Die Chat-Freundin des Aargauer Politikers Meine Geschichte mit Geri Müller

Aus einer bizarren Chat-Beziehung wird Verliebtheit. Und am Ende ein Albtraum.

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Gestern Dienstag. Gegen 16 Uhr. Irgendwo in Zürich. Eine Frau (33), lange braune Haare, braune Augen. Sie wirkt etwas gehetzt, spricht aber klar, mit fester Stimme. Sie erzählt ihre Geschichte mit dem Badener Stadtammann Geri Müller. Eine bizarre Story in 5 Akten.

Akt 1: Ein Mann auf Facebook

Es ist Winter 2012, als die Frau – nennen wir sie Alice – über einen Freund zum virtuellen Freund eines Mannes namens Geri Müller wird. Sie hat keine Ahnung, dass sich hinter diesem Namen ein national bekannter Politiker verbirgt. Sie postet Bilder von sich und er retourniert «schöne Kommentare», wie sie sagt. Ein Jahr später, am 13. Februar 2014, installiert sie auf einem neuen  Smartphone WhatsApp mit all ihren Facebook-Kontakten, wünscht allen einen «schönen Morgen» – auch Geri Müller.

Er meldet sich aus dem syrischen Damaskus, erinnert sich an die Bilder von damals, sie chatten über dies und das, auch darüber, dass Alice gerade einen Kriminalroman schreibt, unterhalten sich über Charaktere im Buch. «Richtig mitgefiebert» habe er, sagt sie, «alles ganz harmlos». Aus dem Hotelzimmer in Damaskus kommt aber auch ein Foto: Müller mit nacktem Oberkörper, darunter der Kommentar: «Auch Mut für Livebilder?» Sie sagt nein. «Da», sagt sie, «fing alles an.» Und aus ihrem Krimi habe Müller an der gestrigen Pressekonferenz ein «erotisches Buch» gemacht.

Akt 2: Austritt aus dem Virtuellen

Geri Müller habe «Charme und Sprachwitz», sagt sie, etwa, wenn er aus Beirut ein Bild einer Moschee schickt, mit dem Kommentar, «er liebe diesen interkulturellen Tümpel». Sie fühlt sich angezogen, und er sendet ihr bei der Rückreise in die Schweiz bei einer Zwischenlandung in Istanbul eine Strichzeichnung: Eine nackte Frau.

Nach der Landung in Zürich das erste Voice­mail vom Mann aus Facebook: «Hoi, Alice, hier ist der Geri.» Er erkundigt sich, ob man sich sehen könne. Er würde auch zu ihr fahren. Sie zögert. Meint, sie wolle nicht öffentlich mit ihm, dem national bekannten Politiker, gesehen werden. Er versteht das. Der Kontakt bleibt weitgehend virtuell bis in die Frühlingssession 2014. Real sind aber die Bilder, die er schickt, sie sind «immer freizügiger», wie sie sagt. Und er verlangt nun Gleiches von Alice. «Gestern eingeschlafen ohne Pictures von Dir!»

«Der Druck», den er ausgeübt habe, sagt sie, sei «fein und subtil». Sie googelt ihn, liest von Geri Müllers Kommentaren über die Hamas, schreckt zurück, ihn zu treffen – «über einen Monat lang». Auf sein Verlangen und seinen Druck hin, sagt sie, habe sie dem Mann, den sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte, «auch Nacktfotos von sich» gesendet. Lange Telefonate folgen, nächtliche Chats, die oft vier oder fünf Stunden dauern.

