Heute streiten wir über die Frage: Ist Rauchen in öffentlichen Räumen erlaubt oder nicht? Ist den Angestellten in Restaurants, Bars und Discos das Passivrauchen zuzumuten?
Gestern, Auge in Auge mit der Aids-Epidemie, mussten wir uns Gedanken machen, ob ungeschützter Geschlechtsverkehr verantwortungslos ist. Wir applaudierten dem «Tagesschau»-Sprecher Charles Clerc, als er sich vor der Kamera demonstrativ ein Kondom über den Finger zog. Andere protestierten genauso heftig, weil sie es als degoutante Provokation empfanden.
Und morgen, am 30. November, werden wir über die Frage entscheiden: Dürfen Kiffer künftig ohne Angst vor
Polizei und Richter ihren Joint rauchen, auf dem heimischen Balkon Cannabis kultivieren und ihre Hanfguetsli backen?
Wir könnten die Reihe locker fortsetzen. Gesunde Ernährung, massvolles Trinken von Bier, Wein oder Hochgradigem. Die jüngste Präventionsdiskussion mit Gehässigkeiten wie dem Anwurf «Gesundheits-Taliban» an die Adresse des Direktors des Bundesamts für
Gesundheit hat eindrücklich gezeigt, wie schnell wir uns echauffieren und die Contenance verlieren.
Und immer geht es um die gleiche Kernfrage: Verstehen wir uns als mündige Bürgerinnen und Bürger, die für sich und gegenüber anderen selbstverantwortlich handeln wollen und es auch können?
500 000 Schweizerinnen und Schweizer entscheiden sich in der Cannabis-Frage. Ja, sie wollen hie und da einen Joint reinziehen und die entspannende Wirkung des THC geniessen. Selbstbewusst und selbstbestimmend lassen sie sich von keinem Gesetz, keinem Polizisten und keinem Richter abhalten.
Am 30. November werden wir darüber abstimmen, ob wir diesen Menschen das Selbstbestimmungsrecht in Sachen Cannabis-Konsum und Anbau für den Eigenbedarf auch gesetzlich zugestehen wollen. Sie haben sich diesen Entscheid mit der Hanf-Initiative erstritten.
Volksinitiativen haben es schwer. Für ein Ja braucht es eine Mehrheit der Kantone und eine Mehrheit in der Bevölkerung. Wenn es ausgerechnet bei dieser Initiative zu einem Ja käme, wäre das eine grössere Sensation. Eine nicht-kiffende Mehrheit würde das Selbstbestimmungsrecht einer kiffenden Minderheit respektieren. Wer heute daran glauben mag, muss schon echt bekifft sein.