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September 2006. Die Polizei stürmt ein Gefängnis nahe Guatemala-Stadt. Um den Knast aus der Hand einer Drogenmafia zu befreien. Sieben Insassen werden während des Schusswechsels erschossen. So 2006 die Version der Polizei. Zu den vor Ort anwesenden Leitern der Befreiungsaktion gehört Erwin Johann Sperisen Vernon (40), von 2004 bis 2007 Chef der Nationalpolizei. Und guatemaltekisch-schweizerischer Doppelbürger.
In Wirklichkeit lief die Sache anders ab, wie die Uno-Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) herausfand: Die Gefangenen wurden von einer Todesschwadron der Polizei gezielt hingerichtet. Grund: Die Drogenmafia im Knast war dem Netzwerk von Sperisen und Konsorten in die Quere gekommen, das ebenfalls im Drogenhandel tätig war.
Die Mordaktion war kein Einzelfall. Sperisen und 16 weiteren ehemaligen Regierungsbeamten wirft die CICIG schwerste Verbrechen vor: Kontrolle einer kriminellen Organisation, Morde, Drogenhandel, Geldwäsche, Erpressung, Entführung. Eine Richterin in Guatemala hat kürzlich Haftbefehl gegen die mutmasslichen Folterknechte erlassen. Sperisen und vier Kumpane sind international zur Verhaftung ausgeschrieben.
Denn Sperisen, der in Guatemala wegen seiner roten Haare «der Wikinger» genannt wird, hat sich im April 2008 ins Ausland abgesetzt. Laut guatemaltekischen Justizkreisen tauchte er via El Salvador in Genf unter. Dort lebt sein Vater Eduardo Sperisen. Er ist Botschafter der Ständigen Vertretung Guatemalas bei der Welthandelsorganisation WTO.
Nationalrat Ueli Leuenberger (GE), Präsident der Grünen, fragte den Bundesrat bereits 2007, was er in der Sache Sperisen unternehme. Jetzt sagt Leuenberger auf Anfrage: «Wenn Sperisen wirklich in der Schweiz ist, dann verstehe ich nicht, warum die Justiz nicht schon lange aktiv wurde.»
Läuft eine Fahndung gegen Ex-Polizeichef Sperisen? Folco Galli, Sprecher des Justizdepartements in Bern, will sich dazu nicht äussern. Ein Rechtshilfegesuch Guatemalas sei aber bisher nicht eingegangen. Laut Galli könnte der Doppelbürger Sperisen nicht an Guatemala ausgeliefert werden. Aber auf Gesuch Guatemalas hin könnte die Schweiz die Strafverfolgung übernehmen, so Galli.
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Erwin Sperisen, als er noch im Amt war. Jetzt wird international nach ihm gefahndet. (ZVG)