Präsident Claude R. Béglé: «Die Post wird eine mächtige Retailbank»
Ein neuer Präsident übernimmt das Steuer und verpasst der Post einen neuen Kurs: Statt ohne Ende Kosten zu sparen, sucht er neue Horizonte.
Interview: Hannes Britschgi, Sarah Fasolin und Roman Seiler | Aktualisiert um 01:27 | 12.04.2009
Unter der Uniform versteckt der Manager seinen grauen Businessanzug. Zwei-Meter-Mann Claude R. Béglé (59), seit Anfang April Präsident des Verwaltungsrats der Post, war am Gründonnerstag als Pöstler unterwegs. Bei strahlendem Wetter trug er mit Reto Bonifazi (41) auf der Lenzerheide im Bündnerland Briefe und Pakete aus. Er war begeistert vom Kontakt mit seinen Angestellten und seinen Kunden.
Monsieur Béglé, wollen Sie an Ihrem Image arbeiten? Sie wurden schon vor dem Start als «Elefant im Porzellanladen» abqualifiziert.
Claude R. Béglé: Ja, ich arbeite daran. Ich möchte, dass man meine Ideen besser versteht. Hier in Graubünden bin ich, um die Realität an der Basis mit eigenen Augen zu sehen. Ich bin gerne nahe bei den Leuten und will wissen, was sie zu sagen haben. So begreife ich am schnellsten, was zu tun ist. Unser Netz ist nicht nur ein grosser Kostenfaktor, sondern hat auch einen hohen immateriellen Wert. Die Post ist ein Teil der schweizerischen Identität.
Warum machte der Elefantenvorwurf die Runde?
(Überlegt lange) Ein grosser Teil des Syndroms «Elefant im Porzellanladen» beruht auf dem Fakt, dass einige Leute Angst hatten, mit jemand Neuem arbeiten zu müssen, der neue Ideen hat. Das ist das Problem festgefahrener Firmenkulturen.
Sie wurden als Verwaltungsratspräsident geholt, obwohl Sie lieber Konzernchef geworden wären.
Ich war bisher exekutiv tätig und identifizierte mich mehr mit einer operativen als mit einer nicht exekutiven Rolle. Das stimmt. Ein Geschäft und Leute zu führen, liegt mir sehr. Aber meine Funktion bei der Post ist Verwaltungsratspräsident, und mit dieser Rolle bin ich total einverstanden. Sie ist nämlich sehr interessant, da die strategischen und politischen Herausforderungen der Post gross und komplex sind.
Sind Sie als Präsident nicht eine Fehlbesetzung? Ein Macher in Fesseln wird endlos leiden!
(Überlegt)
Leiden Sie schon?
Nein, nein. Heute bin ich Präsident und Michel Kunz CEO. Wir ergänzen uns. Zwar bin ich als Präsident aktiver und präsenter als mein Vorgänger Anton Menth. Aber Michel ist auch stark. Denn er kennt die Post in- und auswendig. Er ist ein guter CEO. Wir haben beide unsere gegenseitigen Rollen akzeptiert. Michel Kunz und ich finden unseren Weg. Wir sprechen uns ab, Tag für Tag.
Unsere Recherchen haben ergeben, dass 400 bis 500 Poststellen auf Ihrer Liste stehen werden.
Das stimmt in etwa.
Wir verstehen: Das Poststellennetz soll dicht bleiben, dafür wollen Sie die Banklizenz.
Genau das ist meine Argumentation. Die Gewinne gehen zurück. Wir wollen unabhängig bleiben. Das Netz hat einen Wert, den wir nicht aufs Spiel setzen wollen. Aber das verursacht Kosten. Wenn die anderen Einnahmen sinken, gibt es kurzfristig nur die Möglichkeit, mit der Banklizenz light neue Einnahmequellen zu erschliessen.
Das ist ein erpresserischer Deal.
Es geht nicht um eine Erpressung. Aber wenn PostFinance nicht neue Verdienstquellen erhält, ist die finanzielle Unabhängigkeit der ganzen Post gefährdet. Daher möchten wir Betriebskredite an KMU vergeben können, zudem Hypothekar- und syndizierte Kredite.
Die Banker sagen, das führe in die Katastrophe. Die Post werde wegen mangelnder Erfahrung im Kreditgeschäft grosse Verluste einfahren.
Jede Bank versucht, einen neuen Mitbewerber zu verhindern. Die Post wird mit ihren Poststellen eine mächtige Retailbank.
Wenn es schiefgeht, können Sie sich ja auf die Staatsgarantie verlassen...
Wir verlangen keine Staatsgarantie.
Indirekt ist sie gegeben.
Indirekt. Unsere Wettbewerber behaupten: Wenn sie die UBS gerettet haben, werden sie auch der Postbank helfen, sollte diese Fehler machen. Unsere Aufgabe ist es sicherzustellen, dass keine Dummheiten passieren.
