Die ganze Rede von Bundesrat Schmid

  • Publiziert: 17.07.2007, Aktualisiert: 13.01.2012

ANDERMATT – «Die Frage nach dem Warum begleitet uns Menschen in solchen Momenten ...» Lesen Sie die gesamte Ansprache von Bundesrat Samuel Schmid anlässlich der Trauerfeier für die sechs tödlich verunglückten Rekruten (Blick Online berichtete).Liebe Eltern, Geschwister, Freunde und Kameraden von Théophile Baillifard,Bojan Buchs,Xavier Fellay,Philippe Gay-Balmaz,Cédric Janz undCarlo ZurbriggenLiebe TrauergemeindeLa Suisse est bouleversée !Nous sommes tous bouleversés !Comment ne pas lêtre ?6 jeunes, des fils, des frères, des amis, des collègues, des camarades, qui ne demandaient quà vivre.6 hommes qui ne faisaient que leur devoir.Qui avaient choisi de mettre leur amour de la montagne et leurs compétences au service de leur pays.Comment expliquer un tel drame ?Comment exprimer notre impuissance face au destin?Comment partager la souffrance ?Au nom du Conseil fédéral et au nom du peuple suisse, je tiens à exprimer mes plus sincères condoléances et ma plus profonde sympathie aux parents, aux familles, aux proches, aux amis, aux collègues et aux camarades des 6 disparus.Die Frage nach dem «Warum» begleitet uns Menschen in solchen Momenten: Warum? als Frage nach dem Grund des Todes von 6 jungen, hoffnungsvollen Menschen, die am Anfang ihres Lebens standen. Warum? als Frage gestellt, um Rechenschaft zu erhalten, vielleicht sogar begleitet von Zorn, weil Pläne junger Menschen und Familien zunichte wurden. Warum? Sie haben das doch nicht verdient! Ich begreife diese Fragen und stelle sie mir auch……und ich vermag sie letztlich nicht zu beantworten.Was tun, wenn der Tod einbricht in unser Leben und uns wegreisst, was uns lieb war?Wir, die wir selber Väter und Mütter sind, was können wir letztlich mehr als mit den Trauernden die Verwundung und den Schmerz auszuhalten und ihnen nahe zu sein, wenn ihre quälenden Fragen ohne Antwort bleiben?Sie begleiten in ihren tastenden Versuchen, sich allmählich wieder dem Leben zuzuwenden?Wir bekennen uns als Christen zu einem liebenden, gnädigen Gott, nicht einem rächenden oder zornigen Gott.Ist die Frage nach dem «Warum» somit etwa falsch gestellt? Müssten wir nicht weniger fragen als bitten – bitten um die Erkenntnis was Leben und Tod uns bedeuten?Ich weiss, Worte wirken in solchen Momenten leer.Erlauben Sie mir, dass ich jene des Dichters Jean Cocteau zu Hilfe nehme:«Le vrai tombeau des morts, cest le cœur des vivants.»«Die wahre Grabstätte der Toten ist das Herz der Lebenden.»Sie sind uns nahe und wir ihnen. Nur das Schlagen unseres Herzens trennt uns von ihnen.Die sechs Opfer dieses Bergdramas wurden aus dem Kreis ihrer Liebsten gerissen, als sie ihre Pflicht als Bürger, als Milizsoldat erfüllten.Als sie sich ausbilden liessen zu verantwortlichen Gebirgsspezialisten, die Erfahrungen zu sammeln haben im Beurteilen von Lagen, Begehen von Flanken und Kämmen, im Überwinden von Hindernissen im Gebirge.Wir brauchen diese Fachleute: um zu retten, um zu überwachen, um andere zu führen, um andere bei ihrer Auftragserfüllung zu unterstützen.Dieser Umstand nimmt uns in die Verantwortung und verlangt von uns, unsere Pflicht zu tun!Zu allererst die Pflicht des Andenkens, das Bekenntnis des treuen Gedenkens. Das ist der Grund, weshalb wir heute hier in der katholischen Kirche in Andermatt beisammen sind.Wir gedenken sechs Menschen, welche ihr Leben in den Bergen verloren haben – einem Umfeld, in welchem sie glücklich waren, welches sie liebten und welches sie immer wieder aufs Neue und noch besser kennenlernen wollten, um ihre Kenntnisse und Erfahrungen in den Dienst anderer und in den Dienst ihres Landes zu stellen. In jenen Bergen, in denen sie ihren Dienst absolvieren wollten.Der Tod kann und darf uns nicht die Erinnerungen nehmen, Erinnerungen an das Lachen, an Gespräche, an gemeinsame Erlebnisse, an die Zeit, die uns mit ihnen geschenkt war.Eine weitere Pflicht ist die Pflicht des Respekts, das Bekenntnis zur Verbundenheit, das wir in diesem Gottesdienst mit umso eindrücklicheren Zeichen der Handreichung abgeben werden. Respekt angesichts des Schmerzes und der Trauer all jener, welche von diesem Drama betroffen sind: die Angehörigen, die Freunde. Aber auch die Dienstkameraden und militärischen Vorgesetzten, deren tiefe Betroffenheit ich als ehemaliger Truppenkommandant kenne.Es ist nicht einfach, glaubwürdig auszubilden in einem Umfeld, in dem Risiken nie vollständig ausgeschlossen werden könnenAll jenen gehören meine Gedanken.Dieser Respekt hält uns auch zur Zurückhaltung an: nicht zu richten, bevor wir wissen, nicht zu verurteilen, bevor wir die Wahrheit kennen, nicht zu drängen, wo Zeit und Raum für Trauer nötig ist.Unsere Pflicht ist auch die Pflicht der Wahrheit. Ich spreche hier von der Notwendigkeit, das Geschehene seriös, unabhängig aber auch rasch zu untersuchen und die Fakten zu erkennen.Ich spreche hier von der Notwendigkeit – wenn nötig- der juristischen Aufarbeitung.Aber auch der Notwendigkeit, Lehren zu ziehen, der Notwendigkeit, alles daran zu setzen, künftig ein solches Unglück zu vermeiden.Und schliesslich unsere Pflicht des Vertrauens. Vertrauen in unsere Institutionen. Vertrauen in die Justiz. Vertrauen in unsere Armee.Dieses Vertrauen gründet in unserem Land auf der wohl einmaligen Basis eines Vertrages, einer Formel: der Miliz. Der Soldat ist gleichzeitig Bürger, der Militärrichter ist gleichzeitig Bürger, der Nothelfer ist gleichzeitig Bürger.Und schliesslich haben wir auch die Gnade des Vertrauens in eine höhere Macht. Wir beugen uns in Demut vor der Erkenntnis der Endlichkeit unseres Seins und der Unendlichkeit des Schöpfers.Liebe Angehörige,Unsere Armee ist in Trauer. Die Schweiz ist in Trauer. Théophile Baillifard Bojan Buchs Xavier Fellay, Philippe Gay-Balmaz, Cédric Janz und Carlo Zurbriggen:Ihre Kinder, Ihre Söhne, Ihre Freunde, Ihre Kameraden sind in unseren Herzen. Und unsere Gedanken sind bei Ihnen.
play Bundesrat Samuel Schmid spricht vor der Trauergemeinde. (Reuters)

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