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Seltsame Gutachten: Gesundbeter als IV-Arzt

Er glaubt, Gebete könnten Zähne flicken. Und dieser Arzt entscheidet, ob es IV gibt.

Von Adrian Schulthess | Aktualisiert um 10:39 | 30.10.2008
Der IV-Arzt ist dick im Geschäft. Das Institut von Bünjamin Y.* (38) hat schon Tausende von Gutachten erstellt. Von Luzern bis Basel schicken ihm IV-Stellen Patienten. Von seinem Urteil hängt ab, wie viel Rente ein Antragsteller bekommt. Falls überhaupt.

«So ein Gutachten kostet Tausende von Steuerfranken und ist am Ende oft nichts wert», ärgert sich Anwalt Rémy Wyssmann. «Es gibt eben auch Scheingutachter.»

IV-Arzt Bünjamin Y. sei so einer, sagt Antwalt Wyssmann. Und schildert den Fall einer Klientin. Sie sei depressiv und arbeitsunfähig, sagt Wyssmann. Laut einem Gutachten aus dem Institut des IV-Arztes ist die Frau aber geheilt.

Doch: «Wenige Seiten voneinander entfernt findet man eindeutige Widersprüche.» Im Gutachten wird ihr «wenig Interesse an Sexualität» attestiert. Und dann plötzlich «keine Libidominderung».

Diesem Gutachten traut auch das Luzerner Verwaltungsgericht nicht mehr: Die bereits angesetzte Verhandlung ist abgesagt. Zuerst muss ein neues Gutachten her.

Auch Irja Zuber Hofer, Anwältin beim Invaliden-Verband Procap, kennt die seltsamen Gutachten. «Auffallend ist, dass die Einschätzung jeweils sehr streng ausfällt.» Bünyamin Y. sei ein Hardliner.

Ein Hardliner mit dem Segen Gottes? In einem Interview mit der «Berner Rundschau» von 2002 trat er als Vertreter der Vineyard-Bewegung auf: eine christliche Freikirche, deren Anhänger an prophetische Träume glauben.

Das Wirken Gottes äussere sich auch in Heilungswundern, liess sich der IV-Arzt damals zitieren: «Ich habe erlebt, wie ein Loch in einem Zahn sich durch Gebet innerhalb einer Stunde geschlossen hat. Ein Furunkel verschwand in einer halben Stunde.»

Für Anwältin Zuber ist klar: «Das ist jemand, der an Wunderheilungen glaubt», sagt sie. «Jemand mit so einer Grundhaltung glaubt, dass sich die Betroffenen nicht genug anstrengen. Sonst könnten sie sich ja gesundbeten.»

Der IV-Arzt weist die Gesundbeter-Vorwürfe von sich. «Das Interview ist sechs Jahre her. Der Text gab schon damals meine religiöse Haltung nicht korrekt wieder.»

Sein Glaube sei privat und habe auf seine Tätigkeit keinen Einfluss. «Die erstellten Gutachten werden durch den Auftraggeber und durch die zuständigen Gerichte rechtlich gewürdigt und zu keinem Zeitpunkt wurden geringste Hinweise für Aussagen abseits der Schulmedizin beanstandet.»

Kürzlich wurde Procap-Anwältin Zuber bei der IV-Stelle Solothurn vorstellig. Wieder gings um ein seltsames Gutachten von Bünjamin Y.

*Name der Redaktion bekannt
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Das sagen Blick.ch-Leser
Stefan Baum, Umag/Finida - 13:50 | 30.10.2008
» Ist doch super, die IV Stellen bedienen sich derer, welche ihnen für ihre Zwecke dienen. So macht es der Staat überall.... Schauen sie sich z.B. mal die Deppen in der ESBK an!!! Ein Haufen Studierter die zum denken zu blöd sind, aber die Macht besitzen, um den Menschen das Leben schwer zu machen.
Bruno, Thailand - 13:36 | 30.10.2008
» Ich kann Bea Habegger aus Bern nur zustimmen. Die sogenannten Ärzte in der Medas und der anschliessenden Befas (selber Arzt in Luzern) beleidigt und schikaniert die Patienten bis auf die Knochen. Und will man etwas sagen, dann kommt gleich, Simulanten haben die Schnautze zu halten, sonnst gibt es sicher nichts! Täglich wird man als Simulant beschimpft! Ich habe dort harte Männer gesehen, die nach den Gesprächen mit diesem so genannten Arzt weinten! Leute mit Schmerzen werden noch schickaniert wie wenn man Vieh wäre! Und diese so genannten Ärzte entscheiden über Schicksale!
andi, Wallisellen - 13:33 | 30.10.2008
» Es ist bewiesen, dass in Personalbüros die UNFAEHIGSTEN MitarbeiterInnen sitzen. Ein ic/vic am Namensende bedeutet das AUS ohne die Person jemals gesehen zu haben.Aber bei Kaderstellen,haben Blender die besten Chancen zur Einstellung kein nachprüfen/forschen.Armer kleinen Mann/Frau.
Marcel Ivan Raas, Winterthur - 13:26 | 30.10.2008
» Gesundfluchen soll gelegentlich auch helfen!
FEW things, Thurgau - 13:20 | 30.10.2008
» Die IV-Stellen arbeiten im allgemeinen sehr gut. Gegenüber den Gutachtern, die pro Gutachten pauschal 7'200.-- erhalten, sind die IV-Stellen allerdings unglaublich obrigkeitsgläubig. Vor allem die psychiatrischen Gutachter können jeden Quatsch verzapfen. Man muss allerdings auch wissen, dass im Endeffekt nicht dir Gutachter, sondern die IV-Stellen alleine über IV-Leistungen entscheiden und verfügen. Und ich bin sicher, dass es in den IV-Stellen überwiegend Menschen mit gesundem Menschenverstand gibt, die bei der Lektüre der Gutachten auch oft den Kopf schütteln. Mein Gutachter: Ich war bei ihm eine knappe halbe Stunde. Üeber 20 Minuten lang hat er mich mit seinen Theorien vollgelabbert, insgesamt etwa 5 Minuten lang kam auch ich mal zu Wort. Daraus entstand ein 18-seitiges "Werk" voller fantasievoller Geschichten. Der Mann hätte Romanautor werden sollen. Unter anderem schrieb er: "er hat eine helle Stimme" und in einem Abschnitt äussert er sich zum Thema Homosexualität. Was das mit meiner Krankheit zu tun hat, ist mir heute noch schleierhaft. Mit mir hat das jedenfalls nichts zu tun. Immerhin ist das Gutachten etwas wert: Ich habe vor allem die Probleme des Gutachters kennen gelernt. Die IV hat das Gutachten auch als Fantasiestory bewertet und hat nicht nach der Beurteilung des Gutachters entschieden. Die Procap muss sich allerdings auch nicht so scheinheilig geben; Auch unter den für die Procap tätigen Beratern gibt es religiöse Spinner und freikirchliche Eiferer. Eine solche Beraterin sagte mir beim ersten Treffen: "Kommen sie zu uns in die Kirche, dann sind sie schnell nicht mehr behindert. Und ihre Homosexualität können wir auch heilen." Dann überreichte sie mir Prospekte und die Geschichte eine Schwulen, der in ihrer Kirche geheilt wurde. Ich habe das religiöse Werbematerial aufgehoben als Beweis.
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