Drei Zürcher Polizisten vor Gericht «Geh doch zurück nach Afrika»

ZÜRICH - Laut Staatsanwaltschaft schlugen die Beamten auf Wilson A. (43) ein, würgten und beschimpften ihn. Er fürchtete um sein Leben, sagt er vor dem heutigen Prozess zu BLICK.

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Mit einem Kollegen fährt Wilson A.* (43) im Tram durch Zürich. Bei der Haltestelle Werd steigen Polizisten ein. «Sie kamen direkt auf uns zu, wollten unsere Ausweise sehen», sagt A. «Wir fragten, warum nur wir  kontrolliert werden. Ob es daran liege, dass wir schwarz seien.»

Danach artet die Situation aus. So sehr, dass sich die drei Polizisten heute vor Gericht verantworten müssen. Sie sind wegen Körperverletzung und Amtsmissbrauch angeklagt. Laut Staatsanwaltschaft spielte sich der Vorfall wie folgt ab: Die Polizisten fordern die Männer auf, das Tram zu verlassen. A. bittet, nicht angefasst zu werden – er ist herzkrank und trägt einen integrierten Defibrillator. Kaum aus dem Tram, bekommt er eine Ladung Pfefferspray ab. «Ohne dass er Anlass für einen solchen Einsatz gegeben hätte», heisst es in der Anklageschrift. «Alle drei Beschuldigten traktierten den Privatkläger mit Schlägen.» Einer von ihnen packt A. am Hals, würgt ihn «minutenlang». Der Mann wird zu Boden gebracht, in Handschellen gelegt. «Die Beschuldigten traktierten ihn weiterhin mehrfach mit Fäusten und Polizeimehrzweckstöcken.» Einer sagte: «Scheiss Afrikaner, geh zurück nach Afrika!»

Fast einen Monat lang arbeitsunfähig

«Als ich am Boden lag, dachte ich an meine Tochter. Ich hatte Angst, dass ich sie nie wiedersehe», sagt A. heute. Laut Anklageschrift erlitt er einen Bruch an einem Lendenwirbel, Prellungen und Quetschungen an Unterkiefer, Hals, Wirbelsäule, Knien und Handgelenken sowie eine Leistenzerrung. Fast einen Monat war er arbeitsunfähig.

Der Vorfall liegt sieben Jahre zurück. Damals erstattete A. Anzeige. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Strafverfahren aber zweimal ein. Die Polizisten hätten übereinstimmend rapportiert, die Aggressionen seien von A. ausgegangen. Die eingesetzten Mittel seien angemessen gewesen.

A. zog daraufhin den Fall bis vor Bundesgericht. Dieses entschied, es sei nicht sicher, ob die Polizisten unschuldig sind. Deshalb kommt der Fall heute doch vor das Zürcher Bezirksgericht.

Hohe Dunkelziffer

Die Schilderungen von A. erinnern an Vorfälle von rassistischer Polizeigewalt in den USA. «Die Situation in der Schweiz lässt sich damit glücklicherweise nicht vergleichen», sagt Martine Brunschwig Graf (66), Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). «Es gibt aber auch hier Einzelfälle, in denen Schwarze zu Opfern von übermässiger Gewalt durch die Polizei werden.»

2014 berichtete die EKR über einen Schwarzen, der sich wegen einer Polizeikontrolle diskriminiert fühlte. «Es folgte ein Handgemenge, wobei auch ein Elektro-Taser eingesetzt wurde. Der Betroffene wurde so schwer verletzt, dass die Polizei ihn zu einem Arzt bringen musste», heisst es im Bericht. Laut dem Beratungsnetz für Rassismusopfer widersetzte sich ein Schwarzer 2015 einem Alkoholtest. «Weil der Klient dieser Aufforderung nicht nachkam, zogen sich die Polizisten Handschuhe an und misshandelten den Mann mit Faustschlägen und Tritten. Er gibt an, zeitweise bewusstlos gewesen zu sein.»

Eine Statistik zu solchen Fällen gibt es nicht. Allerdings meldeten sich beim Beratungsnetz für Rassismusopfer im letzten Jahr 16 Betroffene von Racial Profiling – also Polizeikontrollen aufgrund der äusseren Erscheinung. «Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch deutlich höher, da sich nur wenige Betroffene an eine Beratungsstelle wenden», sagt Brunschwig Graf.

Seit diesem Monat setzt sich die «Allianz gegen Racial Profiling» für Betroffene ein. Mitbegründer Tarek Naguib (40): «Fast jede dunkelhäutige Person, aber auch Gruppen wie zum Beispiel Roma oder Menschen nordafrikanischer Herkunft haben in der Schweiz diskriminierende Kontrollen erlebt.» Die Praxis der Behörden sei «Ausdruck von institutionellem Rassismus, der in allen Polizei- und im Grenzwachtkorps vorkommt.» Kontrollen nach äusserer Erscheinung würden das Diskriminierungsverbot verletzen. «Zudem fühlen sich Betroffene herabgewürdigt. Und auch das Vertrauen in die Polizei geht so verloren.»

Die Polizisten würden sensibilisiert

Die Beschuldigten im Fall A.  wollen sich nicht äussern. Marco Cortesi (60) von der Stadtpolizei Zürich hält fest: «Dunkelhäutige stehen nicht unter Generalverdacht.» Personenkontrollen würden immer wieder Anlass zu Vorwürfen wegen Rassismus geben. «Beim Thema Racial Profiling schaut die Stadtpolizei darum sehr genau hin.»