Es gibt Politiker, die Ihnen nur eine Banklizenz geben, wenn die PostFinance in ein eigenständiges Unternehmen überführt wird.
Das ist für uns unmöglich. Bereits heute ist die Abhängigkeit der Post von PostFinance sehr hoch. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sie ungefähr ein Viertel des Gewinns. 2009 werden es bereits mehr als 50 Prozent sein. Zudem braucht PostFinance das Netz und das Netz die PostFinance.
Ein neuer Deal, eine neue Strategie...
Moment! Es gibt noch einen vierten Punkt der Strategie: Wachstum. Daher muss das Unternehmensziel im Gesetz sehr breit formuliert sein. Nur so haben wir die Möglichkeit, neue Geschäfte aufzubauen. Wir haben sehr gute Leute mit einem sehr guten Know-how, zudem eine extrem starke und sehr glaubwürdige Marke. Und übers Ganze: Ich suche eine bessere Balance zwischen der Strategie Kostensenkung und Geschäftsentwicklung. Wir dürfen nicht nur auf die Kosten starren.
Das ganze Interview lesen Sie heute im SonntagsBlick.
Monsieur Béglé, wollen Sie an Ihrem Image arbeiten? Sie wurden schon vor dem Start als «Elefant im Porzellanladen» abqualifiziert.
Claude R. Béglé: Ja, ich arbeite daran. Ich möchte, dass man meine Ideen besser versteht. Hier in Graubünden bin ich, um die Realität an der Basis mit eigenen Augen zu sehen. Ich bin gerne nahe bei den Leuten und will wissen, was sie zu sagen haben. So begreife ich am schnellsten, was zu tun ist. Unser Netz ist nicht nur ein grosser Kostenfaktor, sondern hat auch einen hohen immateriellen Wert. Die Post ist ein Teil der schweizerischen Identität.
Warum machte der Elefantenvorwurf die Runde?
(Überlegt lange) Ein grosser Teil des Syndroms «Elefant im Porzellanladen» beruht auf dem Fakt, dass einige Leute Angst hatten, mit jemand Neuem arbeiten zu müssen, der neue Ideen hat. Das ist das Problem festgefahrener Firmenkulturen.
Sie wurden als Verwaltungsratspräsident geholt, obwohl Sie lieber Konzernchef geworden wären.
Ich war bisher exekutiv tätig und identifizierte mich mehr mit einer operativen als mit einer nicht exekutiven Rolle. Das stimmt. Ein Geschäft und Leute zu führen, liegt mir sehr. Aber meine Funktion bei der Post ist Verwaltungsratspräsident, und mit dieser Rolle bin ich total einverstanden. Sie ist nämlich sehr interessant, da die strategischen und politischen Herausforderungen der Post gross und komplex sind.
Sind Sie als Präsident nicht eine Fehlbesetzung? Ein Macher in Fesseln wird endlos leiden!
(Überlegt)
Leiden Sie schon?
Nein, nein. Heute bin ich Präsident und Michel Kunz CEO. Wir ergänzen uns. Zwar bin ich als Präsident aktiver und präsenter als mein Vorgänger Anton Menth. Aber Michel ist auch stark. Denn er kennt die Post in- und auswendig. Er ist ein guter CEO. Wir haben beide unsere gegenseitigen Rollen akzeptiert. Michel Kunz und ich finden unseren Weg. Wir sprechen uns ab, Tag für Tag.
Unsere Recherchen haben ergeben, dass 400 bis 500 Poststellen auf Ihrer Liste stehen werden.
Das stimmt in etwa.
Wir verstehen: Das Poststellennetz soll dicht bleiben, dafür wollen Sie die Banklizenz.
Genau das ist meine Argumentation. Die Gewinne gehen zurück. Wir wollen unabhängig bleiben. Das Netz hat einen Wert, den wir nicht aufs Spiel setzen wollen. Aber das verursacht Kosten. Wenn die anderen Einnahmen sinken, gibt es kurzfristig nur die Möglichkeit, mit der Banklizenz light neue Einnahmequellen zu erschliessen.
Das ist ein erpresserischer Deal.
Es geht nicht um eine Erpressung. Aber wenn PostFinance nicht neue Verdienstquellen erhält, ist die finanzielle Unabhängigkeit der ganzen Post gefährdet. Daher möchten wir Betriebskredite an KMU vergeben können, zudem Hypothekar- und syndizierte Kredite.
Die Banker sagen, das führe in die Katastrophe. Die Post werde wegen mangelnder Erfahrung im Kreditgeschäft grosse Verluste einfahren.
Jede Bank versucht, einen neuen Mitbewerber zu verhindern. Die Post wird mit ihren Poststellen eine mächtige Retailbank.
Wenn es schiefgeht, können Sie sich ja auf die Staatsgarantie verlassen...
