Streik in Reconvilier Ein ganzes Dorf wehrt sich für seine Fabrik

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Beat Schmid

Reconvilier BE – 350 Arbeiter des Swissmetal-Werkes im Berner Jura sind im Streik. Unterstützt werden sie dabei vom ganzen Dorf. BLICK hat die Streikenden besucht.

Das reformierte Pfarrhaus von Reconvilier liegt auf einer Anhöhe. Von hier aus blickt Pfarrer Marc Balz (45) auf seine Gemeinde. Und von hier aus marschierte er am Sonntagmorgen los, im Talar. Nicht in die Kirche, sondern in die Fabrik. Hier, inmitten von Maschinen, Kupfer- und Messing-Rohlingen hielt er einen Gottesdienst. 500 Einwohner kamen. Jeder siebte des 3500-Seelen-Dorfes.

«Ich unterstütze die Streikenden in ihrem Kampf für Menschenwürde und Gerechtigkeit.» Am Fenster seines Pfarrbüros hängt ein Plakat: «Solidarité» steht dort in grossen Buchstaben.

Solidarität, ein grosses Wort. In Renconvilier wird sie gelebt. Hélène Hofmann ist die Frau des Dorfbäckers. Seit 40 Jahren steht sie im Laden. Sie kennt die Geschichte der Buntmetallfabrik, der Boillat, wie sie hier genannt wird. «Was hier passiert, ist eine Frechheit, das ist unmenschlich», sagt sie schon fast verzweifelt. «Ich gebe den Streikenden das Brot gratis, das ist das Mindeste, was ich tun kann.»

Auch Andrée Léchenne hilft. Sie führt eine kleine Geschenk-Boutique, die direkt gegenüber der Fabrik liegt. Vor dem Laden hat sie ein grosses Transparent angebracht: «Boillat Solidarité», hat sie draufgeschrieben. Doch die Frau lässt es bei Worten nicht bewenden. Zehn Prozent des Umsatzes liefert sie in die Streikkasse ab. Viel ist es nicht, aber die Streikenden nehmen es gern.

Von überall erhalten sie Unterstützung. Aus der ganzen Region liefern Gewerbler, Metzger und Winzer ihre Waren an. Künstler aus der Region organisieren Konzerte und Theater in der Fabrik. Ein Privatmann aus Freiburg brachte Meringues mit Schlagrahm vorbei. Sogar die Polizei-Gewerkschaft aus Andalusien (Spanien) überlieferte eine Solidaritätsbotschaft.

Auch Gemeindepräsident Flavio Toter (42) macht mit. Er ist Bauunternehmer und gehört der freisinnigen Partei an. Trotzdem engagiert er sich für die Streikenden. «Das ist kein Widerspruch», erklärt er. In diesem Streik gehe es nicht um höhere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen. «Sondern einfach um das Recht, hier weiter arbeiten zu können.»

David Jan (30) soll dieses Recht verlieren. Seit zwei Jahren arbeitet er in der Boillat. Im Herzstück, der Giesserei, schiebt er Metalle in den Schmelzofen. Es sei der modernste Ofen in ganz Europa. Trotzdem will das Management die Anlage schliessen.

40 Arbeiter von 350 sollen ihre Jobs verlieren. Stattdessen sollen die Edelmetalle und Legierungen in Dornach SO gegossen werden, wo Swissmetal ein weiteres Werk unterhält. 40 Jobs weg, klingt doch gar nicht so dramatisch. Doch so einfach ist das nicht. Denn viele im Dorf befürchten: Wenn erst die Giesserei weg ist, dann stirbt auch der Rest. Deshalb wehren sie sich auch so vehement.

Der Zorn des ganzen Dorfes richtet sich gegen eine Person: den smarten Swissmetal-Chef Martin Hellweg (38). Selbst Pfarrer Balz findet deutliche Worte: «Er macht keinen Unterschied zwischen einem Menschen und einem Stein. Er handelt wie ein Diktator und duldet keinen Widerspruch – intellektuell brillant zwar, aber eiskalt.»

Streikführer: Job los

ZÜRICH – Den Kunden des bestreikten Swissmetal-Werks in Reconvilier BE gehen die Vorräte aus. Gestern traf sich eine Delegation mit der Swissmetal-Führung. BLICK weiss: Beim Treffen von rund 15 Kunden wurde gefordert, dass die Swissmetal-Führung ihren Entscheid überdenkt, die Giesserei in Reconvilier zu schliessen. Und dass der umstrittene Swissmetal-Chef Martin Hellweg (38) den Hut nimmt.

Die Firmenspitze hat gestern den Streikführer fristlos entlassen. Die Gewerkschaft Unia will das nicht akzeptieren: Das verstosse gegen das Streikrecht und den GAV.
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