Doktor-Titel für 22'000 Franken Das grosse Geschäft mit dem Uni-Bschiss

BERN - Vom Essay bis zur Doktorarbeit: Wer Geld hat, kann sich seine Uni-Arbeit schreiben lassen. Das hat aber seinen Preis.

Auch St. Galler Studenten lassen sich ihre Arbeiten schreiben. Die HSG hat nun Anzeige eingereicht. play

Auch St. Galler Studenten lassen sich ihre Arbeiten schreiben. Die HSG hat nun Anzeige eingereicht.

Keystone

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Ennetbadener Schüler im Glück Aargauer Schule halbiert Ufzgi
2 Drama bei Alpabzug in Charmey FR Pferd brennt durch - mehrere Verletzte
3 Experte zum Abgang von Gottéron-Zenhäusern «Männer wollen gute Väter...

Schweiz

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
49 shares
33 Kommentare
Fehler
Melden

Erst die Hochschule St. Gallen, nun auch die Uni Bern:  Wie die «Rundschau» gestern berichtete, gehen Hochschulen erstmals strafrechtlich gegen den Bschiss mit von Ghostwritern verfassten Uni-Arbeiten vor.

Die Anzeigen werfen ein Licht auf ein Geschäftsmodell, das zwar moralisch höchst fragwürdig, doch auch äusserst lukrativ ist. Acad Write, die grösste Ghostwriting-Agentur für wissenschaftliche Arbeiten im deutschsprachigen Raum, schrieb im vergangenen Jahr einen Umsatz von 3 Millionen Franken.

Denn Dreistheit hat ihren Preis. Mindestens 3500 Franken muss hinblättern, wer eine 40-seitige Bachelorarbeit in BWL nicht selbst verfassen, sondern von einem Ghostwriter schreiben lassen will. Beinhaltet sie eine aufwändige Datenerhebung, schlägt allein die statistische Auswertung mit mindestens 2400 Franken zu Buche. Für eine fixfertige Dissertation von 250 Seiten verlangt die Konkurrenz-Firma Hauck & Autoren laut «NZZ» rund 22 000 Franken.

Nur Astrophysik fehlt noch im Portfolio

Die Preise variieren von Fall zu Fall – je nachdem, wie umfangreich die Arbeit werden soll, welches Fachgebiet gefragt ist und ob es sich um eine Literaturanalyse oder empirische Arbeiten handelt. Besonders gefragt seien Arbeiten im Bereich Rechtswissenschaft und Wirtschaft, sagt Acad-Write-Gründer und -Geschäftsführer Thomas Nemet zur «NZZ». «Unser Autoren-Pool umfasst Experten aus fast allen Fachbereichen.» Einzig Astrophysiker können nicht auf die Dienste der Agentur zählen – noch nicht.

Tausende Franken für eine Uni-Arbeit: Viel Geld für Studenten – das aber ganz offensichtlich vorhanden ist: Allein bei Acad Write treffen eigenen Angaben zufolge rund 20 Anfragen von Schweizer Studenten ein, schreibt die Zeitung. Bei der Agentur GWriters stamme jeder sechste Auftrag aus der Schweiz.

Bologna-Reform sei Schuld

Geht es darum, ihr Geschäftsmodell moralisch zu rechtfertigen, zeigen sich die Agenturen kreativ. In Vertragsklauseln halten sie fest, dass die Studenten die von Ghostwritern verfassten Arbeiten nicht als ihre eigenen ausgeben dürfen – im Wissen, dass sich niemand daran hält.

Auf ihrer Homepage schreibt Acad Write von «Lösungsvorschlägen» die man verfasse und an denen sich Studierende bei ihrer Arbeit orientieren könnten. Man nehme den Studenten nicht nur Arbeit ab, sondern zeige den Kunden auch, wie man richtig zitiert oder «wissenschaftlich gründlich Quellen recherchiert».

Andererseits, argumentiert Acad Write, hätten Studenten seit der Bologna-Reform oftmals gar keine Zeit mehr, eine Semester-, Bachelor-, Master- oder gar Doktorarbeit selbst zu schreiben. Seit der Einführung des Bologna-Sysems habe man einen «drastischen Anstieg» an Anfragen für Aufträge verzeichnet, schreibt Acad Write.

