Freitod-Boom im Altersheim Letzter Exit für Senioren

Die Organisation «Exit» führt bereits jede zehnte Freitodbegleitung in einem Altersheim durch. Das lasse sich nicht mit deren Pflegeauftrag vereinbaren, sagt ein Kritiker.

92 Freitodbegleitungen führte Exit letztes Jahr in Altersheimen durch – so viele wie noch nie. Die Organisation rechnet mit einem weiteren Anstieg. play

92 Freitodbegleitungen führte Exit letztes Jahr in Altersheimen durch – so viele wie noch nie. Die Organisation rechnet mit einem weiteren Anstieg.

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Das Altersheim «Linthgebiet» sollte ihr letztes Zuhause sein. Mit Sterbehilfe wollten zwei Bewohner dort aus dem Leben scheiden. Doch das war in den Räumlichkeiten des Heims verboten. Um ihren Todeswunsch zu erfüllen, mussten sie laut SRF ausziehen.

Nun haben die Verantwortlichen reagiert: Ab 2017 dürfen Bewohner im Heim Sterbehilfe in Anspruch nehmen. So wie in immer mehr Schweizer Altersheimen. «Über die Hälfte erlaubt bereits Freitodbegleitungen in den eigenen Wänden», sagt Jürg Wiler (55), Vorstandsmitglied von Exit. Laufend kämen neue hinzu. «Viele Heime sind offener geworden gegenüber dem Thema und respektieren die Selbstbestimmung der Bewohner.»

Treibende Kraft hinter dieser Entwicklung seien die Bewohner selbst. «Weil sie vermehrt Druck auf die Heimleitungen machen und diese Möglichkeit einfordern.»

Autonomie auch am Lebensende

Im Jahr 2007 führte die Organisation zehn Freitodbegleitungen in Altersheimen durch – 2015 waren es 92. Damals starb jeder 20. Exit-Betreute in einem Heim, heute jeder zehnte. «Diese Zahlen werden weiter zunehmen», schätzt Wiler. Jetzt kämen die Babyboomer in das entsprechende Alter. «Sie sind sich gewöhnt, selber Entscheidungen zu treffen. Und wollen diese Autonomie auch am Lebensende nicht aus der Hand geben.»

Der Verband der Schweizer Heime und sozialen Institutionen Curaviva gibt sich zurückhaltend: «Wir sind tendenziell für einen liberalen Zugang für Sterbehilfeorganisationen», sagt der Kommunikationsbeauftragte Yann Golay (45). 2013 habe der Verband Argumente für und gegen Freitodbegleitungen in ­einem Grundlagenpapier zusammengestellt. «Den definitiven Entscheid, ob man Sterbehilfe zulässt, überlassen wir aber den Heimen selbst.»

Dass immer mehr von ihnen den Sterbehilfeorganisationen die Türen öffnen, ist laut dem Verein Ethik und Medizin Schweiz (VEMS) bedenklich. «Damit wird dieser Art, aus dem Leben zu scheiden, der institutionelle Segen erteilt», sagt Präsident Michel Romanens (62). Es bestehe die Gefahr, dass nach einem Fall auch andere Heimbewohner plötzlich diesen Weg in Betracht ziehen.

«Widerspruch zum pflegerischen Auftrag der Heime»

«Dieser Nachahmungseffekt bei Suiziden ist weithin erkannt und auch von der Psychologie belegt.» Zudem kritisiert Romanens: «Die Ermöglichung eines assistierten Suizids in den eigenen vier Wänden steht in ­einem ethischen und auch in ­einem standesrechtlichen Widerspruch zum pflegerischen Auftrag der Heime.»

Dennoch vertreten die Kantone zunehmend eine liberale Haltung. Waadtländer Heime dürfen seit 2013 gerechtfertigte Wünsche nach Sterbehilfe nicht mehr verweigern. In Neuenburg wurde das Gesundheitsgesetz vor zwei Jahren entsprechend angepasst. Der Grosse Rat in Genf prüft aktuell, diesem Beispiel zu folgen. Und die jurassische Regierung will sich 2017 in dieser Frage positionieren.

Die Kantone Bern, Tessin und Basel-Stadt hingegen lehnten entsprechende Vorstösse ab – Heime können dort weiterhin selbst entscheiden. «Wenn eines die Freitodbegleitung verbietet, müssen wir die Sterbewilligen in eines unserer eigenen Sterbezimmer bringen», sagt Exit-Vorstand Wiler. «Oft ist der Transport aber sehr mühsam und die Betroffenen können dann nicht in einer vertrauten Atmosphäre sterben. Für sie wäre es sicher am angenehmsten, wenn das Heim ihren Wunsch unter­stützte.»

Publiziert am 11.12.2016 | Aktualisiert am 18.01.2017
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23 Kommentare
  • Sabine  Paul , via Facebook 11.12.2016
    "Im Widerspruch zum pflegerischen Auftrag der Heime" ....ja nee, is klar ! Da wird bis zum letzten, endlos rausgezögertem Atemzug ordentlich Geld verdient und dann klinken sich doch tatsächlich ein paar Alte vorzeitig per Exit aus.....da werden die Profitorientierten Investoren, die hinter vielen Pflegeeinrichtungen stecken nicht erfreut sein. Ich (44) werde irgendwann auch per Exit meinen Hut nehmen !!!
  • Manuela  Truniger 11.12.2016
    Im Gesundheitswesen muss gespart werden. Dies betrifft auch Pflegeheime und Spitex. Deshalb wird minutengenau abgerechnet. Zeit für ein Gespräch, etwas Aufmerksamkeit liegt da nicht mehr drin. Bös gesagt, nur noch eine Abfertigung. Wer will da noch alt werden?
  • Victor  Fletcher aus Meilen
    11.12.2016
    Ja klar, lassen wir unsere Alten und Kranken unter dem "Deckmäntelchen" Selbstbestimmung doch Einschläfern! Dieser Selbstbestimmung wird dann durch die psycholgisch geschulte Ärzteschaft schon frühzeitig auf die richtigen Bahnen verholfen. Sollten es einige älterwerdende doch nicht einsehen, können dann die noch besser geschulten Berater von Exit&Co. die Alten immer noch überzeugen, dass ein frühzeitiger Abgang viele Schmerzen und Sorgen ersparen würden. BINGO! Wie Naiv sind wir eigentlich?
  • Silvio  Thalmann 11.12.2016
    Man recherchiere mal über den Psychologen Romanens: ein „Ethiker“ der gegen Sterbehilfe ist und den Sterbewunsch „Wahn“ nennt. Seine Meinung, ok, aber so weit kommt’s noch, dass mir ein Psycholo-Moralist mein Recht über mein Lebensende streitig macht! Sonst kommt es so raus wie bei dem 82jährigen in Genf. Ist es dem Herr Romanens lieber, wenn ich mich im Heim vom Balkon stürze oder mit dem Rollator aufs Bahngleis gehe? Tolle Ethik! Wer NICHT selbst bestimmen will, muss ja nicht.
  • Urs  Martin 11.12.2016
    Alters- und Pflegeheimen mit einem Leistungsauftrag des Kantons sollte im Vertrag vorgeschrieben werden, dass Heimbewohner mit Hilfe von Sterbe-Organisationen im Heim aus dem Leben scheiden können. Das Selbstbestimmungsrecht ist vollumfänglich zu gewährleisten. Patientenverfügungen sowieso von Gesetzes wegen. Wir mussten auch schon in einem Heim die Anwendung und Respektierung einer Patientenverfügung durchsetzen. Gilt auch für Sterben durch Verweigern der Nahrungsaufnahme.