Ein Callboy packt aus
«Die Fantasie der Frauen geht viel weiter als alles, was in Büchern steht»

Escort Raul Amante (25) über Frauen, die ihn als Einbrecher buchen, verbotene Fesselspiele und die Orgasmus-Garantie.
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Escort Raul Amante (25)
Foto: Siggi Bucher
Von Britta Krauss

Millionen Frauen fantasieren sich durch den literarischen Sado-Maso-Softporno «Shades of Grey». Und Millionen Männer fragen sich: Wollen alle Frauen dominiert werden?

Einer, der es wissen sollte, nennt sich Raul Amante (spanisch für «Liebhaber»), hat dunkles Haar, einen trainierten Körper – und ist Callboy von Beruf. «Begleiter», wie er es selber nennt. Die Bezeichnung Callboy oder Gigolo mag er nicht: «Das schreckt die Frauen ab und tönt vulgär», sagt der Zürcher (25) mit spanischer Mutter.

Raul begleitet Damen ins Restaurant, auf Tanzbälle, ins Spa – und liefert auf Wunsch auch Sex. Hart, romantisch, ausgefallen. Mal spielt er bei einer Dame daheim den Ehemann, mal einen One-Night-Stand im Hotel. Seit 2009 ist Raul im Einsatz, zuerst nebenberuflich, seit 2011 Vollzeit. Sein Fazit: «Die Fantasie der Frauen geht viel weiter als alles, was in Büchern steht. Viele wollen die Kontrolle abgeben und wünschen sich, dominiert zu werden. Sie finden die Vorstellung aufregend, dass ein Fremder bei ihnen zu Hause eindringt und sich über sie hermacht.»

Gerade erst sollte Raul den Einbrecher spielen: «Sie wollte, dass ich mit Dreitagebart und im Kapuzenpulli bei ihr die Tür eintrete und über sie herfalle. Aber das musste ich ablehnen. Schliesslich ist Einbruch eine Straftat.» Der Kompromiss: «Sie hat vor dem Haus einen Schlüssel versteckt, und wir haben uns eine Woche ausgesucht, in der ich abends unerwartet zu ihr komme.»

«Ästhetik war mir immer wichtig»

Mindestens 750 Franken muss eine Kundin für drei Stunden Raul hinblättern. Er ist aber auch für ein Wochenende oder Ferien buchbar. Dabei muss es nicht immer zur Sache gehen: «Bei etwa 60 Prozent der Buchungen kommt es zum Sex. Manche wollen einfach nur schön ausgehen, massiert werden, reden oder kuscheln.» Auch schauspielerische Qualitäten sind gefragt. «Ich verstelle mich nicht, aber ich sollte nicht wie ein abgebrühter Profi rüberkommen. Die Frauen finden es reizvoll, wenn ich eher schüchtern und unerfahren wirke.»

Ein Anwalt rät Raul, was er anbieten darf. Würgen oder Schlagen sind tabu. Das könnte rechtlich Ärger geben. Seine Regel: «Ich lehne alle homosexuellen, gefährlichen oder erniedrigenden Praktiken ab. Fesseln geht nur, wenn die Frau sich selbst befreien kann.»

Äusserlich wirkt Raul nicht wie der verwegene Naturbursche oder hart anpackende Klempner, den sich Frauen angeblich für ein Abenteuer wünschen. Der Escort kommt eher wie ein glatt rasierter Modeltyp daher, wie einer, den sich Mütter als Schwiegersohn wünschen. «Ästhetik war mir schon immer wichtig», sagt Raul. Nach dem Gymnasium kam er über den Kampfsport in die Security-Branche. Der Bruce-Lee-Fan hat den Schwarzen Gurt in Kung-Fu.

«Das macht super Spass»

Zum Escort-Service gelangte Raul dann über seinen Job als Sicherheitsangestellter in einem Zürcher Museum: «Da trug ich schicke Anzüge und habe zum ersten Mal gemerkt, was für eine Wirkung ich auf Frauen habe. Auch ältere Frauen fanden mich attraktiv. Manche kamen extra zu den Zeiten, in denen ich Dienst hatte und wollten mich in den Pausen zum Tee einladen.» Mit einer Frau in den Vierzigern habe er sich angefreundet. «Bei einer Verabredung sagte sie, dass ich der perfekte Begleiter sei, und dass ich das professionell machen solle.» Am selben Abend gab sie ihm Geld. «Zuerst war ich perplex. Aber dann dachte ich: Das macht super Spass. Warum sollte ich das nicht zum Beruf machen?» Die Dame wurde seine erste Kundin.

Raul legte los: «Ich veröffentlichte ein Inserat in einer Zeitung und liess Visitenkarten drucken», sagt er. «Raul Erotikservice International» stand darauf. «Ich habe alles falsch gemacht. Auf das Inserat reagierte niemand, und die Frauen, die ich plump mit meiner Visitenkarte ansprach, standen nicht drauf, wenn man sich als Callboy vorstellt.»

Das Geschäft nahm erst Fahrt auf, als er die zweite Kundin kennenlernte – über seinen Hundewelpen, mit dem er spazieren ging. «Sie war 43 und eine Powerfrau. Sie hat ihren Freundinnen von mir erzählt und mir so Kundinnen vermittelt.»

