
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Mit Überwachungskameras, Detektiven und Spitzeln gehen Firmen wie der deutsche Discounter Lidl gegen diebische Kassiererinnen vor. Doch die grosse Gefahr für die Unternehmen lauert anderswo: in den Chefetagen. Bei der Hälfte aller aufgeflogenen Fälle von Wirtschaftskriminalität in der Schweiz stammten die Täter aus dem Topmanagement (siehe Grafik rechts).
«Die Mitarbeiter mit der grössten Verantwortung begehen auch am häufigsten Delikte», sagt Rolf Schatzmann, Betrugsspezialist beim Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC). Dabei geht es nicht um ein paar Kugelschreiber: Gemäss einer PwC-Studie beträgt der durchschnittliche Schaden pro Fall 2,7 Millionen Franken. Als ungekrönter König der Kriminellen in Nadelstreifen gilt in der Schweiz Ernst Imfeld (57). Als Direktor soll er bei der Bank Leumi 150 Millionen Franken veruntreut haben. Andreas Hafen (46), früher Präsident beim FC Wil, erleichterte als Vizedirektor die UBS-Filiale in St. Gallen immerhin um 51 Millionen.
Dass die Täter überdurchschnittlich oft aus der Chefetage stammen, liegt auf der Hand. Ganz oben in der Hierarchie sind die Kontrollen lascher und die herumgeschobenen Geldbeträge grösser. «Zudem leben manche Manager in einer eigenen Welt und glauben, sich über die Normen der Normalbürger hinwegsetzen zu können», sagt der Berner Arbeitspsychologe Norbert Semmer (59).
Die zweitgrösste Risikogruppe sind Temporärmitarbeiter und Aushilfen. Auch für sie ist es leichter, sich den Kontrollen zu entziehen. Zudem ist ihre Identifikation mit der Firma oft geringer. Das senkt die Schwelle, sich beim Arbeitgeber zu vergreifen. Die ganz normalen Mitarbeiter stellen zwar die grosse Masse in den Betrieben und werden am strengsten überwacht. Nur 23 Prozent der Betrügereien im grossen Stil gehen jedoch auf ihr Konto. Fazit der PwC-Studie: Die Firmen kontrollieren und vertrauen den falschen Leuten.
Doch wie lässt sich betrügerischen Chefs das Handwerk legen? Am besten mit einem Whistleblowing-System, das Mitarbeiter schützt, die ihre Chefs verpeifen. Doch bislang haben weniger als ein Viertel der Schweizer Firmen ein solches Meldeverfahren.