ZÜRICH – Dieses Jahr ist die muslimische Ahmadiyya-Bewegung seit 60 Jahren in der Schweiz: eine Geschichte friedlichen Zusammenlebens. Blick Online besuchte den Imam in der Zürcher Mahmud-Moschee. Seine Botschaft: Der Islam will Frieden.Spätestens seit den Terroranschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001 müssen Muslime in unserer Gesellschaft für Feindbilder herhalten. Mit Äusserungen, die Gewalt gegen Nicht-Muslime verherrlichen, haben extremistische Muslime die Stimmung noch angeheizt. Aber stimmt unser Bild, dass Islam mit Militanz gleichsetzt? Blick Online: Imam: Was sagen Sie zum aktuellen Streit um die Karikaturen zum Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung (Blick Online berichtete)? Müssten Sie die Veröffentlichung nicht als Ausdruck westlicher Meinungsfreiheit akzeptieren?Imam Sadaqat Ahmed:Ich respektiere diese Meinungsfreiheit. Aber diese Freiheit hat Grenzen: nämlich an der Würde anderer Menschen, hier von Muslimen. Es wäre klüger gewesen, auf eine Veröffentlichung zu verzichten.Unterdessen hat sich die Zeitung entschuldigt. Akzeptieren Sie das?Wenn man einen Fehler macht und sich dann entschuldigt, dann sollte man das annehmen.Das sehen viele Muslime offenbar anders: Bewaffnete Palästinenser haben das EU-Büro in
Gaza bedroht, EU-Bürgern in Gaza wurde mit Entführung gedroht, ein Deutscher wurde im Westjordanland verschleppt, und dänische Produkte sollen boykottiert werden.Das macht überhaupt keinen Sinn. Ich bin vollkommen dagegen!Durch den Terror islamischer Terroristen ist bei uns der Begriff Dschihad bekannt – und berüchtigt – geworden, der bei uns oft mit «Heiliger
Krieg» wiedergegeben wird. Offenbar wird damit jegliche Gewalt gegen Nicht-Muslime, auch Zivilisten, gerechtfertigt. Was bedeutet dieser Begriff für Sie?«Dschihad» hat für uns klar diese 3 Aspekte, die aber mit «Heiliger Krieg» rein gar nichts zu haben, denn Krieg kann gar nicht heilig sein: Das Wichtigste ist der Kampf gegen den «inneren Schweinehund», wie Sie auf Deutsch sagen, der Kampf gegen die eigene Unvollkommenheit, gegen das Böse in einem selbst. Das nächste ist, die Botschaft des Islam mit Respekt und mit Überzeugung weiter zu verbreiten. Und schliesslich bedeutet Dschihad das
Recht auf Selbstverteidigung, wenn man angegriffen wird.Sie sehen, das hat mit der Rechtfertigung von Terror, dem immer wieder auch unschuldige Zivilisten zum Opfer fallen, absolut nichts zu tun!Dieses friedliche Bild passt aber nicht zu dem, wie der Islam bei uns im Westen wahrgenommen wird. Wie erklären Sie sich das?Die Extremisten bekommen immer besonders leicht Zugang zu den Medien – wie jetzt auch: Dass Muslime die Entschuldigung akzeptiert haben, findet kaum Erwähnung. Aber über die gewalttätigen Demonstrationen wird breit und bunt berichtet.Was wäre denn zu tun, damit der friedliche Islam besser wahrgenommen wird?Ich wünschte mir, dass die Medien eben auch über diese Seite berichten, auch wenn das nicht so spektakulär ist wie die Aktionen von Hitzköpfen. Und ich wünschte mir, dass die Menschen sich ohne Vorurteil informieren würden. Was ist denn das Wesentliche der Ahmadiyya-Glaubensrichtung? Wie halten Sie es mit den anderen Religionen und mit der Anwendung von Gewalt?Für uns ist es ganz klar, dass niemand mit Gewalt zum Glauben gebracht werden darf, ob es sich nun um den Islam handelt oder um irgendeine andere
Religion. Auch im Verhältnis zu anderen Religionen lehnen wir jede Anwendung von Gewalt ab. Wir achten die Freiheit des Gewissens. Jeder ist frei, an den Islam zu glauben – oder eben auch nicht. … und wie steht es mit der Haltung von Ahmadiyya gegenüber den Frauen?Ich weiss, worauf Sie anspielen: die Unterdrückung der Frauen in islamischen Ländern. Dazu hat der Prophet Mohammed – Friede sei mit ihm – zum Beispiel gesagt: Wissen zu erwerben, ist die Pflicht eines jeden Muslims und einer jeden Muslima. Für uns ist daher klar, dass Frauen genauso wie die Männer ein Recht auf Bildung haben. Das geht aber noch weiter. Nach dem Koran hat die Frau auch ein Recht auf Arbeit. Und alles
