«Ich war ein Monster», sagt Manuel S. Nun lebt er in einer Anstalt – verurteilt als «Feuerteufel von Aarau». SonntagsBlick sprach mit ihm.
Eine Bar in Biel BE. Manuel S.* (28) sitzt in der dunkelsten Ecke, das schwarze Haar gekämmt, das Gesicht glatt rasiert. Die anderen Gäste nehmen vom schmächtigen Mann keine Notiz. «Es gab eine Zeit, da kannte mich jeder. Sie nannten mich den Feuerteufel von Aarau», sagt S. und schüttelt den Kopf. «Ich war ein Monster.»
2002 begann Manuel S. abzudriften. Er war gerade volljährig geworden. «Ich hatte Probleme in der Ausbildung, musste meine Lehre zum Coiffeur abbrechen», erzählt er. «Dann ging meine Beziehung in die Brüche. Und mit den Eltern hatte ich oft Streit, weil sie mir keine Freiheiten liessen.»
S. ist frustriert, fühlt sich klein und unbedeutend. «An einem Abend im Mai ist mir dann eine Sicherung durchgebrannt. Ich lief los, hatte Brandbeschleuniger und Feuerzeug dabei.» Eher zufällig habe er vor einem Gartenhäuschen haltgemacht. «Was dann genau geschah, weiss ich nicht mehr. Ich war wie in einem Rausch. Ein erlösendes Gefühl.»
Bei dem Brand wird niemand verletzt. Und niemand ahnt, dass er dahintersteckt. Doch der Lehrabbrecher ist auf den Geschmack gekommen: «Es war wie eine Sucht», sagt er. Bis 2004 legt er in Aarau vier Brände: eine Waldhütte, einen Schopf; ein Gartenhäuschen setzt er gleich zweimal in Brand.
Doch dabei bleibt es nicht. 2004 zündet er den Beichtstuhl der Stadtkirche Aarau an. «Das hatte nichts mit Religion zu tun», erklärt Manuel S. «Ich hatte am Morgen vor der Kirche abgemacht, aber mein Kollege tauchte nicht auf. Da überkam es mich. Wie aus dem Nichts.»
Es sind die eigenen Eltern, die ihm schliesslich auf die Schliche kommen. «Immer brannte es in unserer Nähe. Und zum Tatzeitpunkt war ich ohne Grund nie zu Hause. Da zählten sie eins und eins zusammen.» Vater und Mutter zeigen ihren Sohn an. «Ich nehme ihnen das nicht übel. Es war richtig, mich zu stoppen», sagt S. «Ich bereue zutiefst, was ich getan habe. Dass niemand verletzt wurde, war reines Glück.»
Nur ungern erinnert er sich an den Prozess. Da kam heraus: Seine Freundin ist erst 15. «Ich wurde neben Brandstiftung auch wegen sexuellen Kontakts zu einer Minderjährigen verurteilt. Der Sex war aber einvernehmlich.» Das Mädchen erstattet keine Anzeige, ein Gutachten bestätigt, dass Manuel nicht pädophil ist.
Doch der junge Mann leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Deshalb werden die geforderten drei Jahre Zuchthaus in eine «stationäre therapeutische Massnahme umgewandelt, die sogenannte kleine Verwahrung.
Manuel S. kommt in das Massnahmezentrum St. Johannsen in Le Landeron NE. Mit 21 Jahren lebt er in einer geschlossenen Anstalt, sitzt tagein, tagaus in einer sechs Quadratmeter grossen Zelle. «Ich habe schnell gemerkt, dass ich hier nicht glücklich sein kann.» Beschweren will er sich nicht: «Die Strafe ist ganz sicher gerecht. Was ich getan habe, war falsch. Dafür will ich geradestehen.»
Vergewaltiger und Mörder sind zu Beginn sein einziger sozialer Kontakt. «Viele Insassen prahlen mit ihren Gräueltaten. Denen gehe ich aus dem Weg», so S. «Mein Leben war von einer Sekunde auf die andere vorbei. Es geht sehr viel kaputt, Freundschaften und Beziehungen.»
Mittlerweile sitzt Manuel S. seit bald acht Jahren im Knast. «Länger als mancher Mörder», findet er. Seit zwei Jahren darf er raus, um zu arbeiten. In Biel macht er eine Ausbildung zum Pfleger. «Um vier Uhr stehe ich auf. Am späten Nachmittag habe ich ein paar Stunden frei, treffe mich mit meiner Freundin oder Kollegen. Um neun Uhr muss ich wieder in der Anstalt sein», erzählt er.
Jedes Jahr wird über ein Gutachten und eine Fachkommission geprüft, ob eine Vollzugslockerung gewährt wird. Zurzeit läuft wieder eine solche Abklärung. Ein psychiatrisches Gutachten hat ihm schon mal bescheinigt: «Derzeit gibt es keine Bedenken gegen die Gewährung einer bedingten Entlassung.»
Doch Manuel S. hat Angst, noch ein weiteres Jahr hinter Gittern verbringen zu müssen. «Es will sich einfach keiner die Finger verbrennen, weil schon viele Häftlinge zu früh rausgelassen wurden», sagt er.
«Viele denken, dass der offene Vollzug ein Zuckerschlecken ist. Das dachte auch ich. Bis ich dort war», erzählt Manuel S. «Das Schlimmste ist: Ich darf zwar raus. Aber dass ich auch wieder zurückmuss, vergesse ich keine Sekunde. Die Gitterstäbe sind eher im Kopf. Die trage ich auch hier draussen immer mit.»
*Name der Redaktion bekannt
Der Richter hat im Fall von Manuel S. die Haft zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben. Diese strenge Massnahme kommt der Verwahrung sehr nahe, sie kennt ebenfalls keine definierte Befristung und wird deshalb «kleine Verwahrung» genannt. Jedes Jahr prüft das Gericht, ob eine Haftlockerung gewährt werden kann. Die Erleichterungen reichen von begleiteten Spaziergängen bis zur bedingten Entlassung. Nur lebenslang Verwahrte erlangen nie wieder vollständige Freiheit.
Der schlimmste Feuerteufel der Schweiz treibt sein Unwesen bis heute. Seit 2004 hat er in Riehen BS mehr als 62 Brände gelegt. Meist gehen Gartenhäuschen in Flammen auf, seltener auch Wohnungen oder Büroräume. Die Polizei schliesst nicht aus, dass es sich um mehrere Täter handelt. Bei den Brandstiftungen wurde bisher niemand verletzt.
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