Serie: Armut in der Schweiz «Ferien für Valentino kann ich mir nicht leisten»

  • Aktualisiert am 14.01.2012
  • von paola pitton

REGENSDORF ZH – Sie haben weniger Selbstvertrauen und schlechtere Chancen: arme Kinder in der Schweiz. Valentino (7) ist eines von ihnen.

Mit seinem Mami Manuela (36) bastelt Valentino viel. Das macht Spass – vor allem aber: Es kostet fast nichts.

Ihr liebstes Bastelwerk hat Manuela El Moukdad eben verschenkt: ein Rentier samt Engel aus Karton. Der Familie, die Valentino mit in die Ferien genommen hat. Als Dankeschön. «Ferien für Valentino kann ich mir nicht leisten», sagt die Alleinerziehende. Sie lebt von der Sozialhilfe.

Alles in allem hat sie rund 2600 Franken netto monatlich. Die kleine Familie muss auf vieles verzichten. Fleisch gibts nur, wenn es die Kollegin in Deutschland einkauft. Die Möbel sind gebraucht. Und: «Man sitzt viel zu Hause, wenn man kein Geld hat», bedauert Manuela El Moukdad.

Im Schlafzimmer reiht sich ein Dutzend Ordner fein säuberlich aneinander. «Die bezahlten Rechnungen», steht auf einem. Stolz sagt Manuela El Moukdad: «Ordnung zu halten habe ich mir selbst beigebracht.»

Ordnung gab es in ihrer Kindheit in jeder Hinsicht wenig. Eine Mutter, die kaum da ist für die sechs Kinder. Ein Vater, der «Tag und Nacht gekrüppelt» hat. Das Geld fehlt trotzdem. Manuela wechselt schon als 4-Jährige dem kleinen Bruder die Windeln. In der Schule sagt der Lehrer, «dass ich sowieso ein Tubel bin».

Die Aargauerin macht eine Anlehre als Charcuterie-Verkäuferin und eine als Näherin. Hat einen Job. Doch als sie ihr Kind bekommt, holt sie die Vergangenheit ein. Die Frau, die auf den ersten Blick so patent wirkt, wird krank. Körperlich und psychisch. Bis zum Frühjahr erhält sie IV-Rente. Ob sie noch Anspruch darauf hat, wird derzeit abgeklärt.

«Meine Kindheit war schlimm. Jetzt geht es mir zwar besser. Aber es ist schon verrückt, wie sich das durchs ganze Leben zieht», sagt Manuela El Moukdad. «Ich weiss, was ich anders machen möchte für meinen Sohn. Deshalb hole ich mir Hilfe.»

Hilfe kommt von Valentinos Beiständin und von einer Sozialpädagogin. Manchmal auch von Nachbarn. «Der Besitzer des Tierladens um die Ecke hörte, dass Valentino so gerne ein Velo hätte. Da hat er ihm das gebrauchte seines Sohnes geschenkt.»

Arme Kinder brauchen Chancen

Kinder leiden am meisten unter Armut. Eine Initiative will das ändern. Allein im Kanton Zürich leben 20000 Kinder in Armut – ohne grosse Aussicht auf ein besseres Leben. «Diesen Kindern wollen wir bessere Startchancen geben», sagt Sarah Müller von der Initiative «Chancen für Kinder».Das Volksbegehren will erreichen, dass arme Familien im Kanton Zürich Ergänzungsleistungen erhalten. So wie es bereits im Tessin gemacht wird – mit grossem Erfolg. Dort ist die Zahl der Sozialhilfeempfänger schweizweit am niedrigsten.«Ergänzungsleistungen sind eine Investition in die Zukunft», sagt Sarah Müller. Die Initiative wird vom Zürcher Kantonsrat unterstützt. Das Volk wird voraussichtlich im Juni 2007 darüber abstimmen.Chancen für Kinder

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