Heute findet Raul die meisten Damen über Mund-zu-Mund-Propaganda. Er ist aber auch selbst aktiv: «Ich habe ein Facebook-Profil und spreche überall Frauen an – ohne, dass ich mich gleich als Begleiter vorstelle. Nur wenn es funkt, sage ich, was ich mache. Das ist ein sensibles Spiel.» Eine Pause gönnt er sich nur, wenn er mit seiner Freundin unterwegs ist.

«Ich habe ein sehr gesundes Privatleben»

Über sie will er nicht viel sagen. Nur: «Ich habe ein sehr gesundes und zufriedenes Privatleben.» Oder: «Ich will mal Familie haben.» Ähnlich wortkarg gibt er sich bei der Frage nach Eltern und Freunden: «Meine engsten Freunde wissen und akzeptieren, was ich mache. Ich biete einen Service an, aus Überzeugung. Ich muss mich für nichts schämen.»

Die Frauen, die ihn buchen, sind meist zwischen 30 und 65, viele wohlhabend und nicht berufstätig. «Mehr als die Hälfte ist in einer Beziehung. Die Frauen suchen Abwechslung oder wollen Fantasien ausleben.» So bitten ihn gelegentlich eine Anwältin und ihre Assistentin zum Rollenspiel in die Kanzlei. «Erst spiele ich einen Kunden, dann haben wir Sex.»

Manche Damen nutzen den Service heimlich, manche mit Einverständnis des Partners. «Es kommt auch vor, dass mich Paare zusammen buchen und der Mann uns beim Sex zuschaut.»

Aber könnten Frauen nicht einfach einen Mann in der Bar aufreissen, statt für Sex zu zahlen? «Viele wollen einen Profi. Der weiss, was er tut und mit dem sie nicht durch das ganze Kennenlern- und Abschiedsdrama durchmüssen.»

«Ich muss mich für nichts schämen»

Raul ist stolz auf seinen Service, bekommt oft Komplimente. «Dank Learning by Doing bin ich mittlerweile sicher ein super Liebhaber. Ich habe bis jetzt mit etwa 50 Frauen geschlafen. Und viel über Sex gelesen. Ich glaube, ich werde von Mal zu Mal besser.» Küssen gehöre im Bett mit dazu: «Das macht man nur in billigen Puffs nicht.» Frauen wünschten sich vor allem zwei Dinge: «Sie wollen, dass man sie versteht und auf sie eingeht.»

Fit hält Raul sich mit Kampfsport, Joggen und gesunder Ernährung: «Mehrmals Sex pro Nacht ist kein Problem. Es macht mich heiss, wenn eine Frau einen Orgasmus hat.» Eine explizite Orgasmus-Garantie gibt er nicht. «Aber ich merke, dass die Frauen Spass haben. Ich mache so lange weiter, bis sie explodiert. Manche reizt es aber auch, mich zu befriedigen.»

Seine älteste Kundin sei knapp 70. «Sie ist verwitwet. Mit ihr habe ich keinen Sex, aber sie freut sich über Gesellschaft und gute Gespräche.» Abgelehnt hat Raul nur einmal eine Frau: «Sie sah ungesund aus und war sehr übergewichtig.»

Wenn Raul von seinem Job spricht, klingt er ehrgeizig, zielstrebig. Manche Aussagen sind fast zu schön, um wahr zu sein. Als habe er ein Frauenversteher-Buch auswendig gelernt. Etwa, wenn er sagt, dass es ihm weniger ums Geld geht, als darum, seinen Job gut zu machen. Oder bei der Frage, ob er im Bett immer könne. «Jede meiner Kundinnen ist attraktiv», sagt er dazu. «Dabei geht es nicht nur ums Aussehen, sondern auch um den Charakter oder Details, wie die Art, sich zu bewegen. Zur Not fokussiere ich mich auf diesen einen Aspekt. Ich versuche immer, mich an meiner Kundin heiss zu machen. Wenn das mal nicht klappt, denke ich an andere Frauen.»

«Ich bereite mich gründlich vor»

In ihn verliebt hat sich noch keine: «Frauen ticken nicht so. Das ist eher ein Problem bei Männern, die zu Prostituierten gehen. Die werden schneller besitzergreifend.»

Rauls Arbeit beginnt schon vor dem Date. «Ich bereite mich gründlich vor. Lerne Walzer, wenn ich für einen Ball gebucht bin, oder lese die Notizen durch, die ich mir nach jedem Date mache.» Manchmal, so sagt er, fühle er sich wie ein Psychotherapeut. Sein Trick: «Frauen lieben es, wenn sie etwas Unwichtiges in einem Nebensatz erwähnen und ich dieses Detail später anspreche. So wissen sie, dass ich ihnen zuhöre.» In seiner Arbeitstasche hat Raul Massageöl, Duftkerzen, Wäsche zum Wechseln und Kondome. «Ohne die mache ich nichts.»

Dank seiner Kundinnen hat er ein angenehmes Leben, besucht teure Restaurants, Hotels, Bälle. «Eine meiner Damen hat mir ein Motorrad geschenkt. Auch von den anderen bekomme ich viele Geschenke. Wein, Whisky oder Zigarren.»

Bis zum Rentenalter will Raul seinen Job nicht machen. «Vielleicht bis 35.» Gerade hat er eine Begleitagentur gegründet. «Da will ich nur Topmänner anstellen. Die Nachfrage ist da. Warum sollen nur Männer die Möglichkeit haben, für Begleitung oder Sex zu bezahlen?»

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