Kommentar von Philippe Pfister, stv. Chefredaktor SonntagsBlick Die Erde ist eine Scheibe

  • Publiziert: 27.03.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Philippe Pfister

Es war Schon Dunkel vorletzten Freitag in Einsiedeln, als Martin Werlen uns zum Interview empfing. Dunkel wie die Nacht war das Thema, das SonntagsBlick mit dem Abt zu besprechen hatte. Es ging um Priester, die sich an Buben vergehen. Um Kirchenmänner, die wegschauen. Um Bischöfe, die von all dem nichts gewusst haben.

Griffige Massnahmen forderte der Abt. Eine schwarze Liste pädophiler Priester werde gebraucht. Die Schweizer Bischöfe müssten die Köpfe zusammenstecken. Papst Benedikt XVI. solle jetzt auch zu den Menschen in Deutschland und der Schweiz sprechen. All das: schnell.

Fotografin Sabine Wunderlin und ich schauen uns verblüfft an und fragen uns: Tut sich da tatsächlich etwas?

Sechs Tage später treffen wir wieder einen einflussreichen Kirchenmann: Kurt Koch, den der Pontifex wohl bald als Kardinal nach Rom rufen wird. Der Bischof drosselt das von Werlen vorgegebene Tempo erheblich. Schwarze Liste? Nicht unbedingt nützlich. Sondersitzung der Bischofskonferenz? Gemach, gemach, das entscheidet der Präsident. Kritik am Papst? Beruht vor allem auf Fehlinformation.

Sabine und ich schauen uns an und ahnen: Da tut sich wohl doch nicht allzu viel.

Von Benedikt, sagte Koch 2005, dürfe man noch einige Überraschungen erwarten.

Von Benedikt, das wissen wir 2010, dürfen wir einiges erwarten – bloss keine Überraschungen.

Eher erklärt die Wissenschaft die Erde wieder zur Scheibe, als dass dieser Mann seine Vorstellung von Sünde und Sex, Zölibat und Ehe lockert. Wer daran zweifelt, lese seine erste Enzyklika. Da zitiert der Papst – selbst Philosoph – gleich zu Beginn Friedrich Nietzsche. Der grosse Denker schrieb, das Christentum habe den Eros vergiftet. Umgekehrt sei es, schreibt der Papst. Modernes Denken à la Nietzsche habe dem Eros Gift gegeben.

Dass die Menschen in der Moderne leben: Das ist im Weltbild dieses Papstes nicht vorgesehen. Ein klares Wort, griffige Massnahmen, schnelles Handeln – Rom lässt sich nicht drängen.

Schon gar nicht zur Korrektur seiner eigenen Fehler!

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Phillipe Pfister, stv. Chefredaktor SonntagsBlick.

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