Irgendwann um diese Zeit schlägt Geri Müller Alice einen gemeinsamen Kino-Besuch vor: «Nymphomaniac» von Lars von Trier über eine sexuell besessene Frau. Weil grad Session ist in Bern, verabreden sich die beiden in einem lokalen Kino. Zum ersten Mal sieht Alice den graugelockten Politiker mit der runden Brille live: ein Mann mit Rucksack und Jackett, eine lockere Erscheinung. Eine

Umarmung, sympathische Begrüssung. Im Kino wählt Geri Müller Sitze in den hintersten Reihen, dort, wo es besonders dunkel ist. Es kommt, wie sie sagt, «zu einem sehr körperlichen Kontakt» zwischen zwei Erwachsenen, die den Körper des anderen bislang nur aus Chat-Bildern kennen. Er schreibt danach, das habe er «sehr genossen». Jetzt will er mehr: mehr Chats. Mehr Bilder. Eine Chat-Freundschaft reiche ihm nicht mehr. Eine Zeit ohne Konflikte sei das gewesen, sagt Alice heute. Manchmal habe sie gar Anteil gehabt an seinem Leben als Politiker.

Akt 3: Im Bundeshaus

Mehr als einmal darf Alice dank ihm als «Gast eines Ratsmitglieds» das Bundeshaus betreten. Manchmal trifft man sich in einem Sitzungszimmer, um einen Schwatz zu halten.

Um diese Zeit herum schickt er ihr Fotos von sich in beträchtlicher Nacktheit: am 23. und 25. Februar 2014 etwa aus dem Stadthaus in Baden. Der Parkettboden und das USM-Haller-Mobiliar verraten später den Standort der Aufnahmen. Wenige Wochen danach sendet er aus dem Nationalratssaal ein Nackt-Selfie – dieses habe er in der Nacht zu Hause aufgenommen, chattet er.

Um Ostern treffen sich die beiden in einem Privathaus. Er, erzählt sie, habe sich nackt ausgezogen und Spezielles verlangt. Sie umarmt ihn zwar, aber auf besondere Wünsche geht Alice nicht ein – was er akzeptiert. Auf der Heimfahrt chattet er, er sei überwältigt von ihrer Zärtlichkeit. Welche Art Beziehung das gewesen sei, fragt sich Alice heute. «Etwas verliebt bin ich schon gewesen», meint sie. Und er? «Fasziniert vielleicht, aber das Ganze ist für ihn wohl nicht so bedeutungsvoll gewesen.» Dazu, meint Alice nüchtern, habe er immer zu viel von weiteren Frauen gesprochen. Sie sagt aber auch: Eine Beziehung mit Geri Müller habe sie nie gewollt, das habe sie ihm auch gesagt. Sie sei Single gewesen und Müller sei «ein anregender Typ».

Akt 4: Der Bruch     

In diese Zeit der Abkühlung bricht ein gerüttelt Mass an Irrationalität in diese Beziehung ein: sie nennt das den «James Bond Modus», in den sie beide abgetaucht seien – er habe plötzlich davon geredet, dass seine politischen Gegner im In- und Ausland hinter den Chats auf ihrem Handy her sein könnten, und sie habe ihn für seine Phobie belächelt, der israelische Geheimdienst Mossad könnte hinter ihm her sein, weil er als Palästinenser-Freund bekannt sei. «Nie aber», sagt Alice dezidiert, «habe ich ihm gedroht, ich würde zu den Medien gehen, wenn er sich weiter öffentlich zum Israelkonflikt äussert.» Einen derartigen Erpressungsversuch habe sie nie gemacht. Selbstkritisch meint sie aber auch: «Wir waren wohl beide etwas crazy und etwas Borderliner.»

Akt 5: Kampf ums Handy

Nun tritt das Handy mit den Daten in das Zentrum dieser sich auflösenden Privat-Verbindung. Einmal, im Stadthaus in Baden, erzählt Alice, habe ihr Geri Müller gesagt, sie solle ihm das Handy doch aushändigen, er gebe es dann der Polizei unter Verschluss. Sie will das nicht. Derweil gelangen die Daten über verschlungene Wege auf eine Zeitungsredaktion, welche die Druckerpresse bereits angeworfen hat.

