Vor der Ski WM St. Moritz erfindet sich neu

ST. MORITZ GR - Wegen der WM und weil Skitouristen ausbleiben: Die Menschen am Nobelort rücken zusammen.

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Teure Autos mit dunklen Scheiben rollen durch die Strassen. Schicke Damen schwatzen Russisch. Man trägt Pelz, auch bei Plusgraden. Zur «Tea Time» im Hotel Badrutt’s Palace gibts diese Woche kaum einen Platz. St.Moritz GR wie immer.

Doch neben dem Maloja-Wind fegt derzeit eine frische Brise durch den Nobelskiort. Auch über den St. Moritzersee, wo erstmals auf dem Schwarzeis Bänke neben einer Schlittschuhbahn stehen.

Es gehe nicht um den grossen Wurf, sondern um kleine Schritte, sagt Christoph Schlatter (33), Direktor des Laudinella. Er ist ­einer von fünf Junghoteliers, die zusammen etwas bewegen wollen in der Gemeinde. Sie fanden sich in der vorletzten Wintersaison zusammen, als sie taten, was, wie Schlatter sagt, «lange undenkbar» war: Zur 150-Jahr-Feier des ­Hoteliervereins öffneten sie die Küchen ihrer Häuser.

«Mut zum Scheitern»

Mit 33 Jahren ist Schlatter der Älteste in der Gruppe. Und er ist auf Zack. Er spricht schnell, von «Mut zum Scheitern», von «Drive». Schlatter will zeigen, dass St.Moritz mehr ist als Glamour. In seinem Hotel Laudinella gibts eine Pizza schon ab Fr. 10.50. «Es muss nicht immer teuer sein», findet der Hotelier. Und: nicht das Immergleiche.Warum nicht mal ein Crossgolf-Turnier bis zum Stazersee veranstalten? Handwerk- und Kochkurse im Hotel anbieten? Essen ins Tal liefern? Warum nicht Touristen und Einheimische zusammenbringen?

Das findet auch Gian Tumasch Appenzeller (32). Im 200-Seelen-Dorf Madulain vor St.Moritz hat er mit seinem Cousin einen 500 Jahre alten Stall zur Galerie umgebaut – feuchte Steinwände und Zugluft sind geblieben. In der Stalla Madulain sollen sich Bauern und angereiste Kunstsammler treffen und austauschen. Sein Fazit nach zwei Jahren: «Das funktioniert!»

Im Jahr zuvor hat Appenzeller die St.Moritzer Bar La Gondla übernommen. Gäste bekommen hier Après-Ski-Plausch ohne Schlager – und Empfehlungen für Events in anderen Bars. Die Macher des Nachtlebens von La Gondla bis zum edlen King’s Club  sprechen sich jetzt ab.

Nicht nur Gastronomen und Hoteliers rücken zusammen. Erstmals haben Gemeinden gemeinsam eine lückenlose Langlaufloipe präpariert. Vorbei die Zeiten, da jeder nur für sich schaute.

«Wir müssen uns verändern»

Viele haben begriffen, was Noch-Tourismus-Chefin Ariane Ehrat (55) predigt: Man hat es einfach nicht mit einer Tourismus-Krise zu tun, sondern mit einer Zeitenwende. Zusammenarbeit ist wichtig. «Wir müssen uns verändern, die goldenen Zeiten kommen nicht wieder!», sagt Ehrat.

Damals wedelten Gäste aus Euro-Ländern und Amerikaner die Pisten hi­nunter. Bescherten Hotels, Restaurants und Geschäften Traumumsätze.

Dann kam der Einbruch. Die Logiernächte gingen von 2008 bis 2015 um fast ein Drittel zurück. Diesen Herbst standen 18 Läden leer. Das Toprestaurant La Marmite wird nach 50 Jahren schliessen. Früher habe man noch gesagt, man müsse nicht viel verändern, weil es ohnehin gut gehe. «Das ist jetzt anders», erklärt Heinz Hunkeler (41), der das altehrwürdige Kulm Hotel führt.

Hunkeler steht dort, wo er selbst noch eislaufen gelernt hat: Am Kulm Country Club. Die letzten 30 Jahre stand der «Eispavillon» leer. Aus dem «Kartoffelsack», wie ihn manche spöttisch nannten, ist ein lichtdurchfluteter Holzpavillon geworden. Kosten: elf Mil­lionen Franken. Dass die sich auch über Jahrzehnte nicht amortisieren werden, stört Hunkeler nicht. «Man kann auch mal etwas für die Gemeinschaft und den Ort tun.»

Die Gemeinde half mit. «Vielleicht hätte man früher über so etwas eine Volksabstimmung abgehalten und hätte lange Behördenwege gehen müssen», sagt Hunkeler.

Zwischen der Umbau-Idee und der Eröffnung in ein paar Wochen lagen nur anderthalb Jahre. Ein Grund für dieses hohe Tempo: die Ski-WM, die vom 6. bis 19. Februar in St.Moritz stattfindet. Auch wenn die braunen Berghänge mit schmalen weissen Pistenstreifen nicht nach Winter aussehen.

«Tür- und Toröffner»

Die WM ist neben der Tourismus-Baisse der Antreiber in St.Moritz. «Tür- und Toröffner», «Motor der Standortentwicklung», «Mutmacher» wird sie auch genannt. St.Moritz hat dafür den Bahnhof renoviert und einen Planungskredit für eine Talabfahrt für Touristen gewährt. «Ein Tabu-Bruch», sagt Tourismus-Chefin Ehrat. Denn die Immobilienbesitzer am Hang wehrten sich lange gegen eine Piste vor der Villentür.

300'000 Franken zahlt der Kreisrat, sollte die Ski-WM ein Misserfolg werden. Daran will hier keiner glauben. St.Moritz will strahlen.  

Publiziert am 02.01.2017 | Aktualisiert am 13.01.2017
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3 Kommentare
  • Peter   Gamma aus Brunnen
    03.01.2017
    Auch wenn St. Moritz und andere mondäne Orte billiger werden, ist das kein Grund, diese Orte nun zu entdecken. Wir mussten Jahrzehnte auf günstigere Skigebiete ausweichen, haben gemerkt, wie gut sie sind- also halten wir denen die Treue.
  • Berliner  Bär 03.01.2017
    Der Franke muss sich leider dem kaputten Euro anpassen. Dann kommen auch wieder mehr Deutsche etc. Auch gehen die Schweizer nicht mehr ins Ausland einkaufen. Ich komme trotz teurem Franken 3x im Jahr zum Urlaub in die Schweiz. Kann mir aber als Berliner nicht alles in der Schweiz leisten. Obwohl ich in Deutschland sehr gut verdiene.
  • Thomas  Zürcher 02.01.2017
    Quo Vadis St.Moritz?Nicht nur der mondäne Nobel Kurort sondern auch viele andere Skiorte in der Schweit MÜSSEN sich neu erfinden um die nächsten Jahre zu überleben.Die Zahlungskräftigen Ausländischen Gäste werden immer weniger und auch der Schneemangel setzt den Skiorten je länger je mehr zu.Auch einheimische Skitouristen können den Einbruch nicht mehr aufhalten sie weichen wegen den hohen Preisen lieber nach Österreich aus.