatt vor den Mund – dabei war er selber Unternehmer, ein ganz grosser Unternehmer der Realwirtschaft. Bis zum Schluss hatte er Pläne. Bei unserem letzten Telefongespräch redete er über seine neue Firma, in der er plante, mit Brennstoffzellen zu arbeiten ... Ich hatte das Gefühl, ich rede mit einem 40-Jährigen.

Er war ein Mann von aussergewöhnlicher Energie.
Nicolas Hayek ist ein Beispiel dafür, dass es nicht unbedingt die Jugend sein muss, die Kreativität hervorbringt. Er betrachtete sich ja als Künstler, für ihn musste ein guter Unternehmer ein schöpferischer Mensch sein. Wenn man aus seinem Büro kam, war man ein glücklicher Mensch. Man wusste, man kann Dinge erschaffen, man kann etwas verändern.

Sie haben Nicolas Hayek als Journalist kennengelernt.
Ich hatte drei «Vis-a-vis» mit ihm. Mit Nicolas Hayek eine TV-Sendung zu machen, war ein «Selbstläufer»: Er hat die Menschen vor den Bildschirm geholt und sie an den Bildschirm gefesselt. Er war immer konkret, nie abstrakt. Für ihn war Wirtschaften mehr als Geldmachen. Diejenigen, die Geld mit Geld machen, hat er im Grunde verachtet. Die waren für ihn Gesindel.

Er wurde von vielen bewundert.
Es werden ihn jetzt alle für sich vereinnahmen und sagen: Er war einer von uns. Doch so ist es nicht. Viele von denen haben ihn abgelehnt; sie haben ihn auch bekämpft. Aber er suchte die Liebe von Menschen, nicht die Anerkennung des Establishments. Er war nie einer von denen. Er war immer der Andere.

Wie entwickelte sich Ihre Freundschaft?
Nicolas Hayek war ein Menschenfänger. Wir haben uns gemocht. Wir haben uns übrigens auch gern umarmt.

Hatte Hayek auch harte Seiten?
Ja, aber nur gegenüber den Starken, nie gegenüber Schwachen.

Sie verlieren einen Freund, die Schweiz verliert eine herausragende Persönlichkeit. Was bleibt von Nicolas G. Hayek?
Das Werk, das er geschaffen hat. Sein Sohn, der dieses Werk mit Sicherheit erfolgreich weiterführen wird. Die Erinnerungen an ihn. Er kommt sicher in den Himmel, wenn es einen Himmel gibt. Der liebe Gott hat ja einiges zu tun. Da kann ihm der grosse Meister Hayek zur Hand gehen.

play Frank A. Meyer 1992 im Gespräch mit Nicholas G. Hayek. (RDB)

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