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WEF 2008: Samuel Schmid mit Markus Reinhardt und Martin Schmid (r.): Vom Alkoholproblem ahnt er nichts.- Keystone
Im Kanton Graubünden will die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rates die Affäre um Markus Reinhardt († 61) behutsam aufklären. Ihr Präsident, BDP-Politiker Gian Duri Ratti, nimmt das Ergebnis aber schon mal vorweg. Er gehe nicht davon aus, dass neue Erkenntnisse über den Suizid des Polizeikommandanten ans Tageslicht kommen. Das sagte er diese Woche zur «Südostschweiz».
Wirklich nicht? SonntagsBlick-Recherchen decken auf, wie Justizvorsteherin Barbara Janom Steiner (46, BDP) und ihr Vorgänger Martin Schmid (40, FDP) im Fall von Reinhardt auf das Prinzip Hoffnung setzten und ihn viel zu lange deckten. Ein Verhaltensmuster, das als Co-Alkoholismus bezeichnet wird.
Schmid, der den Polizeikommandanten von 2007 bis 2008 betreute, sagt: «Mit Markus Reinhardt habe ich (…) Massnahmen vereinbart. (…) Die Rückmeldungen, die ich erhielt, wiesen darauf hin, dass er sein Problem in den Griff bekommen hatte.»
Das war reines Wunschdenken. Schmid räumt ein: «Wie es in Fällen von Alkoholproblemen häufig der Fall ist, wechselten sich Phasen der Normalität mit solchen erhöhten Beobachtungs- und Behandlungsbedarfes ab (…).»
Im Mai 2008 übernahm Janom Steiner als neue Justizdirektorin das «Alkoholdossier» Reinhardt. Sie erstellte erneut einen Massnahmenplan gegen Reinhardts Alkoholprobleme. Im Klartext: Sie fing wieder bei null an. Spätestens zu dieser Zeit hätten in der Gesamtregierung die Alarmglocken läuten müssen.
Die Regierungsräte Schmid und Janom Steiner sind auch nicht strikt nach ihrem internen Leitfaden zum «Umgang mit suchtmittelabhängigen Mitarbeitenden» vorgegangen, wie sie behaupten. So haben beide betont, wie nahe ihnen das Alkoholproblem des Polizeikommandanten gegangen sei und wie intensiv sie sich persönlich darum gekümmert hätten.
Der Leitfaden empfiehlt eher das Gegenteil: «Es ist nicht Aufgabe der Vorgesetzten, sich mit dem Suchtproblem ihrer Mitarbeitenden auseinanderzusetzen.» Das müsse man den Experten überlassen: «Professionelle Hilfe holen», empfiehlt das Konzept. Sonst werde man zum «krankheitsunterstützenden Co-Alkoholiker».
Janom Steiner betont zudem, wie sehr sie ihren Polizeichef und dessen Arbeit geschätzt habe. «Die Alkoholprobleme haben seine Arbeit nie beeinträchtigt.»
Seltsam, dass der Leitfaden dazu ganz andere Schlüsse nahelegt: «Alkoholabhängige Mitarbeitende leiden an einer schweren Krankheit, welche die Selbsteinschätzung verzerrt und den Willen lahmlegt (…).» Und weiter: «Alkoholabhängige sind oft sehr geschickt im Erfinden von Ausreden und im Verführen zu unkritischer Annahme ihrer Versprechen.»
Die Quittung für die Fehleinschätzungen des Alkoholproblems kam kurz vor der diesjährigen WEF-Eröffnung. Reinhardt erschien schon alkoholisiert auf dem Kommandoposten.
Im Dienst trank Markus Reinhardt dann erneut. Zusammen mit dem Führungsstab besuchte er am Nachmittag unter anderem den Helikopterlandeplatz für die VIP-Gäste des WEF. Vier von fünf Polizisten, darunter Reinhardt, sowie zwei Zivilangestellte der Kantonspolizei stiessen dort mit einem Röteli-Likör auf das WEF an, wie diverse Medien berichteten.
Als Barbara Janom Steiner den Kommandanten wegen seines übermässigen Alkoholkonsums zwei Tage später zur Rede stellen wollte, beging dieser Selbstmord. Er erschoss sich mit seiner Dienstwaffe in einem Davoser Hotelzimmer.
Das kam sowohl für das WEF als auch das Verteidigungsdepartement überraschend: Der Regierungsrat hatte es nicht für nötig befunden, die WEF-Organisatoren und die Armee, welche jeweils Soldaten in Davos stationiert, über das Alkoholproblem des obersten WEF-Sicherheitschefs zu informieren. Von beiden werden die Bündner nun trotzdem in Schutz genommen: Man habe volles Vertrauen in die Regierung, wird betont.
Regierungsrätin Janom Steiner wollte Fragen von SonntagsBlick nicht beantworten.