Berner SVP-Fraktionschef Heinz Siegenthaler geht auf eigene Parteispitze los «Gleichschaltung, Parteidiktatur, Massenhypnose»

  • Publiziert: 12.02.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Simon Spengler
play «Psychologische Beeinflussung, Massenhypnose» an der Delegierten-Versammlung: Christoph Mörgeli und Ueli Maurer (oben) stehen in der Verantwortung. (Keystone)

BERN – Nach dem «Mörgele-Mengele»-Spruch gibt schon wieder ein Nazi-Vergleich zu reden. Diesmal kommt er sogar aus der SVP selber. Und diesmal wars definitiv kein Versprecher!

Lange hat es in ihm gegärt, jetzt hat der Berner SVP-Politiker Heinz Siegenthaler (52) seinem Ärger über die Schweizer SVP freien Lauf gelassen: «Wie die SVP Propaganda macht und ihre Leute führt, das erinnert mich an die nationalsozialistische Partei Deutschlands», erklärte Siegenthaler gestern in einem Interview des «Bieler Tagblatt».

Der das sagt, ist nicht irgendwer: Siegenthaler ist SVP-Fraktionschef im Berner Grossrat, Mitglied der kantonalen Geschäftsleitung und Präsident der SVP-Sektion in Rüti BE – der Heimat von SVP-Bundesrat Samuel Schmid.

Gegenüber BLICK bestätigt der Seeländer Landwirt: «Ich stehe voll und ganz dazu. Ich meine es ernst.» Im Interview antwortet er deshalb auch auf die Frage, ob der Vergleich einer demokratischen Partei mit den Nazis nicht ungeheuerlich wäre: «Anfangs hat man die Nazis nicht ernst genommen, dann haben sie eine Wahl nach der anderen gewonnen.»

Gegenüber BLICK schränkt er allerdings ein: «Natürlich ist die SVP nicht gleich wie die NSDAP. Das wäre ja völlig übertrieben. Ich will auch nicht einzelne SVP-Exponenten mit Nazis vergleichen. Aber es gibt eindeutig braune Tendenzen.» Die benennt er im «Bieler Tagblatt»:

Gleichschaltung
«Man strebt in der SVP eine Gleichschaltung an. Alle haben gleich zu denken und gleich zu funktionieren.»

Personenkult
«Es gibt in der SVP einen Personenkult. Immer heisst es: Blocher, Blocher, Blocher.»

Manipulation
«An der (Delegierten)-Versammlung gab es ein Hurra-Gebrüll. Das ist psychologische Beeinflussung, Massenhypnose.»

Diktatur
«Wer nicht denkt und handelt wie die Parteispitze, hat in der Partei keinen Platz mehr. Das ist ein Hinweis auf braune Tendenzen. Die SVP strebt eine Parteidiktatur an, und sie verhöhnt die demokratischen Organe der Schweiz.»

Für Siegenthaler ist auch klar, wer die Verantwortung dafür trägt: «Die Leute, welche die Macht in der SVP Schweiz haben: die Herren Baader, Maurer, Mörgeli.»

Warum aber hat Siegenthaler dieser Partei nicht längst den Rücken gekehrt? «Bisher steuerte die Berner SVP einen eigenen Kurs, unabhängig von den Zürchern. Aber jetzt wollen die Samuel Schmid und Eveline Widmer-Schlumpf aus der Partei schmeissen und dafür sogar kurzerhand die Parteistatuten über den Haufen werfen. Da kann ich nicht länger schweigen», sagt Siegenthaler zu BLICK.

Für den brutal angegriffenen SVP-Chef Ueli Maurer ist Siegenthalers Kritik «jenseits von Gut und Böse. So blöd und daneben, dass ich gar nichts dazu sagen will». Für Maurer soll die Berner SVP das Problem lösen: «Kantonalpräsident Rudolf Joder hat mir versprochen, ihm an der nächsten Geschäftsleitungssitzung ‹d’chnöpf ii ztue›.»

Joder jedoch versucht, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu giessen: «Natürlich muss ich den Vergleich mit der Nazipartei in aller Form zurückweisen. Siegenthalers Kritik ist völlig unverhältnismässig. Aber wir sind eine grosse Partei, in der es für verschiedene Meinungen Platz haben muss.»

Einen Parteiausschluss für den ‹Nestbeschmutzer› schliesst Rudolf Joder aus: «Das kann ich auch gar nicht, dafür wäre ja wie bei Schmid die eigene Sektion zuständig.»

Die steht laut Siegenthaler hinter ihm: «Ich habe viel mehr positive Reaktionen als negative. Gerade schrieb mir wieder ein Parteimitglied: ‹Endlich hat mal einer gesagt, was viele schon lange denken.›»

play Der Berner SVP-Fraktionschef Heinz Siegenthaler teilt aus. (Peter Samuel Jaggi)

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