Präsident der Gesundheitsdirektoren-Konferenz Pierre -Yves Maillard «Darum brauchen wir eine Einheitskasse light»

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Henry Habegger

Schluss mit dem Wildwest-Wettbewerb auf dem Buckel der Prämienzahler. Immer mehr kantonale Gesundheitsdirektoren fordern neue Krankenkassen-Modelle.

Es spinnt, unser Krankenkassensystem. Erwachsene zahlen 2010 im Schnitt 8,6 Prozent höhere Prämien.

Kinder zahlen 10 Prozent mehr, junge Erwachsene sogar 13,7 Prozent. Für 2011 und 2012 werden bereits weitere Prämienschocks angekündigt. Die Kassen selbst sind ratlos. «Der Wettbewerb ist selbstmörderisch geworden», sagte Felix Schneuwly, Sprecher des Kassenverbands Santésuisse.

Pervertierungen im System häufen sich. Beispiel Kinderprämie in Lausanne. Bei der einen Kasse kostet sie 70 Franken pro Monat. Bei der anderen 140. Exakt die gleiche Leistung kostet das Doppelte!

Oder der Umstand, dass der angeschlagene Marktleader Helsana seine Prämien überdurchschnittlich erhöht. Auch bei seinen Billigkassen. Das heisst: Helsana will Kunden verlieren. So kann er seine Reserven sanieren. Denn die Versicherten zügeln die Reserven nicht mit.

Dafür muss die Kasse, die die Kunden aufnimmt, wieder neue Reserven für sie aufbauen. Durch höhere Prämien! «Ein Teufelskreis», sagt Pierre-Yves Maillard (SP, VD), Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektoren. Den Kantonen platzt der Kragen ob dem Wildwest-Wettbewerb zulasten der Prämienzahler. Maillard selbst will eine «Einheitskasse light» (im BLICK). Die soll die Reserven der Kassen verwalten und die Prämien einziehen. Damit die Spekulation mit Versichertengeldern ein Ende hat und die Prämien den wirklichen Kosten entsprechen.

Private Krankenkassen gäbe es weiter, sie würden noch Verwaltungsfunktion übernehmen, so Maillard. Als Alternative denkt er darüber nach, den Kantonen die Kompetenz zu geben, kantonale Einheitskassen einzuführen.

Die Tessiner Sanitätsdirektorin Patrizia Pesenti (SP) spricht im «Corriere del Ticino» von einer «öffentlichen Krankenkasse des Bundes». Als Einheitskasse oder im Wettbewerb mit Privaten: «Ich glaube, die Zeit ist reif, um die Initiative zu ergreifen und die Monopole der privaten Versicherer zu zerschlagen.» Gleich denkt laut BLICK-Informationen etwa auch der Berner
Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud.

Umgedacht hat auch der Walliser Gesundheitsdirektor Maurice Tornay (CVP). Er verlangt die «Abschaffung der Reserven». Sie seien schlicht unnötig.

Die Kantonsvertreter erwarten jetzt Taten von der Bundespolitik. Und überlegen sich die Lancierung einer Volksinitiative. «Sie könnte den nötigen Druck auf Reformen erzeugen», sagt Maillard.

Prämien-Hotline: Die häufigsten Fragen und grössten Sorgen

Das Hotline-Telefon läutete gestern pausenlos. Das wollten die BLICK-Leserinnen und Leser wissen:Wie finde ich die billigste Kasse? Mit den Prämienrechnern im Internet. Soll ich wirklich zur billigsten Kasse wechseln?Im Prinzip ja. Die Grundversicherung ist überall die gleiche. Es gibt aber Unterschiede bei der Kundenfreundlichkeit. Bewertungen finden sich zum Beispiel bei Comparis, K-tipp und Beobachter. Kann ich auch wechseln, wenn ich krank bin? Ja. Schicken Sie aber Ihre Kündigung der bisherigen Kasse mit einem eingeschriebenen Brief (Musterbrief) Kann ich die Grundversicherung wechseln, wenn ich auch noch eine Zusatzversicherung habe? Ja. Wenn man die Zusatzversicherung bei der bisherigen Kasse lässt, darf diese allerdings einen Zuschlag verlangen. Doch von dieser Möglichkeit machen heute praktisch keine Kassen mehr Gebrauch.Soll ich auch die Zusatzversicherung wechseln? Junge Gesunde, vor allem Männer, haben da kein Problem. Doch je älter man wird, umso schwieriger wird ein Wechsel der Zusatzversicherung. In jedem Fall sollte man sie bei der bisherigen Kasse erst kündigen, wenn man die schriftliche Aufnahme-Bestätigung der neuen Kasse hat.Wenn ich eine höhere Franchise wähle, bin ich dann drei Jahre daran gebunden? Nein, vorderhand noch nicht. Der Nationalrat hat dies zwar beschlossen. Doch der Ständerat wird frühestens im Dezember darüber befinden. Sogar wenn er zustimmt, kann diese neue Bestimmung nicht Anfang 2010 in Kraft treten.Auch die nächsten Wochen ist die Hotline von BLICK und dem Dachverband Schweizerischer Patientenstellen in Betrieb. Und zwar Dienstag, Mittwoch und Freitag von 14 bis 17 Uhr. Die Nummer: 026 422 27 25.
Der Waadtländer Regierungsrat Pierre-Yves Maillard macht Druck.- Keystone

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