Wir verlangen keine Staatsgarantie.
Indirekt ist sie gegeben.
Indirekt. Unsere Wettbewerber behaupten: Wenn sie die UBS gerettet haben, werden sie auch der Postbank helfen, sollte diese Fehler machen. Unsere Aufgabe ist es sicherzustellen, dass keine Dummheiten passieren.
Es gibt Politiker, die Ihnen nur eine Banklizenz geben, wenn die PostFinance in ein eigenständiges Unternehmen überführt wird.
Das ist für uns unmöglich. Bereits heute ist die Abhängigkeit der Post von PostFinance sehr hoch. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sie ungefähr ein Viertel des Gewinns. 2009 werden es bereits mehr als 50 Prozent sein. Zudem braucht PostFinance das Netz und das Netz die PostFinance.
Ein neuer Deal, eine neue Strategie...
Moment! Es gibt noch einen vierten Punkt der Strategie: Wachstum. Daher muss das Unternehmensziel im Gesetz sehr breit formuliert sein. Nur so haben wir die Möglichkeit, neue Geschäfte aufzubauen. Wir haben sehr gute Leute mit einem sehr guten Know-how, zudem eine extrem starke und sehr glaubwürdige Marke. Und übers Ganze: Ich suche eine bessere Balance zwischen der Strategie Kostensenkung und Geschäftsentwicklung. Wir dürfen nicht nur auf die Kosten starren.
Das ganze Interview lesen Sie heute im SonntagsBlick.
Lesen Sie auch
Persönlich
(Siggi Bucher)
Seit 1. April ist Claude R. Béglé (59 Verwaltungsratspräsident der Post. Er studierte Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Danach war er für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Simbabwe. Anschliessend arbeitete er für den Nahrungsmittelkonzern Nestlé und den Tabakriesen Philip Morris. Ab 1997 übernahm er Managementaufgaben bei holländischen, französischen und deutschen Postunternehmen.
Pöstler: Post-Verwaltungsratspräsident Claude R. Béglé im Firmenauto auf der Lenzerheide. (Siggi Bucher)
Frage der Woche
Soll die Post eine Bank werden?
Ja.
67.25%
Nein.
32.75%
Das sagen Blick.ch-Leser
- Urs von Ballmoos, Bern - 14:07 | 12.04.2009
- » Die Post soll endlich ihren Job machen für den sie eigentlich gedacht ist und nicht immer alles auf die Kunden abwälzen (Marken aufkleben etc.), denn für das alles bezahlen wir zum Teil ja horrende Summen! Und sowieso sollte die Zustellung wieder zweimal täglich erfolgen, dann würde die Briefpost von den Postkunden auch wieder mehr genutzt. Nach einer Banklizenz zu schreien unter Androhung-was soll das, lassen wir uns einfach so erpressen? Übrigens, gute Banken gibt es auch.
- johann stirni, wallisellen - 13:19 | 12.04.2009
- » post und postfinance finde ich ok. diese banklizenz ist eine zwängerei. wenn die post und postfinanz zuviel geld haben sollen sie dieses dem bund verleihen, da haben sie einen anständigen zins und der bund muss nicht immer über den geldmarkt der banken zu horrenden spesen geld organisieren. staatsgarantie ist auch gewährleistet. ich bin dagegen. für kredit kmus schaut mal unter www.mitenand-fuerenand.ch. initiative von otto ineichen und der fpd luzern. das finde ich eine gute idee. bravo.
- Gustav Blatter, Basel - 11:17 | 12.04.2009
- » Ja toll! Nachdem die Kantonalbanken aus dem Debakel von unsorgfälltiger Kreditvergagen gelernt haben und die Milliardenverluste aus der schweizer Hypothekenkrise verdauen konnten, brauchts nun eine Postbank und den gleichen Fehler zu machen. Die Schweiz hat genug Institute die Kredite vergeben können. Das Problem liegt mehr in der Kreditwürdigkeit der Firmen. Freue mich jetz schon auf das geheule wenn die Postbank Milliardenverluste einfährt...
- Willi Bosshard, La Tour de Peilz - 11:08 | 12.04.2009
- » Postfinance wird sicher keine irrsinnigen Anlangen tätigen wie Marcel Ospel, der die UBS ja zur grössten Investman Bank machen wollte und ihr dabei fast das Genick brach und der Schweiz Millarden an Garantien kostete, auch wenn die UBS keine Staatsgarantie besass. Die eidg. Räte sollen also endlich aufhören zu kuschen.
- Yves Hofmann, Portugal - 10:09 | 12.04.2009
- » Während wir einen schwachen und uneffizienten Bundesrat haben, der sich gegen der Wirtschaftskrise und dem Bankgeheimnis total hilflos verhaltet, haben wir einen Herrn Béglé, der innovativ und intelligent arbeitet. Schade, dass er nicht im Bundesrat sitzt.
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