Geld, das die Frau mit ihrer Arbeit verdient, gehört allein ihr! Das Geld, das der Mann verdient, muss er dagegen mit seiner Frau und seinen Kindern teilen.Natürlich, ich weiss, das wird in vielen islamischen Ländern nicht praktiziert. Aber lassen Sie mich das klar sagen: Das hat eher etwas mit Kultur zu tun, aber nichts mit dem Islam, wie der Koran ihn lehrt. In diesem Zusammenhang möchte ich auch betonen: Menschenverachtende Strafen wie Steinigungen lehnen wir in der Ahmadiyya-Bewegung ab.(Anmerkung der Redaktion: Im Herbst 2004 hatte ein Zürcher Imam des sunnitischen Mainstream-Islam für Empörung in der Öffentlichkeit gesorgt, weil er die Steinigung von Frauen als Strafe für Ehebruch rechtfertigte.) Warum kam die Ahmadiyya überhaupt in die Schweiz?Wir sind seit 1946 hier. Das hat mit unserer Missionsarbeit zu tun. Wir möchten die Lehre des Islam verbreiten. Der Islam ist nicht eine Religion exklusiv für Araber oder für den Osten – sondern auch eine Religion für den Westen. Damit ist Ahmadiyya dieses Jahr seit 60 Jahren in der Schweiz. Welches sind Ihre wichtigsten Erfahrungen im Zusammenleben verschiedener Konfessionen? Vor allem kann ich sagen, dass wir im Prinzip nur positive Erfahrungen gemacht haben. Das finde ich wichtig, und das freut mich sehr. Da geht es auch um konkrete Details. So hat uns die reformierte Kirche von gegenüber, von der ich schon erzählt habe, Parkplätze zur Verfügung gestellt. Das ist besonders freitags wichtig für uns, weil dann speziell viele Menschen zum Gebet kommen. Oder wir mieten Räume dieser Kirchgemeinde. Das ist ganz unproblematisch. Wie sieht es mit negativen Erfahrungen aus?Die gibt es sicher auch. Ich denke vor allem an Vorurteile. Die, wie immer, mit Unkenntnis des Islam zu tun haben. Wir stellen aber fest, dass das Interesse am Islam wächst, vor allem seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA.Welchen Stand hat die Ahmadiyya-Bewegung in Ihrem Herkunftsland, Pakistan?Die Situation wird immer schwieriger, der
Staat diskriminiert uns als Sekte. 1974 wurden wir nicht mehr als Muslime anerkannt, und 1984 wurde die Ahmadiyya-Bewegung verboten. Der Aufruf zum Gebet wird seither mit Gefängnis bestraft. Unter dem jetzigen Präsidenten, Pervez Musharraf, ist es nur noch schlimmer geworden. Erst vor zwei Monaten haben Bewaffnete eine Ahmadiyya-Moschee überfallen. 9 Betende wurden getötet und zahlreiche weitere verletzt. Darunter ist auch ein Glaubensbruder, der 1992 nach Pakistan zurückkehrte, nachdem sein Asylgesuch hier abgelehnt wurde. Imam, Sie haben mir erzählt, Sie hätten mit Ihrer Gemeinde am 11. Januar ein grosses Fest gefeiert. Worum ging es da?Wir haben das Opferfest gefeiert. Nach unserem Kalender am 10. Zulhaj, im Pilgermonat, als über 2 Millionen Muslime aus der ganzen Welt nach Mekka pilgerten. Mit diesem Fest gedenken wir Abrahams, der ja bereit war, sogar seinen Sohn zu opfern. Für uns ist das ein Anlass, mit den Armen zu teilen. Sie haben auch gesagt, dass Sie die Verständigung mit anderen Konfessionen suchen. Waren denn auch Nicht-Muslime eingeladen?Ja, sicher! Wir organisieren ständig Anlässe mit Vertretern anderer Religionen, Hindus, Juden, Christen. Aber wir laden auch das Publikum ein: Wer mag, ist bei uns in der Moschee herzlich willkommen. Egal, ob derjenige sich einfach nur informieren möchte oder ob er bei uns beten möchte.Also, man kann einfach an der Tür läuten?Ja. Immer wieder laufen Menschen an der Moschee vorbei und haben dann den Wunsch, mehr zu erfahren. Aber wir haben auch viele Schulklassen zu Besuch. Das schätzen wir sehr. Und dann die Geschichte von der Gruppe von Christen, die eines Tages in der Kirche vis-à-vis beten wollten. Doch die war geschlossen. Die kamen dann auf die Idee, uns zu fragen, ob sie bei uns beten könnten. Wir haben gern eingewilligt. (Anmerkung der Redaktion: In der Mahmud-Moschee an der Zürcher Forchstrasse findet bis zum 22. März eine öffentliche Vortragsreihe zu Fragen des Islam statt. Details auf der angegebenen Homepage.)Was wünscht sich der Imam der Zürcher Mahmud-Moschee für 2006?Wir haben gerade ein Grundstück in Wigoltingen im Thurgau gekauft. Ich wünsche mir, dass wir von unseren Mitgliedern genügend Spenden erhalten, damit wir bald mit dem Bau einer Moschee beginnen können. Ich wünsche uns allen, dass wir von diesen schrecklichen Naturkatastrophen, wie wir sie in den letzten zwei Jahren erlebt haben, verschont bleiben. Und ich habe den Wunsch, dass mehr Menschen den Weg zu Gott finden.