«Es steht eine grosse Entlassungswelle bevor»

  • Publiziert: 17.03.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Ann Guenter

ZÜRICH – Krise, Rezession, Arbeitslose: Was kommt da noch alles auf uns zu? Blick.ch fragte Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse.

Blick.ch: Herr Minsch, das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco ging im Dezember davon aus, dass die Schweizer Wirtschaft um nur 0,8 Prozent schrumpfen wird, jetzt sind es satte 2,2 Prozent. Wieso können solche Diskrepanzen in den Prognosen auftreten?

Rudolf Minsch: Das Seco und die Wirtschaftsinstitute im Allgemeinen gingen davon aus, dass sich die Lage auf den Finanzmärkten international beruhigt. Man hat damals erwartet, dass die Banken nach den Staatseingriffen gerettet wären und sich die Lage an den Finanzmärkten stabilisiert. Nur, das war nicht der Fall. Im Gegenteil: Das Negativwachstum im Ausland ist viel grösser als angenommen, ein Ende der Krise nicht abzusehen.

Also keine Blauäugigkeit von Seiten des Seco? Nein. Die Fehleinschätzung rührt nicht daher, sondern daher, dass die Abwärtsspirale in diesem Ausmass nicht voraussehbar war. Sie war lediglich ein Szenario unter vielen.

Sind Sie mit den bisherigen Massnahmen der Landesregierung zufrieden?
Ja. Der Bundesrat hat die richtigen Schritte unternommen. Unsere Binnenwirtschaft ist nicht allzu stark von der Krise betroffen. Allerdings ist auch klar, dass wir gegenüber weltwirtschaftlichen Einflüssen ohnmächtig sind.

Dennoch sind die Konjunkturpäckli von Frau Leuthard im Vergleich mit dem Ausland doch sehr schmalbrüstig ausgefallen
Die Voraussetzungen sind ganz andere. Bei uns sind die Strukturen noch intakt, in den USA hingegen völlig marode. Denken Sie den Finanz- und Versicherungssektor, an das Baugewerbe, an die Autoindustrie und nicht zuletzt an Bildung und Infrastruktur dort. Diese Probleme haben wir nicht. Und so bringt es in der Schweiz auch nichts, voreilig Geld in die Wirtschaft zu pumpen. Es soll keine Mammutprogramme geben, die dann vor allem den Staatshaushalt belasten.

Das Seco prognostiziert 2010 über 200000 Arbeitslose...was kommt da auf uns zu? Economiesuisse rechnet zwar mit einer etwas tieferen Arbeitslosenquote bis 2010. Aber ja: Es stehen weitere Entlassungen bevor. Das trifft vor allem die Exportbranche, die Textil- und Maschinensektoren sowie die Autozulieferer. Aber es wird auch etliche arbeitslose Banker geben. Je länger die Krise dauert, umso schlimmer wird es werden.

Und wie schlimm wird es noch werden?
Das Problem ist: Niemand von uns hat je so eine Krise erlebt...

Was ist mit der Rezession 1973?
Die Ölkrise von 1973 fällt als Stichwort immer wieder, doch diese Rezession ist nicht vergleichbar mit unserer heutigen Krise. Heute betrifft die Krise in erster Linie die Exporte und die Finanzdienstleister. Dazu kommt, dass ein gleichzeitiger Abschwung in verschiedenen Volkswirtschaften satt findet, und auch das ist neu. Niemand weiss derzeit, wie tief die Krise noch gehen wird.

Wovon hängt ein Ende der Krise denn ab?
Wichtig ist, was mit den Finanzmärkten in den USA, aber auch in Osteuropa passiert, und was die Auswirkungen auf Europa sein werden. Eine Besserung kommt erst, wenn die Finanzmärkte gesunden. Das Ende ist derzeit noch nicht absehbar.

play Rudolf Minsch: «Niemand von uns hat je so eine Krise erlebt.» (ZVG)

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