In ihren Werbetexten auf der Homepage äussert die Ghostwriting-Agentur zudem Zweifel am grundsätzlichen Sinn der wissenschaftlichen Arbeiten. Für Studenten, die eine akademische Laufbahn anstreben, stelle die Bachelorarbeit «schlicht eine weitere Arbeit auf dem langen Weg zum Doktortitel dar, deren Wert mehr als fraglich ist», schreibt Acad Write auf ihrer Homepage.

«Wer die Uni nicht mit dem Bachelorabschluss verlassen möchte, braucht diese Arbeit eigentlich überhaupt nicht.» Bei denjenigen, die nach dem Abschluss arbeiten wollen, sei derweil die Motivaton oftmals gering. Die Arbeit werde «im Regelfall ausschliesslich für die Prüfer geschrieben, kaum jemand sonst wird sie jemals lesen.»

Agenturen waschen sich vor Schuld frei

Eine Begründung, die wohl vor allem zur Beruhigung des schlechten Gewissens von potentiellen Kunden dienen soll. Auch andere Agenturen setzen hier an und liefern zahlreiche Gründe, weshalb der Uni-Bschiss gar nicht so schlimm sei. Für die «moralische Bewertung» sei es wichtig, «individuelle Hintergründe für das Nutzen von Vorlagen als fertiges Werk zu beleuchten», heisst es auf der Website von Hauck & Autoren unter der Überschrift «Ist Ghostwriting verwerflich?». «Prinzipiell kann jeder von einer plötzlichen langwierigen Krankheit kurz vor Abschluss des Studiums oder einem Trauerfall im engsten Familienkreis betroffen sein, die eine Konzentration auf wissenschaftliches Arbeiten unmöglich machen.»

Im Grunde wäscht sich die Ghostwriting-Agentur aber primär von eigener Schuld frei. Nicht die Auftragsarbeit, sondern das «individuelle Verhalten» sei moralisch verwerflich, hält Hauck & Autoren fest. Schliesslich seien «Ghostwriter keine Eltern, die für das Verhalten ihrer minderjährigen Kinder verantwortlich sind». (lha)

Publiziert am 07.01.2016 | Aktualisiert am 07.01.2016
teilen
teilen
49 shares
33 Kommentare
Fehler
Melden

33 Kommentare
  • Michael  Vela aus Bösingen
    08.01.2016
    Diese Leute übernehmen dann die Führung von Ländern oder grossen Firmen. Die Resultate sieht man dann in Köln, den Banlieus oder in den ständigen Firmenkonkursen. Wir müssen endlich einsehen dass wir von nichts anderem als "Schülern" regiert und geführt werden, welche in Ihrem Leben nie etwas geleistet haben, mit echtem Doktor Titel oder falschem. Es sind und bleiben Schüler. Vom Lehrpult zur Spitze der Macht.
    • Marco  Weber 08.01.2016
      Und wiso genau sind sich noch kein Staatsoberhaupt?
  • Fritz  Frigorr 08.01.2016
    Ein weiteres Beispiel dafür, dass man in der Schweiz Alles für Geld kaufen kann.
  • Eugen  Inauen 08.01.2016
    Und dann muss man noch Member sein bei einem der
    Service Clubs wie Rotarier, Lions, Kiwanis oder Inner Wheel
    plus der gekaufte Doktor ......dann ist man gut geruestet
    fuer die Zukunft.
  • Mike  Wisler aus cham
    07.01.2016
    Geht es hier um den Preis oder das ausführen einer Steafbaren Handlung? Beim Preis kann ich Euch beruhigen. Die 22000.- sind nach 6 Montan Festanstellung mit Doktortitel längst armortisiert. Da gehts länger und ist teurer bis jemand ohne akademischen Grad eine solche Position erreicht. Sollte, falls gewünscht, die "Bescheissquote" bei 50 Prozent und mehr liegen, sollte man sich vielleicht als Arbeitgeber auch mal überlegen wen man anstellen möchte.
  • Roger  Berger 07.01.2016
    Wissen und Können driften dadurch doch immer weiter auseinander. Andererseits wird Erfahrung verlangt, die junge Absolventen nicht vorweisen können. Alle wollen sie sich möglichst ohne grossen Aufwand, und in kürzester Zeit einen akademischen Titel holen. In meiner jahrelanger Praxis stellte ich fest, dass meist nicht die hochdotierten Vorgesetzten jeweils die Problematiken erkannten, sonder wir, das mittlere Kader, verbunden mit der Praxis. Genau dieses Wissen fehlt oft der Obrigkeit.