Euro-Bünzlis Erste Beizer haben schon jetzt genug

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Hannes Heldstab und Adrian Schulthess
- Illustration: Igor Kravarik

Olé, olé, oje! Mit immer neuen Auflagen und Einsprachen vermiesen uns Bürokraten und Bünzlis die EM-Vorfreude.

Euro-08-Frust für Thuner Beizer: Die Stadt kassiert in der Innenstadt einen fetten EM-Zuschlag.

Fürs Wirten im Gärtli oder auf dem Trottoir verlangt sie während der drei Fussball-EM-Wochen pro Quadratmeter 25 Franken zusätzlich. Obwohl die Beizer für die laufende Saison schon 110 Franken für jeden einzelnen Quadratmeter bezahlt haben.

Die dicke Post vom städtischen Gewerbe-Inspektor Reto Keller bekamen die Innenstadt-Wirte Anfang Februar: Ihr Lokal liege während der Fussball-EM im sogenannten «Euro-Korridor».

Für die Zeit der Euro 08 ist also die Gartenbeizen-Bewilligung der Polizei plötzlich nichts mehr wert.

In einem ersten Anlauf wollte die Stadt von ortsansässigen Betrieben sogar 50 Franken pro Quadratmeter zusätzlich kassieren, sollte in der Fanmeile im Freien gewirtet werden.

«Ich habe mich gewehrt», sagt «Alte-Öle»-Wirtin Maya Baumann (52). «Denn ich zahle ohnehin für meine 75 Quadratmeter Gartenbeiz jedes Jahr schon 4970 Franken in die Stadtkasse.»

Für bloss drei Wochen wären nun noch 3750 Franken dazugekommen. Ohne Garantie, dass das Geld wieder reinkommt.» Bei schönem Wetter sei das Beizen-Gärtli auch ohne EM bumsvoll.

Die Begründung von Gewerbe-Inspektor Keller für den happigen Aufschlag: «Wir rechnen mit Mehraufwand bei Reinigung, Abfallbeseitigung und Sicherheit.»

Eine Wirtedelegation erreichte zwar, dass die Zusatzgebühr für Ortsansässige auf 25 Franken gesenkt wurde. Wirtin Baumann: «Das ist immer noch zu viel. In Bern wird für bestehende Garten- und Trottoirbeizen in der Fanmeile kein Franken mehr verlangt.»

Zähneknirschend hat Bachmann die Nutzung trotzdem angemeldet. «Das kostet mich jetzt 1875 Franken, zahlbar im Voraus. Wenn es schifft, ist alles für die Katz.»

Andere wollen das Risiko nicht eingehen: Wirtin Anna Schmid von der «Sinnebrücke» macht nicht mit. Sollte die Stadt nicht auf den Zuschlag verzichten, schliesst sie trotz Euro 08 ihr 65-Quadratmeter grosses Gärtli: «Ich lass mich doch nicht abzocken. Was die Stadt da bietet, lässt überhaupt keine Vorfreude aufkommen. Da nützt alles Herbeireden einer Tschutti-Euphorie nichts.»

Die Thuner Beizer sind nicht allein: In der ganzen Schweiz kämpfen Wirte mit Spezialauflagen der Behörden. Mehrere Kleinbasler etwa müssen während der EM ihre Lokale einzäunen.

Der Grund: Der Bierkonzern Carlsberg hat sich teuer bei der Uefa eingekauft – dafür dürfen die Beizer in den Fanzonen eigentlich nichts anderes mehr zapfen. Dumm nur, dass viele bereits Verträge mit anderen Biermarken haben – jetzt müssen sie sich abschotten.

Auch im Zürcher Seefeld gehen die Gewerbler auf die Barrikaden: Die Stadt will ihr Quartier während der Euro für den Verkehr sperren – deshalb fürchten sie um ihre Umsätze. Und reagierten mit Einsprachen.

Aus der eigenen Strasse ausgesperrt: Das droht Zehntausenden von Schweizern, die in der Nähe von Fussballstadien wohnen.

In den vier Gastgeberstädten muss man rechtzeitig einen Passierschein beantragen – wer das verpasst, muss das Auto stehen lassen.

In der ganzen Schweiz fürchtet man sich zudem vor Pinkel-Hooligans: Angeheiterte Fans, die in den Fanzonen trinken und sich dann an den Hausecken erleichtern. Oder zum Pinkeln in die Beizen kommen – ohne zu konsumieren.

Der Cafetierverband hat deshalb vorgeschlagen, ein Geschäft mit dem Geschäft zu machen: zwei Franken Eintritt fürs Klo (im BLICK).

Aber auch die lieben Nachbarn machen mobil gegen die Euro-Vorfreude. Am Bodensee haben zehn Ferienhausbesitzer gegen eine geplante Public-Viewing-Plattform im Wasser mit Leinwand, Festwirtschaft und 150 Sitzplätzen Einspruch eingelegt.

Obwohl die Besitzer laut Auskunft des zuständigen Gemeindeammans während der EM-Wochen kaum in ihren Häuslein anzutreffen sind.

Zu viele Euro-Vorschriften? Diskutieren Sie mit!

Schweizer sind nett

Die Schweizer sind auf gutem Weg, freundlich zu werden.Kommunikationsfachmann Dan Wiener (46) ist begeistert. «Die Stimmung an den Kursen ist super. Alle sind hochmotiviert.»Der Theatermann zeigt den Schweizern im Hinblick auf die Euro 08, wie man freundlich ist. Bereits hat er rund 270 Gastgeber-Trainer ausgebildet. Weitere 60 folgen bis April. Die Trainer geben dann ihr Wissen weiter. So dass am Ende 50000 Personen instruiert sind. Wieners Eintage-Kurs besteht aus 5 Modulen:GastgeberWissen zur Euro 08TourismusFankulturSicherheit.«Das Feedback der Teilnehmer hat gezeigt, dass wir auf die richtigen Themen gesetzt haben», sagt Wiener.Auftraggeber von Wiener ist «Schweiz Tourismus». Die Touristiker wollen unbedingt, dass die Hunderttausenden ausländischen Fans einen tollen Eindruck von der Schweiz mit nach Hause nehmen. Taxifahrer, Polizisten, Grenzwächter und Kellner werden deshalb in Wieners «Gastgeberkurs» geschickt.Wiener weiss: «Die Euro ist eine Riesenkiste.» Trotzdem ist er sich sicher, dass sie ein voller Erfolg wird. Denn: «Alle mit denen ich zusammenarbeite, ziehen am gleichen Strick. Das gibt es selten.»Lukas Füglister

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