Ein Türke erschiesst seine Frau in einem Wettinger Coiffeursalon. Der Fall zeigt einmal mehr: Bei häuslicher Gewalt sind die Behörden oft machtlos.
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Ali S. tötete seine Frau Melek in ihrem Coiffeursalon in Wettingen. Danach erschoss er sich selbst. Sie hat ihren Mann wegen Drohungen angezeigt.
(Paolo Foschini)
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Gerichts-Psychiater Frank Urbaniok: «Man sollte sich vor Schnellschüssen hüten.»
(EQ Images)Melek S.* († 40) hatte die Scheidung eingereicht. Vor sechs Monaten trennte sich die Coiffeuse von ihrem Mann Ali S.* († 51). Doch der Türke will das nicht akzeptieren. Melek S. zeigt ihn zweimal wegen Drohung und Körperverletzung an.
Vergeblich. Am Mittwoch tötet Ali S. die hübsche Frau mit mehreren Schüssen in ihrem Coiffeursalon in Wettingen AG. Dann richtet er die Waffe gegen sich selbst.
Die Tat hat sich angekündigt. Melek S. hatte Angst vor ihrem Noch-Ehemann. Und trotzdem konnten die Behörden sie nicht schützen.
«Wir haben die Sache nicht auf die leichte Schulter genommen», sagt Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. «Es waren mehrere kleine Ereignisse, Tätlichkeiten und Drohungen, die sich summiert haben. Man kann solche Taten leider nicht verhindern.»
Trotz der Anzeigen der Frau hat die Polizei die Gefährlichkeit des Täters unterschätzt. «Wir waren überrascht, dass dieser Fall so eskalierte», sagt Graser. «Wir hatten keine Anhaltspunkte für eine so schwere Gewalttat – zu keinem Zeitpunkt. Von der Waffe wussten wir zum Beispiel nichts.»
Immer wieder enden Trennungen mit schwerer Gewalt oder sogar mit dem Tod eines Partners. Erst im Juli starb Maria C.* († 30) in Schübelbach SZ. Ihr Mann José D. (34) erschoss sie auf einem Parkplatz.
Die Polizei hatte den Portugiesen wegen häuslicher Gewalt schon dreimal festgenommen, liess ihn aber immer wieder laufen.
Die Behörden haben bei häuslicher Gewalt begrenzte Möglichkeiten. Sie können den Täter mit einem Kontakt- oder Rayonverbot belegen. Oder ihn für eine kurze Zeit festnehmen lassen.
Sind Frauen den Gewaltexzessen der Männer schutzlos ausgeliefert? Lassen sich schwere Gewalttaten gar nicht voraussehen?
«Häusliche Gewalt lässt sich nicht verhindern. Das zu glauben wäre unrealistisch», sagt auch der Zürcher Gerichtspsychiater Frank Urbaniok. «Aber es muss das Ziel sein, häusliche Gewalt so weit wie möglich einzudämmen. Wir müssen einen vernünftigen Umgang damit finden, die Opfer konsequent schützen. Und alles daransetzen, schwere Gewaltexzesse zu verhindern, indem wir Risikopersonen herausfiltern.»
Doch das ist gar nicht so einfach. Denn: «95 Prozent der Drohungen sind harmlos. Sie werden im Affekt ausgesprochen und sind bald wieder vergessen», sagt Urbaniok.
«Die restlichen fünf Prozent müssen wir aber ernst nehmen. Es ist wichtig, wie konkret eine Drohung ist. Entscheidend ist meist, wer die Drohung ausspricht, wie zielgerichtet sie ist und auch womit gedroht wird.»
Der Kanton Zürich führt im nächsten Jahr Odara ein. Das ist eine neue, standardisierte Risikoanalyse. «Mit 16 Fragen können Polizisten oder Behörden relativ schnell abchecken, ob ein Täter harmlos oder gefährlich ist», erklärt Urbaniok. «Die Beamten gehen das vor Ort durch. Es soll helfen, ihre Wahrnehmung zu sensibilisieren.»
Die Polizisten müssen mit Odara unter anderem klären, ob es in der Vergangenheit polizeilich registrierte Gewalt gab, die Partnerin ein Kind von einem anderen Mann hat, der Täter Alkohol- oder Drogenprobleme hat – oder ob es Gewalt gegen Schwangere gab.
Hundertprozentige Sicherheit gibt aber auch dieses System nicht. Urbaniok: «Nach der Checkliste geht es weiter. Täter, die als gefährlich eingeschätzt werden, werden von Gewaltexperten der Polizei oder von psychiatrischen Gutachtern weiter untersucht.» Frank Urbaniok empfiehlt, ernste Drohungen immer anzuzeigen.
*Namen der Redaktion bekannt
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