Urs P. Gasche über die Prämienexplosion bei Krankenkassen «Es hat in der Schweiz zu viele Ärzte und Spitäler»

  • Publiziert: 20.04.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Silvio Bertolami

Praxisgebühr, Alterszuschlag, höherer Selbstbehalt — mit solchen Tricks will man verhindern, dass die Krankenkassenprämien nächstes Jahr mehr als 10 Prozent aufschlagen. Konsumentenschützer Urs P. Gasche zeigt einen ganz anderen Weg auf.

Blick: Gesundheitsminister Pascal Couchepin sucht verzweifelt nach mehr Geldquellen. Wollen Sie ihm dabei helfen?

Urs P. Gasche: Sicher nicht. Wir haben schon das teuerste Gesundheitssystem Europas. Und wir müssen bereits mehr aus der eigenen Tasche zahlen als die andern. Der Bundesrat soll das Geld bei denen holen, die an diesem Geschäft 60 Milliarden verdienen.

Wen meinen Sie?
Die allzu vielen Spezialärzte, die unnötig viel behandeln und verschreiben. Die Spitalbetreiber mit ihren zu vielen Betten. Die Apotheker mit dem teuersten Grossistennetz Europas. Die ...

... konkrete Beispiele, bitte.
Im Kanton Bern gibt es ein Überangebot an Akutspitalbetten. Deshalb werden dort die Leute 30 % häufiger ins Spital eingewiesen als im Kanton St. Gallen. Waadtländer Ärzte führen Herzkatheter-Untersuchungen 80 % häufiger durch als ihre St. Galler Kollegen. Kein Wunder, müssen die Waadtländer 33 % höhere Prämien zahlen als die St. Galler, die Berner 23 % höhere.

Das Volk wehrt sich doch häufig gegen weniger Leistungen, gerade auch gegen Spitalschliessungen.
Nur weil man dem Volk verschweigt, in welchen Spitälern es doppelt so häufig zu Infektionen, Komplikationen und Todesfällen kommt als in andern. Niemand hätte etwas dagegen, schlechte Spitäler zu schliessen.

Unser Gesundheitswesen sei Spitze, so wird oft gesagt, das habe halt seinen Preis. Falsch?
Das ist Augenwischerei. Warum müssen wir denn häufiger und länger im Spital liegen als die Holländer, Norweger oder Schweden? Warum müssen wir für belastende Computer-Tomographien viel häufiger in die Röhre? Warum so viel mehr Medikamente schlucken? Alles mit null Effekt. Wir leben nicht länger und fühlen uns schon gar nicht gesünder. Aber einen Drittel mehr bezahlen müssen wir in der Schweiz!

Was also tun?
Erste Anlaufstelle müssen Hausarzt-Gruppenpraxen sein. Und ein Tabu ist zu brechen: Die Honorierung nach Einzelleistungen muss man abschaffen. Heute erhöhen die Ärzte mit jeder Einzelleistung ihr Einkommen, weshalb viele unnötig viel untersuchen, operieren und Medikamente verschreiben. In Holland und Schweden sind die Ärzte angestellt.

Die Patienten wollen doch eine maximale Versorgung.
Alle wollen, dass sie möglichst rasch gesund oder ihre chronischen Krankheiten nicht schlimmer werden. Was sie sicher nicht wollen, ist eine maximale Versorgung im Sinne überflüssiger Behandlungen. Doch allzu viele Anbieter von Gesundheitsleistungen wollen an ihnen mehr verdienen als nötig ist.

Heisst das, dass keine richtige Kontrolle erfolgt?
Ärzte und Spitäler wehren sich dagegen, dass man ihnen genau auf die Finger schaut. Sie weigern sich, Daten zu liefern, welche die riesigen Qualitätsunterschiede an den Tag bringen würden.
In der Schweiz gibt es jedes Jahr rund 6000 Tote, weil verabreichte Medikamente nicht kompatibel sind, 2000 Tote wegen Pannen und unsorgfältigen Behandlungen in den Spitälern, 50000 im Spital aufgelesene Infektionen. Die Qualität muss endlich rigoros erfasst und veröffentlicht werden.

Diskutieren Sie mit

Gibt es in der Schweiz zu viele Ärzte und Spitäler, wie Urs P. Gasche sagt. Oder woran liegt die Kostenexplosion im Gesundheitswesen? Schreiben Sie uns.
play Macht sich stark für die Prämienzahler: Urs P. Gasche.
(Christian Lanz)

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