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Blick Online: Journalisten, Nationalräte, vielleicht sogar Bundesrat Blocher sollen in einen Plan zur Absetzung des Bundesanwalts Roschacher verwickelt sein. Wie realistisch ist das?
Regula Stämpfli: Sehr realistisch. Gerade in der Schweiz! Man kennt einander, man geht miteinander essen, man spielt miteinander Fussball – die Verhältnisse hier begünstigen solche Affären geradezu. Es gibt in der Schweiz sogar eine ganze Chronik ähnlicher politischer Geschichten. Auch in der EU-Verwaltung gab es immer wieder ähnliche Geschichten. Nach den grossen Korruptionsskandalen 1999 hat man jedoch in Brüssel reagiert. Nur ein kleines Beispiel: Die EU-Beamten sind heutzutage zu viel mehr Rechenschaft punkto informeller Kontakte verpflichtet.
Der GPK-Bericht spricht von wiederholten Kompetenzüberschreitungen des Justizministers. Wie gravierend sind diese Kritikpunkte?
Sehr gravierend. Es ist lächerlich, wie in der Schweiz zum Teil mit dem Rechtsstaat umgegangen wird. Hier braucht es beim Bund dringend Reformen. Justizminister Blocher hat ein ganz anderes Verständnis vom Rechtstaat als alle Rechtsexperten, die ich kenne. Es ist doch klar: Die Gewaltentrennung ist das A und O der Demokratie.
Die SVP-Spitze hatte schon vor den neusten Enthüllungen ihre Wahl-Kampagne auf einem «Geheimplan» zur Abwahl von Bundesrat Blocher
ausgerichtet. War das Zufall oder vorausschauende Taktik?
Kann gut sein, dass das sogar Absicht war: Es gibt eben auch hier «nichts Unwirklicheres als die Wirklichkeit». Trotzdem: Sollten sich die Vorwürfe an den Justizminister als richtig herausstellen, müssen sie unbedingt Konsequenzen haben. Sogar George W. Bush hat den US-Justizminister Alberto Gonzales in Rente geschickt, nachdem dieser immer wieder hohe Justizbeamte entlassen hatte, die politisch nicht auf seiner Wellenlänge waren.
Schadet die Roschacher-Affäre der SVP so kurz vor den Wahlen?
Die SVP hat immer wieder aus den absurdesten Geschichten einen Vorteil herausschlagen können, gut möglich, dass es auch hier so sein wird. Hier kommt es aber auch auf die Reaktionen der Medien oder der anderen Parteien an. Ich habe mich zum Beispiel gefragt, wieso die FDP als «Juristenpartei» nicht viel schärfer auf die Verletzungen rechtsstaatlicher Prinzipien durch
Bundesrat Blocher in diesem Fall reagiert hat.
Frau Stämpfli, stehen wir vor einer grossen Staatsaffäre?
Ich hab schon das Gefühl, dass es jetzt abgeht. Ehrlich gesagt, fände ich eine Staatsaffäre sogar gut: Man müsste endlich wieder einmal gründlich darüber diskutieren, was sich in der Schweiz auf staatsrechtlicher Ebene abspielt.