Kommentar von Philippe Pfister, stv. Chefredaktor SonntagsBlick Das Schönreden

  • Publiziert: 30.01.2010, Aktualisiert: 03.01.2012

«De mortuis nil nisi bene» – über die Toten soll man nur Gutes reden. Der berühmte Spruch geht auf Chilon von Sparta zurück, einen der Sieben Weisen des antiken Griechenland. Wenn wir heute über den Selbstmord des Bündner Polizeikommandanten Markus Reinhardt berichten, wollen wir es auch so halten.

Aber wir Sollten Chilon richtig
verstehen. Dass man die Augen davor verschliesst, warum sich ein Mensch das Leben nahm – das kann der Weise aus Sparta nicht gemeint haben. Es ist sogar unsere Pflicht hinzuschauen.

Und was sehen wir? Wenn es in der Schweiz einen Job gibt, bei dem nichts, aber auch wirklich gar nichts schiefgehen darf, dann ist es der Job, den Reinhardt zu erfüllen hatte: Als Polizeikommandant von Graubünden war er Sicherheitschef des World Economic Forum. Zum WEF in Davos kommt die Welt, auf das WEF in Davos schaut die Welt.

Reinhardt machte seinen Job gut, sehr gut sogar. Seit mehr als 25 Jahren genossen die Mächtigen die wundersame Entspanntheit, die sich unter dem von ihm organisierten Schutzschild ausbreitete. Nur einen vermochte Reinhardt nicht zu schützen: sich selbst.

Das wäre die Aufgabe
all jener gewesen, die von seinem Alkoholproblem wussten. Die ganze Bündner Regierung wusste davon – seit Jahren. Dennoch unternahm sie nichts, was der Situation angemessen gewesen wäre. Man gab sich der Illusion hin, Markus Reinhardt werde es schon in den Griff kriegen. Irgendwie.

Unter dem Deckmantel des Anstandes reden nun die Verantwortlichen das jahrelange Nichtstun schön. Die Frage, ob sie alles gleich machen würde, führe zu nichts, wiegelt Sicherheitsdirektorin Barbara Janom Steiner ab. Pietätlos sei es, jetzt zu erörtern, ob die Beteiligten etwas falsch gemacht hätten, zitierte die «Südostschweiz» gestern den Bündner SP-Präsidenten Jon Pult. Und Eveline Widmer-Schlumpf, die frühere Bündner Finanzchefin, mahnt ihre Hoffnung an, dass «die Öffentlichkeit einen würdevollen Umgang mit diesem tragischen Schicksal findet».

Recht hat sie. Markus Reinhardt hat einen würdevollen Umgang mit seinem Andenken verdient. Aber ist es unwürdig, laut zu fragen, warum sich die Verantwortlichen dieses Landes immer so seltsam schwertun, entschlossen, schnell und konsequent zu handeln? Ein tragisches Schicksal wie jenes von Markus Reinhardt darf sich nicht wiederholen.

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Phillipe Pfister, stv. Chefredaktor SonntagsBlick.

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