Selbstmord Enke «Der Lok-Führer fühlt eine Riesenwut»

  • Publiziert: 11.11.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Michael Scharenberg
play Wirft sich ein Selbstmörder vor den heranbrausenden Zug, hat der Lok-Führer keine Chance. (Keystone)

ZÜRICH – Was macht ein Loki-Führer durch, dem ein Selbstmörder vor den Zug springt? Dr. Rosmarie Barwinski, Psychotherapeutin und Trauma-Expertin, gibt die Antworten.

Der Selbstmord des deutschen National-Goalies erschüttert nicht nur Deutschland. Robert Enke warf sich vor den Zug. Auch in der Schweiz beenden viele Menschen so ihr Leben. Immer wieder. Von rund 1400 Selbstmördern hierzulande entscheiden sich rund 100 für diesen schrecklichen Weg. In nüchterner SBB-Formulierung ist dann jeweils von «Personenunfall» die Rede. Leidtragende sind aber nicht nur Freunde und Angehörige.

Ganz besonders betroffen ist der Lok-Führer. Blick.ch fragte Dr. Rosmarie Barwinski, Psychotherapeutin und Trauma-Expertin, was in diesem vorgeht, wenn er einen Selbstmörder überrollt. Barwinski hat solche Fälle in ihrer Praxis behandelt.

Blick.ch, Frau Dr. Barwinski, was schiesst einem Lok-Führer in dem Moment durch den Kopf, wenn sich ein Selbstmörder vor seinen Zug wirft?
Rosmarie Barwinski: Ein absolutes Gefühl von Hilflosigkeit.

Und dann – was empfindet er?
Das ist der absolute Schock. Diese Person fühlt sich wie in einem Film. Als ob es dieses Unglück gar nicht gegeben hätte.

Man spricht also nicht nur bei Kriegsopfern, sondern auch hier von einem Trauma?
Auf jeden Fall! Der Lok-Führer wirkt wie weggetreten.

Wie geht es dann weiter?
Irgendwann kommt dann im Lok-Führer eine Riesenwut hoch. Er fühlt sich missbraucht. Wie ein Mord-Instrument. Und später kommen Schuldgefühle hinzu.

Wie können Sie solchen Personen helfen?
Zunächst muss der Patient stabilisiert werden. Die Therapie hilft ihm, Abstand zu gewinnen. Die Person soll für einige Zeit auf keinen Fall mit dem Zug fahren. Und dann ist es ganz wichtig, sie von ihren Schuldgefühlen zu befreien.

Wie lange geht das, bis die Person wieder normal funktioniert?
Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Manchmal gehts schon nach drei, vier Tagen wieder einigermassen. Manchmal dauerts aber auch viel länger.

Wie könnnen die SBB ihrem Mitarbeiter helfen?
Indem sie keinerlei Druck auf baldige Rückkehr an den Arbeitsplatz machen.

Kann ein Lok-Führer, der in ein so schreckliches Ereignis verwickelt wurde, jemals wieder seine Arbeit im Führerstand aufnehmen?
Ja. Ich weiss aus meiner Praxis, dass es das gibt. Es kommt aber sehr auf die Umstände an. Es gibt leider auch Lok-Führer, die solche Selbstmorde zweimal oder sogar noch häufiger erleben müssen. Da wirds dann ganz schwierig.

play Rosmarie Barwinski, Psychotherapeutin und Trauma-Expertin. (ZVG)

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