Ökonom Reiner Eichenberger «Einwanderung bringt kaum Profit»

  • Publiziert: 31.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview: Werner Vontobel

Offizielle Meldungen über den Erfolg der Einwanderungspolitik sind stark übertrieben, meint der Ökonom Reiner Eichenberger (48).

SonntagsBlick: Politiker von links bis rechts behaupten, dass die Schweiz ihr Wachstum vor allem der Einwanderungspolitik verdanke. Richtig?
Reiner Eichenberger:
Leider ja.

Warum leider?
Wir hätten viel mehr davon gehabt, wenn wir unser Wachstum einer überdurchschnittlichen Produktivitätssteigerung verdanken würden. Doch die Schweiz bleibt die Produktivitätsschnecke Europas.

Man hört auch immer wieder, die Einwanderung qualifizierter Ausländer habe unsere Produktivität dramatisch erhöht.
Die Zahlen sagen das Gegenteil. Die Produktivität wuchs nur langsam. Inwieweit das auch mit der Einwanderung zusammenhängt, ist offen.

Hat uns denn die Personenfreizügigkeit gar nichts gebracht?
Doch. Zwei Aussagen kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit machen. Erstens bringt die Einwanderung dem Steuervogt und der AHV Mehreinnahmen. Zweitens drückt die Einwanderung kurzfristig die Löhne, weil das Angebot an Arbeitskräften stark gestiegen ist.

Ist das ein Grund dafür, dass die Haushaltseinkommen seit 1998 nicht mehr gewachsen sind?
Diese Zahl ist zumindest ein Indiz dafür, dass Herr und Frau Schweizer vom Einwanderungsboom nicht allzu sehr profitiert haben. Aber man darf diese Frage ohnehin nicht nur nach rein ökonomischen Kriterien beurteilen.

Sondern?
Denken Sie an den Dichtestress. Einwanderung bedeutet noch mehr Häuser, noch mehr Strassen, noch mehr Bau- und Verkehrslärm, noch höhere Preise an guten Wohnlagen. Noch wichtiger sind die kulturellen Aspekte. Wie verändern sich unsere demokratischen Institutionen und die Kultur des Umgangs miteinander? Ist es gut, wenn die Plätze an den Gymnasien von deutschen Kindern besetzt sind?

Sind solche Fragen nicht …
Politisch unkorrekt? Mag sein, aber es sind Fragen, die die Leute beschäftigen, die unsere Lebensqualität beeinflussen. Darüber muss man offen reden, und ich stelle zum Glück fest, dass wir in der Schweiz fähig sind, dazu eine offene Diskussion zu führen.

Einwanderung – eine Bilanz

• Von 1999 bis 2008 sind in der Schweiz 486000 neue Jobs geschaffen worden.

• 450000 davon oder 93 Prozent wurden von Ausländern besetzt (187 000 sind inzwischen eingebürgert worden).

• 36000 neue Stellen gingen an Schweizer.

Die Behauptung
«Die erwarteten Produktivitätssteigerungen aus dem Freizügigkeitsabkommen werden die Reallöhne mittelfristig positiv beeinflussen.»
Prof. Aymo Brunetti, Seco

Die Fakten
Von 1991 bis 1999 betrug der durchschnittliche Produktivitätszuwachs 2,2 Prozent. Seither fiel er auf 0,7 Prozent.

Das monatliche Arbeitseinkommen des durchschnittlichen Schweizer Haushalts sank zwischen 1998 und 2006 real um 2,7 Prozent von 5490 auf 5340 Franken. 
play Reiner Eichenberger: «Wir sind die Produktivitätsschnecke Europas.» (ZVG)

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