Exklusiv-Interview mit dem Chef der Einheit, Kurt Blöchlinger: Die ganze Wahrheit über «Tigris»

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«Alle wussten Bescheid.» Kurt Blöchlinger (45), Chef der Bundeskriminalpolizei, über die angeblich «geheime» Einsatzgruppe Tigris.

Blick: Kurt Blöchlinger, Sie sind also Chef der «Kampftruppe» Tigris, der «geheimen Bundespolizei».
Kurt Blöchlinger: Ich bin Chef der Bundeskriminalpolizei (BKP). Aber nicht Chef irgendeiner geheimen Truppe. Eine solche Truppe gibt es nicht und gab es nie.

Genau das behauptete aber die «Weltwoche».
Wir waren immer transparent und offen, auch bezüglich Budget und Einsatzstatistiken.

Offen gegenüber wem?
Gegenüber der Politik, dem Justizdepartement, dem Direktor des Bundesamts für Polizei (Fedpol). Alle waren im Bild. So liess Bundesrat Christoph Blocher 2005 durch sein Generalsekretariat im Rahmen einer Inspektion auch die Einsatzgruppe Tigris untersuchen. Der Inspektionsbericht enthielt keine Empfehlungen zu Tigris. Herr Blocher nahm ihn zur Kenntnis. Der Bericht ging auch an die Geschäftsprüfungskommissionen des Parlaments. Daher sind für mich die «Weltwoche»-Vorwürfe nicht nachvollziehbar.

War Blochers Nachfolgerin Eveline Widmer-Schlumpf im Bild?
Wir waren auch zu ihr offen und transparent. Wir luden die Departementsspitze via Generalsekretärin vor rund einem halben Jahr ein, die Spezialeinheiten, unter anderem Tigris, zu besuchen.

Fand dieser Besuch statt?
Bisher nicht.

Auch diverse Kantonsvertreter, auch Polizeikommandanten sagen, sie wussten nichts.
Im Herbst 2005 habe ich die Kantonspolizeichefs an einer Veranstaltung über die Einsatzgruppe informiert. An der Euro 08 koordinierte Tigris den Informationsfluss unter den Interventionseinheiten der Kantonspolizeikorps der Host Cities. Weiter arbeitete Tigris bis heute bei ihren rund 130 Einsätzen mit 21 verschiedenen Kantonen zusammen. Einzelne Kantone sind sogar auf uns zugekommen und baten um Unterstützung. Wir haben bisher aus den Kantonen nur äusserst positive Feedbacks erhalten.

Ist Tigris eine Kampftruppe?
Nein. Sie ist eine bewaffnete Einsatzgruppe mit speziellem Einsatzmaterial sowie erweiterter Ausbildung für die Bewältigung von Einsätzen mit erhöhter Gefährdung. Sie verfügt jedoch nicht über das gleiche Material und ist nicht für die gleichen Aufträge wie die Interventionseinheiten der Kantone zuständig: Die EG Tigris ist nicht zuständig für Amok-, Geisel- und Sprengstofflagen.

Was macht Tigris denn?
Sie nimmt im Rahmen von Bundesstrafverfahren und Rechtshilfeverfahren Festnahmen vor, macht Zielfahndungen und bildet die Mitarbeitenden des Bundesamtes für Polizei in der Anwendung von Zwangsmassnahmen aus. Das sind rund 350 Personen.

Hat Ex-Justizministerin Ruth Metzler Tigris eingeführt?
Nein. Tigris wurde in der Amtszeit von Bundesrat Blocher, ab 2004 bis 2005, aufgebaut. Es ist hingegen richtig, dass die Zielfahndungs-Einheit als Folge der Effizienzvorlage (neue Bundeskompetenzen) unter Bundesrätin Metzler aufgebaut worden ist.

Wie kam es zum Aufbau?
Die Kantone wollten und konnten gewisse Aufgaben zugunsten der Bundesstrafverfahren nicht mehr für den Bund übernehmen. Ein Hauptgrund war, dass die Kantone damals nicht für die Einsätze bezahlt wurden. Da stand ich als Chef der BKP vor der Frage: Bilde ich meine 200 Ermittler alle soweit aus, dass sie in der Lage sind, heikle Einsätze vorzunehmen? Oder bilde ich ein spezialisiertes Team für diese Aufgabe? Ich entschied mich für das Team.

Sie sind der «Vater» von Tigris?
Ja. Ich habe Tigris eingeführt. Mit Einwilligung meiner Vorgesetzten.

Es wird behauptet, Tigris habe keine rechtliche Basis.
Tigris arbeitet im Rahmen von Verfahren der Bundesanwaltschaft, des Untersuchungsrichteramtes, des Bundesamtes für Justiz oder der Kantone. Je nach Auftraggeber ist die Rechtsgrundlage im Strafprozessrecht, im Rechtshilfegesetz oder im kantonalen Recht.
Wer bewilligt die Einsätze?

Ein Richter?
Es braucht keine richterliche Bewilligung. Wir handeln nur im Auftrag einer Justizbehörde: Bundesanwaltschaft, Untersuchungsrichteramt, Bundesamt für Justiz oder kantonale Justizbehörde.
Es geht bei den Einsätzen nur um Personen, die schon per Haftbefehl gesucht werden.

Sind alle Einsätze wie vorgeschrieben mit den Kantonen abgesprochen?
Meine Leute haben die klare Order, sich immer mit den betroffenen Kantonen abzusprechen. Wenn das Gefährdungspotenzial der «Kunden» zu hoch ist oder der Einsatz aus anderen Gründen nicht durch Tigris durchgeführt werden kann, dann übernimmt eine kantonale Interventionseinheit.

Gabs bei Einsätzen Tote, Verletzte?
Nein. Es kam bisher nie zu einer Schussabgabe. Unsere Leute arbeiten sehr gut, sie haben ihre Aufgaben ausgezeichnet gelöst.

Laut «Weltwoche» gab es unverhältnismässige Einsätze. So sei Financier Dieter Behring 2007 beim Zähneputzen von einem schwerbewaffneten Trupp verhaftet worden.
Das zeigt, wie «seriös» diese Berichte sind. Im Fall Behring traten die Polizisten in Zivil mit Polizeikennzeichnung auf, ohne Montur, ohne Helm, normal mit Pistole.

Weder Bundesanwalt Erwin Beyeler noch Fedpol-Chef Jean-Luc Vez, die im Bild sind, haben sich zu Wort gemeldet. Fühlen Sie sich im Stich gelassen?
Dazu möchte ich nichts sagen.

Bundesrätin Widmer-Schlumpf hat eine Abklärung angekündigt. Haben Sie Angst?
Ich wüsste nicht, warum.

Der Wirbel um Tiger

Die «Weltwoche» behauptete, «Tigris» sei eine «geheime Bundespolizei». Unter Chef Kurt Blöchlinger (45) habe die Bundeskriminalpolizei (BKP) heimlich Elemente einer Bundessicherheits- polizei eingeführt. Bundespolitiker und Vertreter von Kantonen zeigten sich erstaunt über die Existenz von «Tigris». Die Geschäftsprüfungs- kommissionen des Bundesparlaments werden aktiv. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf will Tigris durch den ehemaligen Zuger Justizdirektor Hanspeter Uster untersuchen lassen.

Blöchlinger ist seit 2003 BKP-Chef. Zuvor war der Jurist Chef der Zuger Kripo. Ende 2008 wurde er zum Kommandanten der Kantonspolizei Schaffhausen gewählt. Dort wird er seine Arbeit Mitte Jahr aufnehmen.