Die Bahn kaufte ihrem neuen Chef sogar das Haus ab – in Deutschland! Der SBB-Lohnskandal

  • Publiziert: 31.03.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Matthias Pfander

Riesige Empörung: SBB-Chef Meyer hat 1,2 Millionen Franken kassiert. Nationalrat Giezendanner fordert jetzt den Rücktritt des gesamten SBB-Verwaltungsrats.

«Jetz isch gnueg Heu dune», poltert SVP-Nationalrat und Transpörtler Ulrich Giezendanner. Er will, dass die SBB-Verwaltungsräte zurücktreten und «fähigeren» Leuten Platz machen. Politiker von links bis rechts können kaum glauben, was bei der Bahn abgeht.

Während die Arbeiter des Industriewerks von SBB Cargo in Bellinzona um ihre Arbeitsplätze und ihre Löhne fürchten, schwimmt SBB-Chef Andreas Meyer im Geld: Er sackte im Jahr 2007 mehr als 1,2 Million Franken ein, wie die Zeitung «Sonntag» berichtete und die SBB selbst auch bestätigten. Die SBB stellen sich auf den Standpunkt, Meyer verdiene lediglich 100 000 mehr als sein Vorgänger Benedikt Weibel mit einem Jahreslohn von 600 000 Franken.

Meyers Lohnzettel: Sein Grundlohn liegt bei 500 000 Franken, plus Bonus von 200 000 Franken. Plus 25 000 Franken für Spesen (bei Weibel 24 000). Plus Pensionskasse 60 000 Franken (bei Weibel 25 000).

Im vergangenen Jahr gab es aber noch viel mehr für Meyer. 200 000 Franken Zusatzbonus, weil er bei seinem früheren Arbeitgeber wegen des Stellenwechsels zu den SBB weniger Bonus erhielt. Plus 250 000 Franken einmalige Einlage in die Pensionskasse, weil er in Deutschland eine «unbefriedigende Vorsorgesituation» hatte. Total: 1,235 Mio. Franken. Das Doppelte von Weibel.

«Neben dem positiven Gesamtergebnis für die SBB hat Herr Meyer auch bei SBB Cargo die Weichen richtig gestellt», rechtfertigen die SBB den Lohn. Das Geschäftsergebnis wird am Mittwoch veröffentlicht.

Neben seiner dicken Lohntüte kriegte Meyer auch noch Geld für sein Haus in der Nähe von Frankfurt. Die SBB kauften es ihm zum Gestehungspreis ab. Das heisst: Meyer erhielt genau das zurück, was er beim Bau selbst bezahlt hatte. Obwohl laut «Sonntag» dieser Preis 200 000 Franken über dem eigentlichen Marktwert liegt.

Besonders dieser Deal löst bei FDP-Ständerat Rolf Büttiker totales Unverständnis aus: «Diese Hausgeschichte in Frankfurt ist schlicht unzulässig.» Er fordert jetzt den SBB-Verwaltungsrat auf, alle Lohnbestandteile komplett offenzulegen.

Vor allem bringt der Lohnskandal die SBB in Erklärungsnotstand, wenn gleichzeitig in Bellinzona Kosten gespart werden sollen. Die Bahn bleibt aber hart: «Wir sind den Streikenden weit entgegengekommen. Jetzt wäre ihrerseits ein vernünftiger Schritt überfällig», sagt Sprecher Roland Binz. Die Streikenden haben gestern zuhanden der SBB ein Papier verabschiedet: Sie bezeichnen das aktuelle Angebot als «klar ungenügend». Sie fordern weitere Verhandlungen.

Den Lohn von SBB-Chef Meyer finden die Arbeiter in Bellinzona skandalös. Und der Tessiner SP-Nationalrat Fabio Pedrina wettert: «Das ist eine Ohrfeige für alle Streikenden.»

Für die Gewerkschaft Transfair beweist das Salär des SBB-Chefs, dass sich die Lohnschere auch in den Staatsbetrieben immer weiter öffnet. «Wir empfehlen Herrn Meyer, auf einen Teil seines Lohnes zu verzichten», sagt Anita Huber. Andrea Hämmerle, Präsident der nationalrätlichen Verkehrskommission, geht noch einen Schritt weiter: «Bosse von Bundesbetrieben dürfen nicht mehr verdienen als Bundesräte.» Doch Meyer verdiente 2007 drei Mal so viel.

1,2 Millionen Franken Lohn für den SBB-Chef – was halten Sie davon? Schreiben Sie uns!

Meinung

Geld zurück, Herr Meyer!

Von Silvio Bertolami

Dieser Mann will noch vor die streikenden Arbeiter treten? Will von ihnen verlangen, dass sie Hand bieten zu einer Um-strukturierung, die den Verlust der geliebten Arbeit, tiefere Löhne und eine unsichere Zukunft bedeuten könnte?

Andreas Meyer, der Mann, der vergangenes Jahr satte 1,2 Millionen Franken abkassiert hat – 100 000 Franken pro Monat. Dies in einem Staatsbetrieb, der von hohen Subventionen profitiert.

Leute wie Meyer lassen sich alles und jedes vergüten, kom-pensieren, absichern. So ergatterte er von den SBB 200 000 Franken, weil ihm in Deutschland wegen des Stellenwechsels der Bonus entging. Bei den SBB heimste er nochmals 200 000 Franken Bonus ein, obwohl sich die Probleme bei SBB Cargo verschärften.

Und dann die 250 000 Franken, die Meyer für sein Pensionskassen-Konto erhielt. Die zweifelhafte Begründung: Wegen langjähriger Tätigkeit im Ausland sei Meyers Vorsorge-Situation unbefriedigend gewesen. Das war doch allein sein Problem. Er hatte sich vor Jahren selber entschieden, in Deutschland Karriere zu machen. Und er hätte dort auch ausreichend vorsorgen können. Er verdiente nämlich genug – zuletzt über 600 000 Franken.

Der SBB-Chef bestätigt das Klischee: Oben wirtschaften sie mit vollen Händen in die eigene Tasche, und die unten sollen die Gürtel enger schnallen.

Herr Meyer, wenn Sie überhaupt noch mit Ihren Arbeitern verhandeln und auch sonst glaubwürdig sein wollen, dann müssen Sie den Bonus und das PK-Geld zurückgeben – und das Haus, das Sie den SBB anhängten, zurücknehmen!
play ... kämpfen die Arbeiter mit Streik und Demos für Jobs und Löhne. (Keystone)

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