Zürcher Forscher entwickeln Bahn, die über die Gleise schwebt Der fliegende Geisterzug

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Franziska Agosti

Dieser Zug schwebt und rast. Ganz ohne Strom. Das Wunder: Supraleiter. Ein Zürcher Forscher erklärt die frostige Geisterbahn.

Simon Strässle (30) von der Uni Zürich ist kein Hobby-Eisenbähnler. Er kann auch sibirischen Temperaturen nicht viel abgewinnen. Die Spielzeuglok würde er gerne ohne Eis und Nebel fahren lassen, aber im Moment geht es nicht anders. Sie fliegt nur in die Kurven, wenn sie mit flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad Celsius abgekühlt ist.Strässle ist Experimental-Physiker an der Uni Zürich. Seine Spezialität: Supraleiter. «Das sind Materialien, deren elektrischer Widerstand bei extrem tiefen Temperaturen auf unmessbar kleine Werte sinkt», erklärt der Forscher. Strom kann in ihnen widerstandslos zirkulieren. Normalerweise erhitzt sich ein Metall, wenn Strom in ihm fliesst. Beim Supraleiter hingegen entsteht keinerlei Wärme.Wie von GeisterhandDas Wunder-Material hat noch eine andere Eigenschaft: Magnetfelder können schlecht eindringen. Das ist wichtig für den fliegenden Zug. Er besteht aus Waggons, die mit einem Supraleiter ausgestattet sind, und aus einer magnetischen Fahrbahn.Wird ein Supraleiter, in diesem Fall der Zug, mit einem Magnet, also dem Trassee, konfrontiert, wehrt er sich gegen das eindringende Magnetfeld. Das Resultat: Er drängt vom Magnet weg und erhebt sich wie von Geisterhand und schwebt.Aber nicht nur das. Die Waggons bewegen sich exakt über dem Trassee. Denn ganz kann ein Supraleiter ein Magnetfeld nicht abschirmen. Es verbindet sichin sogenannten Flussschläuchen mit supraleitendem Material und klammert sich fest.Der Zug wird zwar vom magnetischen Trassee weggestossen, ist aber trotzdem mit ihm verbunden.Enormes Potential«Jetzt müssten die Kurven der Schwebebahn nur noch so gelegt werden, dass dieBahn möglichst schnell fahren kann», schmunzelt Simon Strässle. «Dafür verwendeten wir die Berechnungen der SBB.» Einmal angeschoben, rast die Geisterbahn ganz ohne Strom im Kreis.Das Ziel des Physik-Instituts ist natürlich nicht eine Hightech-Modellbahn für verspielte Forscher. «Supraleiter haben ein enormes Potenzial», betont Strässle. «Gelingt es Wissenschaftlern, ein Material zu entwickeln, das auch bei Raumtemperaturen funktioniert, steht uns eine technologische Revolution bevor.»

Top 3

1 Kältewelle Wasserrohrbruch in SBB-Gebäude verursacht Mega-Schadenbullet
2 Betrugs-Opfer Conni Kuhn erzählt «Wie konnte ich nur so dumm sein?»bullet
3 Lawinendrama am Pilatus Sportschule trauert um ihren «Studi»bullet

Schweiz