Heftige Diskussionen in Mönchsjochhütte – Bergführer klagen an Die Vorgesetzten schlugen unsere Warnungen in den Wind

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Werner Bucher

LAUTERBRUNNEN BE – Die Bergführer der Armee sind vor dem fatalen Aufstieg zur Jungfrau gewarnt worden – von zivilen Berufskollegen.

Doch die Vorgesetzten der Rekruten schlugen die Warnungen in den Wind. Bis auf einen: Er stieg mit seinen Leuten auf den Mönch.

Bergführer Harry Sonderegger (42) macht sich schwere Vorwürfe, nicht mehr getan zu haben, um das Unglück vom Donnerstag mit sechs abgestürzten Soldaten zu verhindern.

Er traf die 24 Gebirgsspezialisten der Rekrutenschule 15/2 am Mittwochabend in der Mönchsjochhütte. Sie bereiteten sich dort auf die Besteigung der Jungfrau vor.

Zum Unverständnis der zivilen Bergführer und ihrer Gäste. Die diskutierten und kritisierten das Vorhaben heftig. Harry Sonderegger: «Jeder hat an dem Abend eingesehen, dass das zu gefährlich ist. Es gab 60 Zentimeter Neuschnee und hohe Wächten.»

Bereits tags zuvor hatte sich am Mönch ein Schneebrett gelöst, als die Armeetruppe dort eingestiegen war – auch dieses Warnzeichen wurde ignoriert. Bergführer Sonderegger, Dozent für Bergsport an der ETH für Sport in Magglingen: «Ich warnte einen der Armee-Bergführer und sagte ihm noch, dass seine Truppe sehr sportlich und aggressiv unterwegs sei.»

Der Angesprochene reagierte darauf überhaupt nicht. «Vielleicht weil er Französisch sprach», mutmasst Sonderegger. Anschliessend führte er ein längeres Gespräch mit einem Berner Unteroffizier: «Ich habe ihm klargemacht, dass es verantwortungslos ist, am Donnerstag auf die Jungfrau zu gehen.»

Am anderen Tag traf er diesen Unteroffizier wieder – mit sieben Rekruten auf dem Mönch.

Ein weiterer ziviler Bergführer verbot seinem Bruder, den er in der Hütte traf, ausdrücklich, auf die Jungfrau zu steigen. Zwei Soldaten blieben krankheitshalber in der Hütte zurück.

Trotz aller Warnungen brachen zwei Armee-Bergführer mit zwölf Rekruten morgens um 5 Uhr zur Tour auf die Jungfrau auf.

Kurz vor 10 Uhr passierte das Unglück. Vom Mönch aus wurde es beobachtet. «Es gab eine grosse Wolke, als sich das Schneebrett löste», sagt Harry Sonderegger. Er ahnte sofort Schlimmes.

Gemäss VBS-Sprecher Martin Immenhauser berichtete ein Augenzeuge, ein Mitglied einer Seilschaft sei ausgerutscht und habe die anderen mitgerissen.

Für die Unfalluntersuchung will sich die Militärjustiz monatelang Zeit lassen. Morgen findet in Andermatt die Trauerfeier für die toten Soldaten statt.

Der Fall

Beim Aufstieg auf den Jungfrau-Gipfel (4158 m ü.M.) stürzten am Donnerstag sechs Soldaten 1000 Meter tief ab. Vor den Augen ihrer acht Kameraden. Die Gebirgsspezialisten der Schweizer Armee, im Alter von 19 bis 22 Jahren, waren am frühen Morgen von der Mönchsjochhütte zur gefährlichen Tour aufgebrochen. Trotz Warnung von erfahrenen zivilen Bergführern!

Kommentar

Familien haben ein Recht auf schnelle Aufklärung

Von Hanspeter Peyer, stv. Chefredaktor

Erste Ergebnisse der Ermittlungen zum Drama an der Jungfrau seien nicht vor Oktober zu erwarten, sagt ein Sprecher der Militärjustiz.

Erste Ergebnisse – in drei Monaten!

Wie langsam dürfen militärische Untersuchungsrichter arbeiten?

Sie nehmen sich Monate Zeit, um jene Soldaten zu befragen, die die Nacht vor dem Unglück mit ihren Kameraden in der Mönchsjochhütte verbrachten. Sie brauchen Monate, um die acht Überlebenden zu befragen, die ihre Kameraden abstürzen sahen. Sie brauchen Monate, um andere Bergsteiger zur Einvernahme zu bitten, die aus Sicherheitsgründen am Donnerstag auf die Tour verzichteten. Und sie brauchen Monate, um von Experten – etwa von Bergführern oder Fachleuten des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts in Davos – Auskunft über die Wetterverhältnisse zu erhalten.

Die Familien der Toten wollen wissen, warum ihre Lieben sterben mussten.

Das Wissen um die Gründe für das Drama bringt die jungen Menschen nicht ins Leben zurück. Es hilft den Hinterbliebenen aber bei der Verarbeitung der Trauer.

Die Familien der Toten haben ein Recht darauf, dass die militärischen Untersuchungsrichter jetzt schnell, sehr schnell vorwärtsmachen.

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