Studie belegt: Die grössten Diebe sind die Chefs

  • Publiziert: 20.12.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Guido Schätti

Kleine Angestellte können Firmen um Millionen betrügen. Das beweist die Coca-Cola-Gang. Aber die grösste Gefahr sind kriminelle Chefs.

Mit Überwachungskameras, Detektiven und Spitzeln gehen Firmen wie der deutsche Discounter Lidl gegen diebische Kassiererinnen vor. Doch die grosse Gefahr für die Unternehmen lauert anderswo: in den Chefetagen. Bei der Hälfte aller aufgeflogenen Fälle von Wirtschaftskriminalität in der Schweiz stammten die Täter aus dem Topmanagement (siehe Grafik rechts).

«Die Mitarbeiter mit der grössten Verantwortung begehen auch am häufigsten Delikte», sagt Rolf Schatzmann, Betrugsspezialist beim Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC). Dabei geht es nicht um ein paar Kugelschreiber: Gemäss einer PwC-Studie beträgt der durchschnittliche Schaden pro Fall 2,7 Millionen Franken. Als ungekrönter König der Kriminellen in Nadelstreifen gilt in der Schweiz Ernst Imfeld (57). Als Direktor soll er bei der Bank Leumi 150 Millionen Franken veruntreut haben. Andreas Hafen (46), früher Präsident beim FC Wil, erleichterte als Vizedirektor die UBS-Filiale in St. Gallen immerhin um 51 Millionen.

Dass die Täter überdurchschnittlich oft aus der Chefetage stammen, liegt auf der Hand. Ganz oben in der Hierarchie sind die Kontrollen lascher und die herumgeschobenen Geldbeträge grösser. «Zudem leben manche Manager in einer eigenen Welt und glauben, sich über die Normen der Normalbürger hinwegsetzen zu können», sagt der Berner Arbeitspsychologe Norbert Semmer (59).

Die zweitgrösste Risikogruppe sind Temporärmitarbeiter und Aushilfen. Auch für sie ist es leichter, sich den Kontrollen zu entziehen. Zudem ist ihre Identifikation mit der Firma oft geringer. Das senkt die Schwelle, sich beim Arbeitgeber zu vergreifen. Die ganz normalen Mitarbeiter stellen zwar die grosse Masse in den Betrieben und werden am strengsten überwacht. Nur 23 Prozent der Betrügereien im grossen Stil gehen jedoch auf ihr Konto. Fazit der PwC-Studie: Die Firmen kontrollieren und vertrauen den falschen Leuten.

Doch wie lässt sich betrügerischen Chefs das Handwerk legen? Am besten mit einem Whistleblowing-System, das Mitarbeiter schützt, die ihre Chefs verpeifen. Doch bislang haben weniger als ein Viertel der Schweizer Firmen ein solches Meldeverfahren.

Arbeitspsychologe Norbert Semmer: «Chefs müssen Vorbilder sein»

Wenn ich bei der Arbeit einen Kugelschreiber mitgehen lasse oder bei den Spesen grosszügig abrechne: Ist das kriminell?
Norbert Semmer: Solche Dinge gehören zu einem Graubereich, wo ich nicht von Kriminalität sprechen würde. Die Grenze liegt da, wo es um grössere Beträge geht oder ein Mitarbeiter systematisch ans Werk geht.

Was treibt Angestellte in einer Firma dazu, ihren Arbeitgeber auszunehmen?
Wie bei anderen kriminellen Handlungen ist Gier das Hauptmotiv. Oft beginnen grosse Betrügereien mit einem kleinen Delikt. Wenn der Täter dann feststellt, dass ihm niemand auf die Schliche gekommen ist, wird er zum Wiederholungstäter. Gier kann schnell eine Eigendynamik entwickeln.

Warum haben viele Täter kein Unrechtsbewusstsein?
Vor allem bei den kleinen Alltagsdingen unterhalb der Kriminalität se- hen viele Angestellte ihre Handlungen als Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und rächen sich dafür. Manche imitieren auch Vorgesetzte. Wenn ein Chef mit den eigenen Spesen übertreibt, nehmen sich die Angestellten auch Freiheiten heraus. Auch überrissene Boni können dazu führen, dass sich Untergebene berechtigt fühlen, sich am Firmeneigentum zu bedienen. Chefs müssen Vorbilder sein.

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