Polizeichef Reinhardt (†) Hat seine Chefin zu spät reagiert?

  • Aktualisiert am 14.01.2012
  • Von Simon Hehli

ZÜRICH – Polizeikommandant Markus Reinhardt (†61) hatte ein Alkoholproblem –seine Chefin wusste davon und schützte ihn. Blick.ch fragte nach, ob diese Reaktion richtig war.

26 Jahre lang war Markus Reinhardt Chef der Bündner Kantonspolizei – und wurde für seine Arbeit sowohl vom Regierungsrat wie auch von seinen Untergebenen geschätzt. Doch Reinhardt war krank, alkoholsüchtig.

Das wusste seit ihrem Amtsantritt im Mai 2008 auch seine Vorgesetzte, die Bündner Justizministerin Barbara Janom Steiner (BDP). Sie sprach Reinhardt auf seinen Alkoholismus an vereinbarte mit ihm Massnahmen, um von der Flasche loszukommen.

Sie machte ihm auch klar, dass sein Posten nicht mit seinen Suchtproblemen vereinbar war. So war es möglicherweise die Angst vor dem Jobverlust, die Reinhardt am Dienstag in den Suizid trieb – zwei Tage, nachdem er betrunken auf dem Wef-Kommandoposten erschienen war (Blick.ch berichtete).

Hat Regierungsrätin Janom Steiner richtig auf Reinhardts Alkoholproblem reagiert? Blick.ch fragte bei Suchtexperte Hansjürg Neuenschwander nach.

Sind Führungskräfte wegen des Stresses speziell gefährdet, zu Suchtmitteln zu greifen?
Hansjürg Neuenschwander: Es gibt viele Faktoren, die zu einer Sucht führen können. Etwa die familiäre Situation oder der Drogenkonsum im sozialen Umfeld. Und ja, auch der Stress am Arbeitsplatz kann zusammen mit anderen Faktoren ein möglicher Auslöser sein.

Wie gut können Süchtige im Job überhaupt funktionieren? Gerade ein Chef ist doch so exponiert, dass er seinen übermässigen Alkoholkonsum kaum verstecken kann.
Es ist nicht so, dass Alkoholsüchtige jeden Tag durchs Büro torkeln. Die Pegeltrinker brauchen immer einen gewissen Stand, um funktionieren zu können – und greifen häufig schon am Morgen zur Flasche. Doch sie entwickeln im Lauf der Jahre Strategien, mit denen sie ihre Sucht verbergen können. Etwa indem sie etwas essen, um ihre Alkoholfahne zu kaschieren.

Gibt es keine Warnsignale, auf die Mitarbeiter und Vorgesetzte achten können?
Alkoholiker können kommunikativer oder eine Spur aggressiver werden, wenn sie getrunken haben. Das sind aber schleichende Veränderungen im Verhalten, die nur schwierig zu bemerken sind. Es kann mehrere Jahre dauern, bis sich eine Abhängigkeit von Alkohol auf die Leistung auswirkt und die Vorgesetzten dadurch darauf aufmerksam werden.

Wie sollen die Chefs in einem solchen Fall reagieren?
Der grösste Fehler, den Vorgesetzte machen können, ist es, das Suchtproblem eines Mitarbeiters zu ignorieren. Ähnlich wie in der Familie kann es auch eine Tendenz geben, die süchtige Person mit Samthandschuhen anzufassen. Sie fühlt sich dann wie das Auge eines Taifuns: Alles dreht sich um sie – und sie kann sich in ihrer Sucht bequem einrichten. Doch so hilft man ihr nicht. Denn das Problem ist nur aufgeschoben: Wenn keine Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit erfolgt, kommt es irgendwann zum suchtbedingten Eklat und oft sieht der Arbeitgeber dann ausschliesslich die Kündigung als Lösung.

Also hat Reinhardts Vorgesetzte, die Bündner Justizministerin Barbara Janom Steiner richtig reagiert, indem sie ihn mit seinem Suchtverhalten konfrontierte?
Zu diesem Fall kann ich keine Stellung nehmen, da ich die Einzelheiten nicht kenne. Generell soll der Chef bei einem Suchtverdacht genau beobachten und sich Notizen machen und bei Bedarf eine Suchtfachperson beiziehen. Dann muss er den Mitarbeiter konfrontieren, messbare Ziele vereinbaren – und klarmachen, was passiert, wenn es zu weiteren Vorfällen kommt.

Wie geht es dann weiter?
Bei einem zweiten Gespräch, drei bis vier Monate später, soll der Chef eine Verwarnung aussprechen, wenn die Ziele nicht erreicht sind. Allenfalls ist jetzt auch der Zeitpunkt für einen stationären Entzug. Wenn auch solche Massnahmen nichts fruchten, bleibt nur noch die Kündigung. Der Arbeitgeber hat jedoch die erforderlichen Schritte unternommen, welche eine Kündigung hätten verhindern können.

Zur Person

Hansjürg Neuenschwander ist Geschäftsführer der Aargauischen Stiftung Suchthilfe (ags). Die Stiftung wurde einst gegründet, um alkoholkranken Menschen zu helfen, befasst sich heute aber auch mit anderen Suchtmitteln. Sie vermittelt Firmen Fachpersonen, die Konzepte für den Umgang mit Sucht am Arbeitsplatz entwickeln können. Dieses Vorgehen habe sich in der Praxis sehr bewährt, betont Neuenschwander.
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