Schlug der Mystery-Mörder wieder zu? Francesca (16) – erschossen wie Jorg H. vor 11 Jahren

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Beat Michel
Das tödliche Drama geschah am Freitagabend gegen 22 Uhr an der Bushaltestelle «Hönggerberg» (rechts im Bild).- Philippe Rossier

ZÜRICH – Abendstimmung auf dem Hönggerberg. Hier an der Bushaltestelle sass Francesca P.* (16), als die tödliche Kugel sie traf.

Wer hat sie abgefeuert? Ein irrer Heckenschütze? Die 16-jährige Italienerin wartete am Freitagabend gegen 22 Uhr mit einem Freund auf den Bus, als es plötzlich knallte und das Mädchen tödlich getroffen zusammensackte.

Fast auf den Tag genau vor 11 Jahren wurde kaum 2 Kilometer entfernt ein Autofahrer auf die gleiche Art getötet. Der Fall wurde nie aufgeklärt (siehe Kasten unten).

Gestern Sonntag. Francescas Eltern stehen immer noch unter Schock. Sie müssen psychologisch betreut werden. Vor dem Haus der Coiffeur-Lehrtochter warten Freunde. Sie sind gekommen, um Francescas Vater und Mutter und dem Bruder Pasquale (19) ihr Beileid auszudrücken. Die meisten stammen ursprünglich aus Süditalien, wie Francescas Familie.

Während dem ganzen Sonntag pilgern Freunde und Verwandte an den Tatort oben auf dem Hönggerberg an der Bushaltestelle der Linie 80. Hier halten sie in Trauer inne. Viele beten und zünden eine Kerze an.

«Sie war der Sonnenschein im Neumarkt», sagt Adriano Malanino (24), Inhaber des Computerspiele-Shops «Game Stop».

Erst im August hat Francesca beim benachbarten Coiffeurladen «Gidor» eine Lehre begonnen. «Sie kam immer zum Rauchen zu uns rüber», sagt Adriano Malanino. Daraus habe sich eine dicke Freundschaft entwickelt. Er legt an der Bushaltestelle einen Blumenstrauss nieder.

Niemand kann verstehen, dass Francesca tot ist. Alle kannten sie als äusserst liebenswerte Kollegin. Auch Nachbar Patrick Fleischlin (20) weiss nur Gutes. Er klebt ein grosses Herz an die Bushaltestelle. «Du bleibst für immer in unseren Herzen», steht auf Italienisch geschrieben. «Sie war wie eine Schwester für mich», sagt er.

Auch Leute, die Francesca fast nur im Ausgang traf, sind auf den Hönggerberg gepilgert, um der toten Francesca Ehre zu erweisen. Da sind Vera (16), Veronica (15) und Matteo (15). Matteos Cousin Andrea (18) war mal mit Francesca zusammen. «Mein Cousin steht unter Schock und spricht mit niemandem», sagt Matteo. «Wir können immer noch nicht glauben, was da passiert ist.»

Alle stellen sich die gleiche Frage: Wie kann man nur ein so lebensfrohes Mädchen töten? Die Polizei hat noch keine Anhaltspunkte zum Tötungsdelikt, sagt Kapo-Zürich-Sprecher Stefan Oberlin.

Es gab viele Hinweise. Die Anteilnahme sei riesig, aber brauchbare Aussagen seien selten. Die Zeugen, die man vorgestern suchte, haben sich mittlerweile gemeldet. Entscheidendes haben aber auch sie nicht gesehen – sie kamen erst nach der Tat zur Bushaltestelle.

*Name der Redaktion bekannt

Heckenschütze immer noch frei

ZÜRICH – Vor 11 Jahren tötete ein Heckenschütze einen Autofahrer. Unweit vom jetzigen Tatort entfernt.

Und ebenfalls an einem Freitagabend im November. Gegen 21 Uhr fährt der Informatiker Jorg E.* (34) durch den Verkehrskreisel am Bucheggplatz. Plötzlich kracht ein Schuss. Das Projektil trifft den Autofahrer in den Hinterkopf. Führerlos prallt der Wagen in einen Kandelaber. Jorg E. stirbt im Spital.

Der Täter hat aus der Tiechestrasse geschossen, die in den Kreisel mündet. So viel findet die Polizei heraus. Als Tatwaffe wird eine Faustfeuerwaffe vermutet. Trotz 40000 Franken Belohnung wird der Todesschütze nie gefunden.

Einen gezielten Anschlag auf den Informatiker schliesst die Polizei praktisch aus. Das Projektil hat zuerst die Heckscheibe durchschlagen und dann die Nackenstütze. Eher war ein unheimlicher Heckenschütze am Werk. Hat der Mystery-Mörder nach elf Jahren nur zwei Kilometer weiter wieder zugeschlagen und Francesca getötet?

«Er könnte grundlos auf die zwei jungen Leute im Bushäuschen gezielt haben. Dass das Mädchen und nicht der Bursche getroffen wurde, war für ihn vielleicht gar nicht wichtig», mutmasst ein ehemaliger Kripobeamter. «Wir können derzeit nichts ausschliessen», sagt Kapo-Sprecher Stefan Oberlin.

Von Viktor Dammann
*Name der Redaktion bekannt

«Ein Mann hat Francesca bedroht»

ZÜRICH – Steckt Eifersucht hinter dem Tötungsdelikt?

Francescas beste Freundin Livia* (17) hat einen Verdacht: «Ein Mann hat Francesca bedroht.» Ihre Freundin habe ihn in den Ferien in Italien kennengelernt. Livia: «Er sagte zu ihr, wenn ich dich nicht kriege, soll dich niemand bekommen.»

Francesca deutete in den letzten Tagen auch gegenüber andern Freunden an, dass etwas nicht stimme. So auch gegenüber Vincenzo (20). Ihm teilte sie per SMS mit: «Es geht mir schlecht.» «Sie hatte ein Beziehungspuff, wollte aber nicht damit rausrücken.»

*Name geändert

Teile der Todeskugel gefunden

ZÜRICH – Der Mystery-Mord vom Hönggerberg. Die Spurensicherer sind gefordert.

Francesca wurde vom tödlichen Schuss in den Oberkörper getroffen. «Wir haben Fragmente des Projektils gefunden», sagt Kapo-Sprecher Stefan Oberlin.

Die Kriminaltechniker sind nun daran, diese Teile zu untersuchen. Die Kugel kann Aussagen über Kaliber und den Typ der Tatwaffe liefern. Es lässt sich auch feststellen, ob ein Querschläger die 16-Jährige getötet hat.

Der Spurenkomplex wird in einer spezielle Datenbank abgeglichen. Dort sind Projektil-Spuren anderer Verbrechen gespeichert. Weiteren Aufschluss soll die gerichtsmedizinische Untersuchung der Leiche bringen. Anhand des Schusskanals wollen die Fahnder herausfinden, aus welcher Richtung der Schuss kam.

Von Viktor Dammann

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