Gontard von Kolumbien missbraucht?

  • Publiziert: 23.07.2008, Aktualisiert: 02.01.2012

BERN – Die Kritik Kolumbiens am Schweizer Vermittler Jean-Pierre Gontard ist lediglich ein Ablenkungsmanöver. Davon ist ein Experte überzeugt.

«Mit den Angriffen gegen Gontard will die kolumbianische Regierung ablenken von dem, was da gespielt wurde», sagte Alain Délétroz von International Crisis Group (ICG) in einem Interview mit «NZZ online» von heute. Der Schweizer ist Vizepräsident der Nichtregierungsorganisation und für Lateinamerika zuständig.

Als die Sicherheitskräfte ihre Operation «Schach» ausführten, kündigten die Medien eine neue Verhandlungsrunde an, bei der die internationalen Vermittler vor Ort waren. Damit wurde «Schach» als humanitäres Unternehmen getarnt, sagte Délétroz. Bei der Operation wurden Ingrid Betancourt und weitere 14 Geiseln befreit.

Dass Präsident Alvaro Uribe nun die diplomatischen Brücken zu den drei Vermittlerländern Schweiz, Frankreich und Spanien abbreche, bezeichnet Délétroz als «grossen Fehler». Der Krieg sei nicht vorbei, ein direkter Dialog zwischen Regierung und Guerilla sei ohne Vermittlung sehr schwierig.

Stellung der Vermittler geschwächt

Délétroz beklagt, dass Kolumbien die Stellung der Vermittler immer wieder geschwächt habe. «Sie gingen in den Urwald, um Botschaften der Regierung zu überbringen. Diese galten mehrmals schon nicht mehr, wenn sie dann im Lager der Guerilla ankamen», sagte er. Das habe in Bern, Paris und Madrid grossen Ärger verursacht.

Kritik übt Délétroz auch an einigen Schweizer Medien, welche die Angriffe auf die Vermittler weiterverbreiteten. «Es wäre besser, die Leute zu verteidigen, die Risiken eingehen im Namen des Friedens», sagte er.

Die Vermittler der Schweiz und Frankreichs waren bei ihren Einsätzen jeweils zwei bis drei Wochen im Urwald unterwegs, machten lange, strapaziöse Fussmärsche in einem Kriegsgebiet. «Das war nicht Diplomatie in einem Genfer Hotel», sagte Délétroz.

Lob für Schweizer Diplomatie

Der Experte lobt im Interview die Schweiz als «zuverlässigster Vermittler» in Kolumbien. Sie habe das grösste Risiko der drei Vermittlernationen getragen. Die ICG – sie arbeitet laut Délétroz in über 60 Konflikten – beobachte immer wieder, dass die Schweizer Diplomaten vermittelten und dabei die Kärrnerarbeit verrichteten.

«Wenn dann eine Übereinkunft unterschrieben wird, müssen sie ihren Platz anderen überlassen, weil die politischen Risiken in Bern zu gross sind.»
(SDA/gux)

play Jean-Pierre Gontard auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2000. (Reuters)

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