Abt Werlen «Die Kirchenleitung nimmt die Situation zu wenig ernst»

Abt Martin Werlen drängt auf eine ausserordentliche Sitzung der Bischofskonferenz. Sie soll schnell eine Anlaufstelle für Opfer von sexuellen Übergriffen einrichten.

  • Aktualisiert am 14.01.2012
  • Von Philippe Pfister
Martin Werlen (47) ist der 58. Abt des Klosters Einsiedeln. In diesem Amt ist er seit 2001. Er ist Mitglied der Bischofskonferenz.- Sabine Wunderlin

Abt Martin, seit Tagen häufen sich Meldungen über sexuelle Übergriffe und Missbräuche in der katholischen Kirche. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Es trifft mich sehr. Aber gleichzeitig sehe ich eine grosse Chance für uns. Wir können die Probleme, die es ganz offensichtlich gibt, angehen. Und hoffe, dass wir das jetzt auch tun.

Wirklich? Sie haben gesagt, Sie wollten es den Opfern überlassen, ob sie Anzeige erstatten.
Ich formuliere es anders: Wir machen Anzeige, ausser ein Opfer erhebt ausdrücklich Einspruch dagegen. Damit hat das Opfer die Kontrolle über den weiteren Gang der Dinge. Das respektieren wir.

Das tönt ziemlich anders als noch vor einer Woche.
Ich habe letzte Woche schon gesagt, dass die Opfer nicht übergangen werden dürfen.Die Anzeigepraxis ist kirchenintern umstritten. Die bayerischen Bischöfe wollen eine Anzeigepflicht festschreiben. Wenn nur Kirchenleute in unserem Fachgremium «Sexuelle Übergriffe in der Pastoral» sitzen würden, würden wir sofort auf diese Seite schwenken. Der Einspruch kommt von Opfervertreterinnen: Sie sagen, wenn wir sofort den Weg der Anzeige gehen, melden sich viele Opfer nicht mehr. Andere Ansprechstellen handhaben das ähnlich, um die Hemmschwelle möglichst niedrig zu halten.

Sie haben bereits eine zentrale Anlaufstelle für Opfer gefordert. Wann kommt diese?
Es ist tatsächlich sehr wichtig, dass wir bald über eine neutral besetzte, zentrale Anlaufstelle verfügen. Ich habe den Vorschlag in der Bischofskonferenz eingebracht.

Wann nehmen Sie diese in Betrieb?

Das muss die Bischofskonferenz entscheiden.

An der nächsten ordentlichen Sitzung?
Ich hoffe, nicht erst dann. Die nächste ordentliche Sitzung findet im Juni statt. Das muss schneller entschieden werden. Wir müssen handeln.

Also an einer ausserordentlichen Sitzung der Bischofskonferenz?
Ich hoffe darauf, und ich dränge darauf, ja.

Was planen Sie noch?
Wir haben in unserem Fachgremium den Vorschlag des Präsidenten diskutiert: eine zentrale Stelle in Rom, bei der Kirchenleute, die angezeigt wurden, registriert sind. Bei einem Stellenwechsel in eine andere Diözese wo auch immer auf der Welt, könnte sich ein Bischof erkundigen, ob etwas Gravierendes vorliegt.

Ein internes Verzeichnis von Kirchenmännern, die bei den Strafverfolgungsbehörden registriert sind?
Ja, alle, die angezeigt wurden, würden da erfasst. Wenn sich zum Beispiel ein europäischer Priester bei einer Diözese in den USA meldet, könnte sich der Bischof in Rom kundig machen, ob etwas vorliegt.

Werden Sie dies der Bischofskonferenz vorschlagen, damit sie das Anliegen nach Rom trägt?
Ja. Eine solche zentrale Stelle würde weltweit für mehr Transparenz sorgen.

Was ist mit der Selbstanzeige?

Ein wichtiger Schritt. Wir müssen Täter unbedingt ermutigen, Selbstanzeige zu machen. Allen von uns muss es ein Anliegen sein, dass wir nichts mehr vertuschen.

Der Papst hat sich am Wochenende mit einem Hirtenbrief an die irischen Katholiken gewandt. Was sagen Sie zum Hirtenbrief?
(Überlegt) Ich befürchte, dass die Kirchenleitung in Rom die Situation zu wenig ernst nimmt. Wenn ich daran denke, dass der Brief in englischer und italienischer Sprache herauskommt, aber nicht in Deutsch, dann verkennt man die Situation, wie sie zurzeit auch im deutschsprachigen Raum ist.

Sie kritisieren den Papst.
Rom ist nicht nur der Papst. Aber die Kirchenleitung muss lernen, in solchen Situationen schneller zu handeln. Es ist eine Frage der Kommunikationskultur. Ein Wort des Papstes muss in die Situation hingesprochen sein und darf nicht zwei Monate später kommen. Wir haben letztes Jahr bei der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Aufruhr war gross, der Brief des Papstes kam eineinhalb Monate später. Jetzt passiert etwas Ähnliches. Das geht nicht. Das Problem, das wir haben, betrifft den Nerv der Kirche: Dass man uns vertrauen kann. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.

Sie scheinen die Probleme sehr offensiv anzugehen. Sie geben Interviews, treten im Fernsehen auf. Von anderen Verantwortlichen hört man kein Wort. Fühlen Sie sich einsam?
Ja, zurzeit fühle ich mich sehr einsam. Ich realisiere, wie nur wenige Verantwortungsträger meines Erachtens die Situation richtig einschätzen. Es gibt Diözesen, auch in der Schweiz, in denen man sehr wachsam ist. Aber es gibt andere, wo man kaum zu merken scheint, in welch schwieriger Situation wir stecken.

Im Kloster Einsiedeln kam es ebenfalls zu Übergriffen, auch in Ihrer Zeit. Haben Sie genug hart durchgegriffen?
Bei jenen, die in meiner Amtszeit passiert sind, haben wir meines Erachtens korrekt gehandelt. Seit 1998 existieren im Kloster Einsiedeln Richtlinien für den Umgang mit Übergriffen. Wir setzen alles daran, solche aufzuarbeiten. Und ermuntern Opfer, sich bei uns oder den externen Ansprechpersonen zu melden.

Das päpstliche Rezept

Busse, Heilung und Erneuerung.

In seinem am Samstag veröffentlichten Hirtenbrief an die irischen Katholiken hat sich Papst Bene-dikt XVI. erschüttert über den jahrzehntelangen und zehntausendfachen Missbrauch Minderjähriger durch Würdenträger der Kirche gezeigt. Er schäme sich über die Priester, schreibt der deutsche Papst, die sich von der «schnellen Verweltlichung der irischen Gesellschaft» verführen liessen. Und inständig bittet das Kirchenoberhaupt die Missbrauchsopfer, im katholischen Glauben zu bleiben und sich ein Beispiel am Leiden Jesu Christi zu nehmen. Für die Täter in der irischen Geistlichkeit bleibe nur eins, schreibt der Papst: Sie müssen sich dem göttlichen und den irdischen Gerichten stellen. Nur mit Busse und Reue könnten die Wunden der Opfer und der Kirche heilen. Und nur die Heilung werde die dringende Erneuerung der Kirche bringen. Praktische Vorschläge macht der Papst nicht. Und nicht ein Trostwort hat Benedikt XVI. für die Opfer in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland. 
Pater Gregor Müller hat den Missbrauch von Kindern zugegeben.- ZVG

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