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Blick.ch: Herr Schneider, was ist Glück für Sie?
Peter Schneider: Zum Beispiel, in Ruhe gelassen zu werden von Menschen, von denen ich in Ruhe gelassen werden möchte; und nicht in Ruhe gelassen zu werden von Menschen, von denen ich nicht in Ruhe gelassen werden möchte. Zum Glück gehört aber auch, dass es so unvorhersehbar und so unverdient ist. Es gibt nichts, was mich immer und in allen Situationen glücklich macht.
Welche Bedeutung hat Glück für jeden Einzelnen von uns?
Glück ist ein begehrtes, aber ein knappes Gut. Und auch ein vergängliches. Das ist aber kein Nachteil. Sondern eine Voraussetzung. Ein Dauer-Orgasmus ist kein Glück, sondern bloss Krampf.
Welche Bedeutung haben glückliche Bürger für die Gesellschaft?
Sie machen das Leben in der Gesellschaft leichter. Glück steckt an. Nicht so garantiert wie eine Grippe, aber doch ein bisschen. Aber von einer Gesellschaft als ganzer zu erwarten, sie möge glücklich sein, wird wohl nur in einer Sekte von Dauer-Grinsern seine Erfüllung finden.
Soll der Staat für das Glück seiner Bürger sorgen?
Von Karl Kraus stammt das Bonmot: «Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Strassenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.» Analog dazu kann ich sagen: Ich verlange vom Staat ordentliche Spitäler, regelmässige Müllabfuhr, einen gut funktionierenden öffentlichen Verkehr und eine solide Rentenversicherung. Glücklich bin ich – von Fall zu Fall – dann schon selbst. Glück ist Privatsache; es reicht, wenn der Staat das Glück seiner Bürger nicht behindert, und Bedingungen schafft, welche die Menschen nicht an sich schon unglücklich machen. Ein Staat, welcher das Glück seiner Bürger hingegen aktiv befördern will, neigt zu einer Politik der Bevormundung und mündet in eine Psycho-Diktatur.
Peter Schneider ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Zürich und Privatdozent für Psychoanalyse an der Uni Bremen. Er ist Autor zahlreicher Bücher
Schreiben Sie uns: Sollen sich unsere Politiker um das Glück der Bürger in der Schweiz kümmern? Und wie?