Man habe extra das Projekt «Polizeiarbeit in urbanen Spannungsfeldern» ins Leben gerufen. «Dort werden Themen wie Racial Profiling, Umgang mit Personenkontrollen oder Beschwerdemöglichkeiten fundiert und von allen Seiten angeschaut.» Auch in der Ausbildung würden Polizisten bei diesen Themen seit Jahren sensibilisiert.

Die heutige Verhandlung wühlt A. auf: «Wenn ich an diese Nacht zurückdenke, kommt die ganze Angst wieder hoch.» Die Chancen vor Gericht seien klein – doch das sei nebensächlich. «Polizeigewalt gegen Schwarze gibt es auch in der Schweiz. Ich möchte allen Opfern Mut machen und ihnen zeigen, dass sie sich wehren müssen.»

* Name bekannt

Publiziert am 20.11.2016 | Aktualisiert am 13.12.2016
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57 Kommentare
  • marc  klauser aus schmitten
    21.11.2016
    Solche Wilsons sind besser geschützt als das zärtlichste Blümlein, wie Edelweis in den Bergen.
  • Thomas  Hager aus Luzern
    21.11.2016
    Ich werde im Sommer extrem braun mehr, als ein Nordafrikaner. Als ich in Zürich bei einer Kontrolle auf Schweizerdeutsch auf die Aufforderung den Ausweis zu zeigen antwortete musste ich ihn nicht mal mehr vorweisen.
  • René  Müller 21.11.2016
    "Er ist herzkrank und trägt einen integrierten Defibrillator." Denke nicht, dass er sich da so Handgreifflich gewehrt hat. DREI Polizisten und EIN Schwarzer. Was sind die DREI Polizisten den für "Memmen" dass sie so Vorgehen müssen. Hatte er ein Messer? Eine Pistole? Aber in der Schweiz gibt es ein MOTTO: "Die Polizei hat immer Recht." Schliesslich ist sie ja auch mehrheitlich SVP-Rechts. Der Herr Hans Müller sollte es ja WISSEN.
    • Markus  Hofstetter 21.11.2016
      Wenn er sich wirklich gewehrt hat, ist das Vorgehen in Ordnung. Oder was soll die Polizei machen? Nur eine Person auf ihn losschicken, so nach dem Motto: Mann gegen Mann. Wie romantisch. Und wenn der Polizist schwächer ist? Soll man die Person dann einfach laufen lassen? Und wenn dann so ein Fall eintritt und es beim zu untersuchenden um einen Schwerverbrecher handelt, der zuschlägt, dann kommt wieder die grosse Empörung.
  • Robert  Metzger aus Kaiseraugst
    21.11.2016
    Über einen Schwarzen, der sich wegen einer Polizeikontrolle diskriminiert fühlte: Bedeutet dass jetzt das ein Beamter eine Dunkle Person nicht mehr kontrollieren darf? In eine Ausweis Kontrolle Kann jeder geraten, in der Schweiz muss sich jeder ausweisen können. Dieser A. ist schon der 2. fall in diesem Jahr wo sich wieder ein Schwarzer weigerte sich auszuweisen, und sogar die Frechheit besitzt vors Gericht zu gehen. Das ist ein Schutzsuchender? der gegen sein Gastland vorgeht?
    • Tim  Steppenwolf@gmx.ch aus Basel
      21.11.2016
      Ich wünsche Ihnen, dass Sie in eine Ausweis-Kontrolle geraten, fragen warum (lesen Sie den Artikel genau) und dann genau so brutal behandelt werden wie Wilson A. Und dann möchte ich hören, wie Sie die Situation dann beurteilen. Wilson A. wurde aufs gröbste misshandelt von der Polizei. Jeder Mensch, der das als Frechheit bezeichnet hat nichts besseres verdient, als dass ihm genau das widerfährt.
    • Robert  Metzger aus Kaiseraugst
      21.11.2016
      @Tim Steppenwolf@gmx. Ich habe meinen ausweis immer dabei, sie nicht? Bei einer Ausweiskontrolle zeigt man diesen ohne blöde nachfragen wieso oder warum, man muss in der Lage sein sich auszuweisen deshalb gibt es eine ID. übrigens werde ich jeden Tag Kontrolliert, Grenze, Sicherheits-Diens. Sie müssen lernen einfache Dinge zu akzeptieren sonst passen sie nicht ins Rechtssystem. Ich wünsche ihne in dem fall das sie ein paar Tage bei uns in der UGH zu Gast sei dürfen um wieder klar denken können.
    • Tim  Steppenwolf@gmx.ch aus Basel
      22.11.2016
      @Metzger. Selbstverständlich habe ich den Ausweis dabei. Das war nicht Wilson A.s Problem. Seit wann ist es ein Verbrechen, dass man wissen möchte, warum man etwas tun soll? Man lernt schon in der Kindersendung: Wer nicht fragt bleibt dumm. Ich wünsche Ihnen immer noch das selbe und dann reden wir weiter.
  • Hans  Müller aus Bern
    21.11.2016
    Da ich auch eine Zeit mit Uniform unterwegs war kenne ich solche Fälle. War selber sogar einmal angeklagt durch zwei Personen aus Afrika. Von da bin ich mir fast sicher, die Hälfte der Aussage stimmt mal nicht und von der anderen Hälfte stimmt auch wieder nur die Hälfte.
    • René  Müller 21.11.2016
      Ja Herr Hans Müller. Meine Frau IST Afrikani. Sie könnte ihnen ein Liedchen singen über Polizeikontrollen. Da sie oft bis 2300 Uhr arbeiten muss, ist sie im Bahnhof das gefundene "Fressen" für die Polizei. Pro Jahr mindestens sechsmal, 6 mal, wird sie kontroliert. Die Polizei schütz sich untereinander. Sie waren dabei, dann wissen sie es.