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Ich bin katholisch, römisch-katholisch, aufgewachsen in der tiefschwarzen Innerschweiz. Erzkatholisch bin ich auch erzogen worden. In der ersten Klasse wurde ich angehalten, auf jede meiner Zeichnungen das Auge Gottes hinzumalen, ein Dreieck mit einem stilisierten Auge in der Mitte. Denn – so die Erklärung – Gottes Auge ist überall, Gott ist allgegenwärtig.
Dann lernte ich die zehn Gebote, katholische Werte und Moral, lernte, was gut ist und was böse. Ich lernte zum Beispiel, dass auch unzüchtige Gedanken Sünde sind. Das Leben aber lehrte mich eine andere Lektion: dass die Stellvertreter Gottes auf Erden, die mir diese Moral beibrachten, selbst ihre Mühen damit hatten. Da half keine Auge Gottes.
Im katholischen Internat wussten wir Kinder ganz genau, vor wem wir uns in Acht nehmen mussten. Wir gaben uns gegenseitig Tipps: Bei dem musst du die Lippen zusammenpressen, wenn er dich küssen will; erschrick nicht, wenn er dir den Oberschenkel massiert. An einem Ort gehörte sogar Nacktduschen unter «Aufsicht» zum Alltag.
Wenn heute der Abt von Einsiedeln aufgrund der neusten Missbrauchsfälle «eine grosse Chance» sieht und meint: «Wir können die Probleme, die es ganz offensichtlich gibt, angehen», dann wirkt das auf mich arg scheinheilig. Die katholische Kirche hätte 2000 Jahre lang Zeit gehabt, diese «Probleme» anzugehen. Missbrauch gibt und gab es massenhaft. Viele wussten davon – und schwiegen.
Das Schweigen hatte System. Als Papst Benedikt noch Chef der Glaubenskongregation war, kämpfte er für strikte Geheimhaltung. Noch 2001 verordnete er, wie der Religionsspezialist Michael Meier im «Tages-Anzeiger» schreibt, für alle Missbrauchsfälle «päpstliche Geheimhaltung». Der spätere Papst wus-ste schon damals so viel über sexuellen Missbrauch in der Kirche wie kein Zweiter.
Nur unter öffentlichem Druck tut er etwas. 2008 traf sich Benedikt XVI. in den USA mit den Opfern pädophiler Priester. Gestern reagierte er auf die unzähligen sexuellen Übergriffe in der Kirche Irlands mit einem Hirtenbrief. Wortreich und salbungsvoll wandte er sich an die irischen Katholiken: in routinierter erzkatholischer Scheinheiligkeit. Zu all den andern Skandalen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – kein Sterbenswörtchen.
Es fällt mir schwer, den Glauben an diese Kirche nicht zu verlieren.
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Ringier-Publizist Hannes Britschgi interviewt für Blick.ch Spitzenpolitiker. (Geri Born)