Nun tritt Geri Müllers Anwalt auf den Plan und verhindert die Publikation in letzter Minute. Plötzlich geht alles ganz schnell. «Ein Albtraum», wie sie sagt. Vergangenen Mittwoch gegen 11 Uhr erhält sie von Geri Müller die Nachricht, er sei auf dem Weg zu seinem Anwalt – es gebe einen todsicheren Weg, dass nie etwas publiziert werde. Heute meint sie: «Die wollten mein  Handy.» Und begründet dies so: Sie habe an diesem Tag Geri Müller gesagt, sie sei auf dem Weg nach Zürich – und er habe wohl gedacht, sie zeige ihr Handy der Presse.

Sie ist verzweifelt, will mit Geri Müller reden, schickt ihm ein SMS, droht mit Suizid, so wie er das auch schon getan habe. Sie schickt das SMS auch an seine Privatnummer. Dort reagiert die Ex-Frau des Politikers – Alice solle zu ihr kommen und mit ihr reden. Als sie kurz nach 21 Uhr vor ihrer Türe steht, erzählt sie, sei die Polizei gekommen, habe sie abgeführt und fünf Stunden lang festgehalten. «Keiner der Polizisten hat mich gefragt, wie es mir geht», erzählt sie. «Sie haben mich nur über Geri Müller ausgequetscht. Und sie wollten mein Handy.» Sie aber habe sich geweigert, dieses auszuhändigen. Dann hätten sie sie mit zehn Franken in der Tasche wieder entlassen, mit der Bemerkung, sie könne ja im Hotel Linde übernachten.

Sie will nach Hause, bricht vor dem Bahnhof in Baden aber zusammen. «Es war alles zu viel für mich», sagt sie. Sie verbringt die Nacht zum vergangenen Donnerstag auf der Notfallstation in Baden, und am nächsten Morgen stehen wieder zwei Polizisten bei ihr. «Der Wachtmeister, den ich schon vom Vortag kannte, versuchte mir das Handy zu entreissen», erzählt sie. Am gleichen Tag reicht Geri Müllers Anwalt eine achtseitige Anzeige ein wegen «Nötigung, unbefugtes Aufnehmen von Gesprächen» ein. Als sie am Donnerstag endlich wieder zu Hause im Berner Jura ankommt, erhält sie wieder Besuch von der Polizei. «Vier Polizisten und eine Frau», erzählt sie. Diesmal haben die Beamten einen Hausdurchsuchungsbefahl und konfiszieren Handy, Laptops, Kameras.» Als Alice dies erzählt kommen ihr zum ersten Mal die Tränen. «Das war Geris todsicherer Weg», meint sie, «und mir haben sie mein Eigentum weggenommen.»

Publiziert am 19.08.2014 | Aktualisiert am 20.08.2014
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51 Kommentare
  • Rosalba  Neira , via Facebook 20.08.2014
    Und sie gibt sich als kleiner Engel aus...bisschen verliebt soll sie gewesen sein. Wers glaubt wird selig.
  • andré  schaerer aus lenzburg
    20.08.2014
    Er hat schon gelogen, als G.M. behauptet, er habe die Person nie
    gesehen. Ging er dann mit einem Geist ins Kino?
  • Jost  Brändli , via Facebook 20.08.2014
    Die Frau behauptet also, Geri Müller hätte ihr mit Suizid gedroht. Ist das wirklich so?
  • Karl  Saxer 20.08.2014
    Kleinkarierte Schweiz! Die meisten Aussagen könnten von der Zeit um 1950 sein. Ich habe immer gemeint die Schweiz sei ein modernes Land und gehe mit der Zeit. Das scheint hier nicht der Fall zu sein zu viele Heuchler mit Doppelmoral leben hier. Nehmt Euch ein Beispiel an der Affäre um Bill Clinton die Amerikaner nahmen es damals gelassener zur Kenntniss und liessen ihn im Amt und er war schliesslich der President der Vereinigten Staaten ein viel mächtiger Mann als es Geri Müller je sein wird.
  • Heinz  Knauser aus Bern
    20.08.2014
    Welch ein Wunder wie schnell die Staatsanwaltschaft entschieden hat.
    Normaler Weise gibts zuerst eine Untersuchung.
    Aber anscheinend nicht für alle.