«Die Schweizer mochten Clinton lieber»

  • Aktualisiert am 02.01.2012

ZÜRICH – Er winkte und lächelte. Er war so gar nicht der, den man aus dem Fernsehen kennt. Aber hat er sich auch in die Herzen der Europäer geschlichen? Polit-Experte Claude Longchamp hat für Blick Online den Besuch von George W. Bush analysiert.

Blick Online: Was hatten Sie für einen Eindruck von der Deutschland-Visite des US-Präsidenten?

Claude Longchamp: Bush bemüht sich, sein ramponiertes Image als europhober Texaner zu korrigieren. Aussenministerin Condoleezza Rice passt im Hintergrund auf, sieht aber nicht alles. Peinlich, dass Bush in Bratislava keinen Takt zeigte und die Handschuhe bei der Begrüssung nicht auszog.

War die Freundlichkeit von George W. Bush nicht gespielt?

Ob gespielt oder nicht, ist nicht entscheidend: Internationale Politik ist inszeniert. Die Absicht war klar. Die Wirkung wird sich aber nicht so schnell einstellen. Die Divergenzen im Irakkrieg können nicht nur diplomatisch überspielt werden. Bush fehlt das Sensorium der meisten Europäer, die zwei Weltkriege im eigenen Land hatten und Frieden und Freiheit nicht nur als politische Mission sehen, sondern als gelebtes Leben.

Glauben Sie, dass die Beziehungen zwischen Europa und den USA wieder intakt sind – nach dem Besuch mehr als vorher?

Da bleibe ich skeptisch: In der Natofrage gehen die Positionen weit auseinander, und auch bezüglich der Rolle der Uno bleiben doch Divergenzen. Zwar wurde gekittet, der Graben aber bleibt.

Wie wichtig war das Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Bush in Bezug auf die europäischen Beziehungen und die «Iran-Krise»?

Das kann ich nicht beurteilen. Die Signale zur Iran-Politik sind widersprüchlich. Vor der Amtseinsetzung drohte man demonstrativ und kündigte quasi als Legislaturziel 2005 bis 2009 an, die Atompolitik des Irans zum grossen Thema zu machen. Seither bemüht sich die Administration, die Sache wieder tiefer zu hängen. Sie dürfte verstanden haben, dass ein weiterer kriegerischer Konflikt noch mehr Geschirr zerschlagen würde.

Was bedeuten die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland für die Schweiz?

Ich sehe da keinen direkten Zusammenhang. Die bilateralen Beziehungen werden dadurch nicht bestimmt, bei den multilateralen spielt die Schweiz keine Rolle.

Kann die Schweiz davon profitieren?

Die Schweiz profitiert von allem, was den Frieden auf der Welt und in Europa sichert. Die spezifischen Probleme mit den USA, die sich etwa aus der Vergangenheit ergaben oder über das Bankgeheimnis definiert werden, müssen bei Bedarf direkt angegangen werden.

Wie würden wir auf einen Besuch von George W. Bush reagieren?

In der Schweiz würde dies zwischen Antiamerikanismus und Amerikafreundlichkeit polarisieren. Ich glaube, die Schweizerinnen mögen Bush nicht so – sie mochten seinen Vorgänger Bill Clinton besser. Es gibt eine tiefe Abneigung für den überheblichen Amerikanismus, gleichzeitig aber eine grosse Bewunderung für den Erfolg des Pragmatismus in der Lebensphilosophie. Viele Menschen haben beides gleichzeitig in sich, und sind wohl froh, sich nicht wegen eines Präsidentenbesuchs für das eine oder andere entscheiden zu müssen!

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