«Der soziale Frieden steht auf dem Spiel»

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • von simon hehli

ZÜRICH – Manager Ospel: 2 Millionen Monatslohn – Kioskfrau Meier: knapp über 3000 Franken. Kaum irgendwo ist das Geld so ungleich verteilt wie bei uns. Doch Soziologe Mäder weiss: Es regt sich Widerstand.

Es ist eigentlich unvorstellbar: Die reichsten drei Prozent der Schweizer horten heute gleich viel Geld wie die anderen 97 Prozent zusammen! Und die Lohnschere öffnet sich ungebremst weiter, wie die «HandelsZeitung» heute berichtet: Schweizer Konzernleitungs-Mitglieder kassierten 2006 15 Prozent mehr Lohn als noch im Vorjahr.

Das Absahnen hat auch auf mittelgrosse Firmen übergegriffen. Beispiel Valora: Der Kioskkonzern zahlt dem Management nun ebenfalls Millionengehälter aus – insgesamt eine Steigerung um 70 Prozent. Die Kioskfrau von nebenan kriegt dagegen kümmerliche 1,2 Prozent mehr und muss mit einem Salär von knapp über 3000 Franken über die Runden kommen.

Die Leidtragenden solch tiefer Löhne sind vor allem Familien mit drei oder mehr Kindern, allein erziehende Frauen, Leute mit tiefer Bildung und Einwanderer. Im Interview mit Blick Online warnt Soziologie-Professor Ueli Mäder: Die steigende Ungleichheit bedroht den sozialen Frieden in der Schweiz.

Blick Online: Dicke Schlagzeilen machen derzeit die Manager mit ihren Millionensalären. Doch wie geht es den Menschen unten auf der Lohnleiter?
Ueli Mäder: Wer wenig verdient, fühlt sich unter Druck, zieht sich zurück und hat Angst vor dem, was kommt. Was mich vor allem beelendet, sind die Auswirkungen auf die Kinder: Ihr Selbstvertrauen leidet, wenn sie nicht mal mehr ins Ferienlager mitreisen können.

Die Wirtschaft brummt. Wieso spüren einfache Arbeiter nichts davon?
Das verfügbare Einkommen ist bei den 10 Prozent im untersten Lohnbereich deutlich gesunken: Blieben Anfangs der 90er-Jahre nach Abzug der Sozialabgaben, Steuern, Versicherungen und Miete noch 68 Prozent des Lohns im Portemonnaie sind es heute gerade noch 53 Prozent!

Wo müssen sich diese «Working Poors» einschränken?
Heute kann sich diese Schicht schon mal Ferien am Meer leisten. Aber vieles andere geht wegen den stets steigenden Preisen nur mit grossen Anstrengungen: Diese Leute können nicht einfach mal ihre Freunde zu einem Essen ins Restaurant einladen, die Jahresbeiträge für den Sportklub reissen ein Loch im Geldbeutel und das Ticket für den FCB-Match wird unerschwinglich.

Bei wem suchen diese Menschen den Grund für ihre Probleme?
Uns wird das Sprichwort «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg» eingehämmert. Wenn die Menschen im Arbeitsleben scheitern, nehmen sie das auf die eigene Kappe und schämen sich dafür. Die gleiche Logik sehe ich umgekehrt übrigens auch bei Reichen: Da schimpft ein Millionenerbe auf die die angeblich faulen Sozialhilfe-Bezüger und vergisst völlig, dass die Umstände ihn begünstigt haben.

Sind die Ärmeren unglücklicher?
Studien zeigen, dass mit dem Einkommen auch die Zufriedenheit steigt, gut situierte Menschen sind auch gesünder. Aber wir nagen nicht am Hungertuch: Als Gesellschaft stehen wir Schweizer immer noch sehr gut da.

Wenn sich die Einkommensschere weiter öffnet, muss das doch Auswirkungen auf die Zufriedenheit haben!
Ich merke schon, dass die soziale Brisanz zunimmt: Immer mehr Menschen sind nicht mehr bereit, ihre finanzielle Knappheit einfach so hinzunehmen. Wut und Empörung tritt an die Stelle der Resignation. Dazu haben auch die Medien beigetragen, die masslose Industrie-Kapitäne an den Pranger stellen.

Brennen bei uns in den Städten bald die Autos wie in den französischen Banlieus?
Ich würde das nicht völlig ausschliessen. Wir sind noch weit entfernt von französischen Verhältnissen; doch es besteht die Gefahr, dass sich die Unterprivilegierten rückwärts gewandten Ideologien anhängen und Populisten und Fundamentalisten hinterher laufen.

Wie können wir das zweite Szenario verhindern?
Ich bin durchaus zuversichtlich, dass das gelingt. Ich spreche mit vielen vernünftigen Leuten aus der Wirtschaft, die nicht nur ihren Eigennutz im Kopf haben. Es gibt Reiche, die sich davor fürchten, dass sich die Ungleichheit immer weiter vergrössert. Sie sehen, dass alle verlieren, wenn der soziale Friede aufbricht.

Zur Person

Ueli Mäder (56) ist Professor für Soziologie und Dekan der philosophisch-historischen Fakultät an der Uni Basel und lehrt auch an der Hochschule für Soziale Arbeit. Er ist spezialisiert auf Fragen der sozialen Ungleichheit und hat die Bücher «Für eine solidarische Gesellschaft» und «Reichtum in der Schweiz» verfasst.

Rezepte gegen die Ungleichheit

Ueli Mäder kritisiert nicht nur die heutigen Verhältnisse, sondern liefert auch die Rezepte für weniger Ungleichheit: «Wir müssen den Menschen bessere Perspektiven bieten. Dazu ist es wichtig, die unteren Löhne anzuheben. Auch sollten alle Jugendlichen eine Berufslehre machen können.» Was die soziale Sicherung betrifft, schlägt der Soziologe vor, die Ergänzungsleistungen auf alle Haushalte auszuweiten, die über zu wenig Einkommen verfügen.

Noch kein Wahlkampf mit den Armen

Im Herbst sind nationale Wahlen – doch die Parteien sprechen die gärende Unzufriedenheit der wenig Verdienenden bisher nur punktuell und indirekt an. Immerhin seien die Sicherung von AHV und IV wichtige Themen, erklärt Ueli Mäder. «Und die soziale Frage gewinnt an Bedeutung», ist der Soziologe überzeugt. Schliesslich gehe es um die Integration und den Ausschluss von rund einer Million Menschen, die in der Schweiz knapp dran seien.

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