Christine Egerszegi «Es ist unnötig, ein Kopftuch zu tragen»

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Christof Moser
Mit Kopftuch
Micheline Calmy-Rey beim iranischen Präsidenten- RDB/Reuters

Ein Stück Stoff erregt die Schweiz: War es richtig, dass Micheline Calmy-Rey im Iran ein Kopftuch trug?

Es ist Gesprächsstoff, was sich Micheline Calmy-Rey (62) vergangene Woche auf ihrer Reise in den Iran um den Kopf gewickelt hat: ein weisses Tuch, fast transparent und so lang wie ein Vorhang.

Musste dieses Kopftuch wirklich sein, Frau Bundesrätin? Diese Frage gibt zu reden. In Bundesbern, im ganzen Land.
Und auch im Iran: «Ich bin enttäuscht von dieser Frau», sagt eine junge Iranerin, die in Teheran Philosophie studiert. Und fügt an: «Wir kämpfen weiter gegen den Kopftuchzwang, auch wenn westliche Politikerinnen ihre Unterwerfung offenbar freiwillig zelebrieren.»

Als wäre der Arbeitsbesuch von Calmy-Rey beim iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad (51), einem möglichen Atombombenbauer und bekennenden Holocaust-Leugner, nicht schon umstritten genug: Die Aussenministerin muss sich auch den Vorwurf gefallen lassen, mit ihrem verschleierten Auftritt vor den Macho-Despoten im religiösen Gottesstaat Iran einen Kniefall gemacht zu haben.

Jetzt schaltet sich FDP-Ständerätin Christine Egerszegi (59/AG) in die Debatte ein: «Ich bin erstaunt, dass Frau Calmy-Rey im Iran ein Kopftuch trug», sagt sie – und geht damit auf Distanz zur SP-Bundesrätin, an deren Seite sie letztes Jahr auf dem Rütli gegen Rechtsextreme und für Frauenrechte eingestanden ist. «Ich verstehe Calmy-Reys Beweggründe nicht», so Egerszegi. «Es ist unnötig, ein Kopftuch zu tragen!»

Im November 2007 zeigte Egerszegi, damals höchste Schweizerin, wie frau es auch machen kann: Sie traf in Riad offiziell den saudischen König Abdallah bin Abdelaziz Al-Saud (83) – ohne Kopftuch!

«Für mich kam es nie in Frage, mich zu verschleiern», sagt Egerszegi. Das Kopftuch ist für sie «ein Symbol der Unterdrückung».

Calmy-Rey jedoch verteidigt ihren schleierhaften Auftritt: «Das war keine Unterordnung, sondern Respekt gegenüber den Regeln des Landes.» Dank dem Kopftuch habe sie offensiv heikle Themen wie die Menschenrechte ansprechen können, sagt Calmy-Rey. Aber auch da widerspricht Egerszegi: «Ich hatte nicht das Gefühl, mich in Saudiarabien anpassen zu müssen, obwohl auch ich Klartext redete.»

Ausgestanden ist die Affäre für Calmy-Rey noch nicht. «Wir verlangen, dass sich die Bundesrätin vor der Aussenpolitischen Kommission erklärt», sagt CVP-Chef Christophe Darbellay (37). Ihr Kopftuch lasse den Respekt vor der Gleichberechtigung vermissen, sagt er. «Calmy-Rey muss uns sagen, warum sie diesen peinlichen Kniefall vor Ahmadinedschad gemacht hat.»

Was bedeutet das Kopftuch im Islam?

Über dieses «Stück Stoff» ist in den letzten Jahren so viel Unsinn geschrieben worden, dass es sich lohnt, seine eigentliche Bedeutung noch einmal in Erinnerung zu rufen. Aus Sicht der Muslime ist die Sache einfach: Obwohl es der Koran nicht ausdrücklich vorschreibt, steht das Kopftuch als traditionelles Signal weiblicher Unterwerfung für die männliche Dominanz.
In der Islamlobby des Westens hat sich die respektlose Sprachregelung durchgesetzt, die Musliminnen trügen es «freiwillig». Damit verfälschen deren Vertreter allerdings – wohl eher «unfreiwillig» – nichts Geringeres als Allahs Wort selbst. Er und sein Gesandter Muhammad haben eindeutig bestimmt, dass die Männer über den Frauen stehen, dass sie das alleinige Verfügungsrecht über die Frau ausüben – vor allem sexuell – und für deren Verhüllung sorgen sollen.
Europaweit nimmt die Zahl der Kopftuch-Trägerinnen zu – ein sicherer Indikator dafür, dass auch die strengeren Interpretationen des islamischen Glaubens auf dem Vormarsch sind. Wenn westliche Repräsentantinnen auf Staatsbesuch im Nahen Osten mit dem Tuch auftreten, signalisieren sie damit vorauseilende Demut, die auf herrschende Muslim-Männer eher erheiternd wirkt. Denn in ihren Augen hat dieses «Stück Stoff» auf dem Kopf ihrer nicht-islamischen Besucherin nur eine Bedeutung, wenn diese Musliminnen wären oder ihren baldigen Übertritt planten. 
Hans-Peter Raddatz (66) ist Orientalist und Buch-Autor

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Calmy-Rey mit Kopftuch - ein Fehler?»

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