Erwin Sperisen war Polizei-Chef von Guatemala und ist seit 2007 untergetaucht Die Uno jagt Schweizer Folterknecht

  • Publiziert: 27.08.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Henry Habegger

GENF - Erwin Sperisen, Ex-Polizeichef von Guatemala, wird wegen blutiger Verbrechen international gesucht. Er soll in Genf untergetaucht sein.

September 2006. Die Polizei stürmt ein Gefängnis nahe Guatemala-Stadt. Um den Knast aus der Hand einer Drogenmafia zu befreien. Sieben Insassen werden während des Schusswechsels erschossen. So 2006 die Version der Polizei. Zu den vor Ort anwesenden Leitern der Befreiungsaktion gehört Erwin Johann Sperisen Vernon (40), von 2004 bis 2007 Chef der Nationalpolizei. Und guatemaltekisch-schweizerischer Doppelbürger.

In Wirklichkeit lief die Sache anders ab, wie die Uno-Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) herausfand: Die Gefangenen wurden von einer Todesschwadron der Polizei gezielt hingerichtet. Grund: Die Drogenmafia im Knast war dem Netzwerk von Sperisen und Konsorten in die Quere gekommen, das ebenfalls im Drogenhandel tätig war.

Die Mordaktion war kein Einzelfall. Sperisen und 16 weiteren ehemaligen Regierungsbeamten wirft die CICIG schwerste Verbrechen vor: Kontrolle einer kriminellen Organisation, Morde, Drogenhandel, Geldwäsche, Erpressung, Entführung. Eine Richterin in Guatemala hat kürzlich Haftbefehl gegen die mutmasslichen Folterknechte erlassen. Sperisen und vier Kumpane sind international zur Verhaftung ausgeschrieben.

Denn Sperisen, der in Guatemala wegen seiner roten Haare «der Wikinger» genannt wird, hat sich im April 2008 ins Ausland abgesetzt. Laut guatemaltekischen Justizkreisen tauchte er via El Salvador in Genf unter. Dort lebt sein Vater Eduardo Sperisen. Er ist Botschafter der Ständigen Vertretung Guatemalas bei der Welthandelsorganisation WTO.

Nationalrat Ueli Leuenberger (GE), Präsident der Grünen, fragte den Bundesrat bereits 2007, was er in der Sache Sperisen unternehme. Jetzt sagt Leuenberger auf Anfrage: «Wenn Sperisen wirklich in der Schweiz ist, dann verstehe ich nicht, warum die Justiz nicht schon lange aktiv wurde.»

Läuft eine Fahndung gegen Ex-Polizeichef Sperisen? Folco Galli, Sprecher des Justizdepartements in Bern, will sich dazu nicht äussern. Ein Rechtshilfegesuch Guatemalas sei aber bisher nicht eingegangen. Laut Galli könnte der Doppelbürger Sperisen nicht an Guatemala ausgeliefert werden. Aber auf Gesuch Guatemalas hin könnte die Schweiz die Strafverfolgung übernehmen, so Galli.

Terrorstaat Guatemala

Der zentralamerikanische Staat Guatemala stand seit 1960 im Bürgerkrieg. Er forderte über 200 000 Tote. Seit 1996 herrscht Friede, aber Todesschwadrone sind bis heute aktiv. 2009 wurden in Guatemala 6451 Morde gezählt, fast 18 pro Tag. Es geht meist um die Vorherrschaft im Drogenhandel. Guatemala ist ein wichtiger Durchgangskorridor für Kokain aus Kolumbien in die USA.

98 Prozent aller Verbrechen bleiben in Guatemala noch immer straffrei. 2006 rief die Uno darum die CICIG ins Leben, die internationale Kommission gegen die Straflosigkeit. Sie soll illegale Sicherheitsorgane und Parallelstrukturen untersuchen und ihre Zusammenarbeit mit den offiziellen Behörden unterbinden. Diese Arbeit kommt aber nur mühsam voran.
play Erwin Sperisen, als er noch im Amt war. Jetzt wird international nach ihm gefahndet. (ZVG)

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