Die Todespatrone lag seit 10 Wochen bereit

  • Publiziert: 30.11.2007, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Thomas Ley, Karin Baltisberger und Martin Meier

ZÜRICH – Der Mörder von Höngg – er hat seine Tat eiskalt geplant. Und er konnte es kaum erwarten, sie auszuführen.

Staatsanwältin Catherine Nägeli steht vor einem Rätsel. Vor ihr sitzt Luis W.* – der Soldat, der Francesca (16) kaltblütig erschoss. Warum? Luis W. zuckt nur die Schultern.

«Wir vermuten, ohne Grund», sagt die Staatsanwältin. Nur mal so? Weil er gerade nichts Besseres zu tun hatte? Weil er womöglich betrunken oder verwirrt war?

Kaum. Denn die tödliche Patrone lag schon seit Wochen bereit. Zu Hause. Geklaut in der RS.

21 Wochen dauerte seine Artillerie-RS. In der 10. Woche konnte er die Patrone mitgehen lassen. Dann wartete er. Auf das Ende der RS. Auf den Freitag vor einer Woche.

Die letzten Stunden zeigen: Luis W. verlor keine Zeit. Als hätte er den Mord seit Wochen geplant:

18.00 Uhr auf dem Militärflugplatz Turtmann VS. Die fünfwöchige Verlegung ist zu Ende. Es heisst abtreten. Auch für Soldat Luis W.

18.26 Uhr W. steigt in den Zug nach Zürich.

21.28 Uhr Er kommt an und steigt um ins Tram Nr. 13.

21.48 Uhr Station Meierhofplatz. Luis W. nimmt den 80er-Bus.

21.54 Uhr Hönggerberg. Luis W. steigt aus – und geht schnurstracks nach Hause.

«Er holte die Patrone», bestätigt Staatsanwältin Nägeli. Luis W. lädt sein Sturmgewehr. Geht die 400 Meter von seinem Haus zur Tafel der ETH Hönggerberg. Dort legt sich Luis W. hin, stellt das Gewehr auf – und nimmt die andere Strassenseite ins Visier.

22.15 Uhr: Gegenüber, an der Haltestelle Hönggerberg, erblickt er Francesca und ihren Freund Alex (15).

Was geht da in ihm vor? Ärgert ihn das Glück dieses jungen Pärchens? Staatsanwältin Nägeli ist sicher: «Es gibt keine Verbindung zwischen ihm und dem Opfer.» Er habe sie nicht gekannt, und sie habe ihn auch nicht provoziert.

Francesca P. muss sterben, weil sie gerade dort ist.

Dann drückt er ab. Einmal. Die Kugel trifft die 16-Jährige in die Brust. Sie sackt zusammen. Stirbt unter den Händen der Rettungskräfte.

Wieso war es für Luis W. so leicht, eine Patrone zu klauen? Obwohl im Militär jede einzelne gezählt wird. Vor und nach jedem militärischen Schiessen. Es wird auch kontrolliert, ob die Magazine leer sind.

Leider nur Theorie. VBS-Sprecher Urs Müller muss zugeben: Nicht nach jedem Schiessen werden die Taschen der Rekruten gefilzt. «Man muss das realistisch sehen», sagt Müller, «das wäre schlicht nicht praktikabel.»

Luis W. musste nur warten. Bis seine Offiziere mal nicht aufpassten. Bis er seine Patrone in seine Parterre-Wohnung am Hönggerberg bringen konnte.

Er war Untermieter bei Frau N.* Sie kann nicht fassen, was der junge Mann getan hat: «Er war immer so hilfsbereit – so wie man sich einen Sohn nur wünschen kann.»

Sie sah Wochenaufenthalter Luis W. schon länger nicht mehr. «Er war in der RS. Sagte, er sei am Wochenende bei den Eltern. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das Militär ihn so verändert haben soll.»

Dabei hatte sich Luis W. schon lange verändert. Nicht zum Guten. Erwin Z.* aus Islisberg AG, wo Luis W. aufwuchs. Er beobachtete den Abstieg des Killers: «Ich sah zu, wie er langsam verslumte.»

Kam Luis W. von der Schule, habe er auch schon ein Zehner-Pack Bier unter dem Arm gehabt. Der Bursche rutschte in die Zürcher Punk-Szene ab, bettelte vor dem Bahnhof Stadelhofen.

2005 wurde er erwischt, weil er geklaut hatte. 2006 kam er dran wegen Sachbeschädigung. Ins Militär wurde er trotz der Vorstrafen eingezogen. Das traurige Fazit von Erwin Z.: «Die Tragödie zeichnete sich ab – und jeder konnte zusehen.»

*Namen der Redaktion bekannt

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