Facebook-Appell zur DSI rüttelt Schweizer auf «Ihr macht mich zum Bürger zweiter Klasse»

Auf Facebook lichten sich Ausländer mit ihrem Ausweis ab und erzählen ihre Geschichte. Der Post eines Deutschen trifft einen Nerv.

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Gerrit Sardemann: «Ich steh hier meinen Mann und kämpfe mich mit allen Schwierigkeiten und Höhen und Tiefen durch.» Facebook

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Gerrit Sardemann betreut das Comedy-Duo Ursus & Nadeschkin als Tournee-Techniker, ist verheiratet, Vater von zwei Kindern, spricht Schweizerdeutsch und Französisch. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Mitbürger. Doch Sardemann hat keinen Schweizer Pass – der Deutsche ist 1991 als Jugendlicher in die Schweiz gekommen und hat den C-Ausweis erhalten.

Das stellte bislang kaum eine Beeinträchtigung dar – doch mit einem Ja zu der Durchsetzungsinitiative würde sich das schlagartig ändern, wie Sardemann in einem Facebook-Post ausführt: «Wenn am 28. Februar abgestimmt wird über die Durchsetzungsinitiative, dann stimmt ihr auch über mein Leben ab. Ihr macht mich dann zu einem Bürger zweiter Klasse.» Seine Bitte: «Lehnt diese verfxxxte Nazi-Initiative ab.»

Der Eintrag, der am 15. Februar veröffentlicht wurde, trifft einen Nerv: Er wurde mehr als 10'000 Mal geteilt, hat 24'500 Likes und 2500 Kommentare. Auf Anfrage möchte sich Sardemann nicht im Detail zu seinen Aussagen äussern – der Post solle für sich stehen.

Er ist nicht der einzige: Viele Ausländer, die in der Schweiz wohnen, tun es dem Deutschen gleich. Sie veröffentlichen ein Foto ihres Ausweises mit ihrer Geschichte und der Bitte, die Initiative nicht anzunehmen.

«Sprich, ich habe ein Leben wie jeder andere hier auch»

Gerrit Sardemann schildert seinen Werdegang, seit er im Alter von 14 Jahren in die Schweiz gekommen ist. Und der könnte genauso gut von einem Schweizer stammen.

Wilde Jugend («ich habe gekifft, gesoffen, Sachen kaputt gemacht, bin mit 16 Auto gefahren... genauso wie meine Freunde damals»), erfolgreiche Ausbildung («Ich hab trotzdem eine 4-jährige Lehre durchgezogen und diese mit Bravour bestanden»), Karriere («Ich habe einen Beruf aus meinem Hobby gemacht und bin Veranstaltungstechniker geworden.»), Gründung einer Familie («Ich habe mit einer Schweizerin zwei wunderbare Kinder in die Welt gesetzt und bin ein sehr stolzer Vater»).

Auch die weniger schönen Seiten des Lebens lässt Sardemann nicht aus: «Leider bin ich in meinem Leben auch ein paarmal gestolpert, habe eine Rechnung nicht zahlen können, hatte Betreibungen, hab mal die Steuererklärung nicht fristgerecht eingereicht, wurde auf irgendein Amt vorgeladen und bin nicht erschienen.» Doch er zahle Steuern, AHV, Versicherungen.

«Sprich, ich habe ein Leben wie jeder andere hier auch. Der einzige Unterschied zu meinen Schweizer Freunden und Kollegen besteht darin, dass ich woanders auf die Welt gekommen bin. Hamburg, auch schön aber nicht hier.»

«Sagt mir ins Gesicht, dass ich weniger Wert bin»

Und dann kommt er zum Kern seines Posts: «Im Falle einer Annahme der Initiative reicht es, wenn ich mich bei einer Verkehrskontrolle der Polizei ungerecht behandelt fühle und dies kundtue und der Polizist irgendwie meint ich habe mich ihm widersetzt.» Das und vielleicht eine ältere vergessen gegangene Parkbusse würde ausreichen, um ihn auszuweisen.

Sardemann wendet sich mit einem Appell an die Schweizer: «So come on people. Ich steh hier meinen Mann und kämpfe mich mit allen Schwierigkeiten und Höhen und Tiefen die so ein Leben halt hat durch. Genau wie ihr auch, genau wie die anderen 1.5 Millionen Ausländer in diesem Land auch.»

Dann fordert er die Befürworter auf: «Nun, falls ihr am 28. Februar Ja stimmen wollt, macht dies, aber bitte kommt doch bei mir vorbei und sagt es mir ins Gesicht, dass ich weniger Wert bin als einer von Euch.» (rey)

Publiziert am 24.02.2016 | Aktualisiert am 25.02.2016
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147 Kommentare
  • Susanne  Reich 25.02.2016
    Diese Initiative wurde nur notwendig, weil das gewährte Gastrecht - jeder, wer Interesse hat, kann sich einbürgern lassen, sofern er die Voraussetzungen erfüllt - oft missbraucht wird und die Schweizer sowie die wirklich integrierten Ausländer die Schnauze voll haben. Ich habe eher das Gefühl, dass wir grosszügiger sind als das nahe Ausland. Weshalb scheinen sich sämtliche Staaten - spez. diejenigen der EU - alles erlauben zu können und uns werden immer wieder Vorwürfe gemacht. Hat dies System?
  • Meinrad  Diethelm 25.02.2016
    Mich nerven die herumlungernden Ausländer bei mir im Dorf auch aber ich sehe auch viele Ausländer, die jeden Morgen um 6.00 Uhr zusammen mit mir zur Arbeit gehen. Die sind so wie wir. Wenn sie ein Verbrechen begehen, sollen sie dafür bestraft werden, so wie wir. Wenn sie nicht nach unseren Gesetzten leben wollen, sollen sie gehen. Leider können wir das von Schweizern nicht verlangen. Hört auf mit der Polemik. Wir haben alle Gesetzte, die wir brauchen auch ohne DSI.
    • Chäpp  Zingg aus Rheintal
      25.02.2016
      Die Gesetze sind nicht das Problem. Die Rechtsprechung ist das Problem. Ich bin auch kein Freund der DSI. Aber es ist traurig, dass es diese braucht! Deshalb JA!
  • Heinz  Zürcher aus Ostermundigen
    25.02.2016
    Sie hätten Sich ja schon lange einbürgern lassen können. Aber damit wären auch Pflichten wie z. B. Militärdienst verbunden. Das wollten Sie dann wohl lieber nicht. Aber hier herumjammern.
  • Mike  Studer 25.02.2016
    Lieber Gerrit. Du bist nicht weniger Wert als wir/deine Schweizer Kollegen. Ganz im Gegenteil. Du profitierst hier als Nicht-Schweizer Bürger von Privilegien, die wir/deine Schweizer Kollegen nicht haben. Dass die also weniger Wert sind, hat Dich bislang auch nicht gestört, oder?
  • Thomas  Hager aus Luzern
    25.02.2016
    Da habe ich Glück gehabt und nichts anderes das ich als Schweizer geboren wurde denn ich wäre ausgewiesen worden. Schon blöd, ihr müsst mit mir leben aber ich ja auch mit euch!