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Marianne Kleiner: «Das Gewehr zu Hause ist ein Relikt aus alten Zeiten. Eine Armeewaffe gehört nicht in den Kleiderschrank oder auf eine Apfelhurde im Keller. Es ist auch militärisch absolut nicht mehr nötig.»
Roland Borer: «Du machst den gleichen Fehler wie alle: Du gehst von der Gegenwart aus und die ist in der Tat sehr friedlich. Aber, was ist in einigen Jahren? Zudem: Der Missbrauch von Ordonanzwaffen ist verschwindend klein. Wenn man die Waffe zu Hause verbietet, wird die Welt nicht besser.»
Marianne Kleiner: «Ich bestreite nicht, dass 99 Prozent der Wehrmänner ihre Waffe nicht missbrauchen. Aber, da muss ich Dir vehement widersprechen: Es gibt Familiendramen und Selbstmorde, die nur begangen wurden, weil eine Ordonanzwaffe sofort verfügbar war. Das belegen Studien. Für mich steht immer die Frage im Vordergrund: Was ist der Nutzen, was der Schaden? Der Nutzen des Gewehres im Schrank ist praktisch Null. Der mögliche Schaden hingegen relativ gross. Der Nutzen steht in keinem Vergleich zu den möglichen Gefahren.»
Roland Borer: «Du kannst über den Nutzen nichts sagen, weil Du nicht sagen kannst, wie die Gefahrenlage morgen aussieht. Plötzlich drohen Mobilmachungen wegen Terrorgefahr und dann ist für eine Miliztruppe die sofortige Verfügbarkeit der persönlichen Waffe samt Munition ein riesiger Vorteil. Und es ist nun einmal in der Schweiz eine Tradition, dass man die Waffe zu Hause aufbewahrt. Ich drehe den Spiess um: Das fördert auch den verantwortungsbewussten Umgang mit der Waffe.»
Marianne Kleiner: «Jeder Suizid ist in einer Familie ein grauenhaftes Drama. Das gleiche gilt für die Familiendramen, die fast jeden Monat vorkommen. Ich spreche auch von den Männern, die ihre Familie mit der Waffe bedrohen. Das kommt leider gar nicht so selten vor.»
Roland Borer: «Wer bedroht wird soll unbedingt Hilfe holen. Und dem Mann gehört blitzartig die Waffe entzogen. Bitte, beachte auch, dass es in vielen Fällen um Ausländer geht, die keine Armeewaffe besitzen. Das wird geflissentlich ausgeblendet. Aber ich sage auch: Jeder Fall ist zu viel.»
Marianne Kleiner: «Die Tradition zu beschwören, ist ein schlechtes Argument. Im Zweiten Weltkrieg hat es durchaus Sinn gemacht, das Gewehr zu Hause griffbereit zu haben. Das gab der Bevölkerung das gute Gefühl, dass die Armee jederzeit in der Lage war bewaffnet an ihrem Bestimmungsort zu stehen. Heute stecken wir Hunderte von Millionen Franken in die Nachrichtendienste. Sie sind in der Lage Bedrohungen frühzeitig zu erkennen, sodass man notfalls ohne weiteres gewissen Truppenteilen die Waffe wieder aushändigen könnte.»
Roland Borer: «Nochmals: Ich nehme die Ängste der Familien und der Kinder ernst. Aber es ist ein verschwindend kleiner Prozentsatz, der die Ordonanzwaffe missbraucht, im Vergleich zur riesigen Zahl, die sorgfältig damit umgehen. Zudem: Wenn ein Mensch so weit gekommen ist, dass er sich sagt, so jetzt bringe ich mich um, wird er immer ein Mittel finden es zu tun.»
Marianne Kleiner: «Jetzt muss ich über Zahlen reden: Die Hälfte der Familiendramen werden mit einer Ordonanzwaffe begangen...
Roland Borer: «Wieviele sind das in absoluten Zahlen?»
Marianne Kleiner: «Gewiss, es sind nicht Dutzende, Gottlob. Aber nimm den Fall Rey-Bellet: Zwei Todesopfer, ein Selbstmord und eine schwer Verletzte. Die unfassbare Tat wurde mit einer Ordonanzwaffe begangen. Schau die Selbstmorde an: Die Hälfte der 400 Selbstmörder jährlich, die sich mit einer Schusswaffe umbringen, tun es mit einer Ordonanzwaffe. Und noch etwas: Ich glaube einfach, dass hier Frauen anders denken als Männer. Täter sind in der Regel Männer, Opfer Frauen und Kinder. Deshalb habe ich eine andere Sensibilität.»
Roland Borer: «OK, das akzeptiere ich. Aber reden wir nochmals über die Selbstmörder. Da gibt es auch jene, die aufs Dach eines Hochhauses steigen, weil sie keine Waffe zur Verfügung haben, und sich vielleicht vor den Augen einer Mutter mit ihrem Kind in den Tod stürzen. Auch das gibt schreckliche Fälle.»
Marianne Kleiner: «Suizide und Familiendramen sind oft Kurzschlusshhandlungen, die unterbleiben könnten, wenn nicht sofort eine Schusswaffee griffbereit wäre. Aber eine Konzession bin ich bereit zu machen: Für Frauen und Männer, die aktiv in einem Schützenverein mitmachen und mit der Ordionanzwaffe schiessen, könnte man eine Ausnahme machen.
Roland Borer und Marianne Kleiner diskutieren rege darüber, ob die Armeewaffen nach Hause gehören.- Keystone